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Liebe unter Kannibalen von Werz, Sabine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.05.2013
  • Verlag: Edel Elements
eBook (ePUB)
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Liebe unter Kannibalen

Eines Tages erhält die Kölner Reisejournalistin Charlotte Dornfelder die Nachricht, dass sie eine alte Zuckerfabrik am Rhein erbt, die im Zweiten Weltkrieg ihrem Großvater gehörte und nun auf Drängen von Kulturamt und ambitionierten Architekten zu einem Museum umgebaut werden soll. Bei der notwendigen Recherche zur Familie der Dornfelders, die Charlottes Jugendfreund Cantucci übernimmt, der inzwischen Historiker geworden ist, werden nicht nur alte Wunden wieder aufgerissen - auch die Zuckerfabrik birgt ein schreckliches Geheimnis ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 31.05.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783955301866
    Verlag: Edel Elements
    Größe: 2309kBytes
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Liebe unter Kannibalen

3.

V om Traum ist nur eine Gänsehaut geblieben. Den Rest hat Charlie im Sekundenbruchteil des nächsten Lidschlags vergessen. Sie setzt sich im Bett auf. Der Vorhang vor dem Schlafzimmerfenster bauscht sich im Wind und fängt blendendes Licht. Charlie greift hinüber zum Nachttisch. Sie hat den Wecker nicht klingeln hören, muss wohl wieder auf dem rechten Ohr geschlafen haben.

Elf Uhr schon.

Jeden Morgen ist sie später dran und wie zerschlagen.

Die Kissen fühlen sich klamm an. Es muss am Wetter liegen, tippt sie mit Blick auf den gleißenden Vorhang. Ein verfrühter Maisommer liegt über der Stadt, lässt das Leben stocken wie Milch, verwirrt die Menschen und erschöpft einen sogar im Schlaf. Charlie wirft das Laken beiseite, vergräbt die Füße im tiefen Teppich. Fühlt sich an wie Sand. Ihr wird schwindlig, fast so als müsse sie sich übergeben. Ein hohes Pfeifen schwillt in ihrem tauben Ohr auf und wieder ab.

Unsinn.

Muss an dieser elenden Wohnung liegen, dass sie zu viel schläft und dann schlecht gelaunt aufwacht. Eine halbe Fabriketage bietet viel Platz für eine ausufernde Fantasie und herrenlose Gedanken. Vor allem, wenn die Etage Teil eines Erbstücks ist, das man nicht haben will. Charlies Erbstück ist die Dornfelder Zuckerfabrik und ihre Wohnung das ehemalige Kontor des Zuckerbarons. Hier wohnt sie seit einem Monat.

Anton Kellmanns hat alles saniert und einen sehr nackten Architektentraum daraus gemacht, für den er einen Preis bekommen hat: Freigeschlagene Ziegelmauern, Steinböden, freiliegende Versorgungsleitungen und bodentiefe, stahlgerahmte Fensterfronten zur Flussseite hin.

Zusammen ergibt das zweihundert Quadratmeter und eine sorgsam veredelte Fabrikatmosphäre, die keine eigenen Verzierungen verträgt. Ihre Mutter hat das Ganze vor zwei Jahren in Auftrag gegeben oder besser: Sie hat Kellmanns freie Hand gelassen und in einem Anflug später Gier seinem seifigen Vertretergeschwätz von "innovativen Investitionen" und einer "enormen Wertsteigerung" vertraut. Die beiden haben gigantische Pläne für den Umbau der Fabrikruine geschmiedet, bis der Tod dazwischengefunkt hat.

Der Tod der Mutter, aber auch Anselm Rottgarten, der Leiter des Bürgerzentrums, das im linken Fabriktrakt untergebracht ist. Ein undurchsichtiger Kauz, dem Charlie noch weniger traut als Kellmanns. Den treibt nur Gewinnsucht, er ist ein gewöhnlicher Kungler, der seine Finger auch in den Baufirmen zu haben scheint, die er beschäftigt. Gut möglich, dass er sich für seine Aufträge ordentlich schmieren lässt. Er ist etwas zu schnell reich geworden, nachdem er jahrelang nur für den Aufbau des "Zuckerhut" und wenig lohnende alternative Bauprojekte gekämpft hat. Charlie zuckt die Achseln. Wenigstens zahlen seine Manipulationen sich für alle Beteiligten aus.

Rottgarten hingegen ist ein spät berufener Esoteriker, der mit verschwiemelten Nachrichten aus dem Jenseits eine Seite in ihrer sterbenden Mutter zum Schwingen gebracht hat, die Charlie peinlich ist. Einen törichten Hang zu Mystik und Versöhnlichkeit. Fast so als habe sie auf den letzten Metern zum Grab noch ein sehr feiger Katholizismus gepackt, eine Reue, die sie nichts mehr kosten konnte und ihren Lebenslügen einen höheren Sinn gab. Charlie schüttelt sich bei dem Gedanken.

Dann schon lieber dieser großspurige Loft, der sich aus den amerikanischen Achtzigern hierher an den Rhein verirrt hat. Immer hatte ihre Mutter ein Händchen für die falschen Männer an ihrer Seite. Darin ist sie sich treu geblieben.

"Vorbei", sagt Charlie laut und zuckt. Wie hohl ihre Stimme von den kahlen Wänden widerhallt. Sie hat beim Einzug nur lustlos ein paar Möbel und Reisemitbringsel in der Wohnung platziert. Sie wollte hier nicht heimisch werden.

Genau, nickt sie sich jetzt im Spiegel zu, der gegenüber an der Wand lehnt. Mein Gott sieht sie fertig aus. Leichenblass, die dunklen Haare ganz zerstrubbelt, dazu ih

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