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Lieber Leo von Schneider, Hansjörg (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Lieber Leo

Bea hat ihn nach zehn Jahren ohne Adieu verlassen. Die Suche nach ihr führt den Erzähler zu den Schauplätzen ihrer Liebe und seiner Biographie: ins Tessin, nach Basel, nach Paris im Mai 1968, nach San Francisco, nach Berlin ... Als der Erzähler Bea wiederfindet, muss er erfahren, dass sein bester Freund Leo etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hatte. Er schreibt ihm einen langen Brief: Lieber Leo ... Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, arbeitete nach dem Studium der Germanistik und einer Dissertation unter anderem als Lehrer, als Journalist und am Theater. Mit seinen Theaterstücken war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine Hunkeler

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257607277
    Verlag: Diogenes
    Größe: 681 kBytes
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Lieber Leo

{5} L ieber Leo, ich sitze in meinem Zimmer, Holsteinische Straße 18 , Hinterhaus, 5 . Stock, West-Berlin. Ich sitze an einem ovalen Tisch, der nicht mir gehört, und schreibe dir. Das Büchergestell an der Wand gegenüber, das mir auch nicht gehört, ist leer. Die Matratze am Boden habe ich bei Wertheim gekauft. Sie ist aus Schaumgummi, auf ihr verbringe ich meine Tage.

Lieber Leo, du liegst im Grab. Deine Kleider sind verfault, die Erde drückt auf dich, zerdrückt dein nasses Fleisch, erdrückt die Hohlräume in deinem Leib, die die Ärzte hinterlassen haben, als sie nach den Ursachen deines Todes suchten. Einzig deine Nickelbrille wird noch ganz sein, die dir Claire auf die Nase gesetzt hat, bevor dein Sarg geschlossen wurde. Durch diese Brille hast du die Welt zur Kenntnis genommen, bis du dich hingelegt hast und starbst.

Lieber Leo, mein Fleisch ist trocken, der Raum, in den ich geflohen bin, ist voll Luft. Ich atme, ich sitze, ich schaue durch das Fenster auf die leere Krone des Kastanienbaumes im Hinterhof. Ich versuche, deinen Tod zur Kenntnis zu nehmen. Warum bist du gestorben? Das alles ist doch nicht so schlimm.

Lieber Leo, als ich im letzten Herbst Bea nachfuhr, weil ich meinte, nicht ohne sie leben zu können, wusste ich nicht, dass du es warst. Woher hätte ich es wissen sollen? Von dir?

{6} Bea war wie jeden Morgen nach Lugano gefahren, um einzukaufen. Als sie nach drei Stunden nicht zurück war, ahnte ich, dass ich sie verloren hatte.

Kennst du das? Du liegst noch im Bett, weil du bis spät in die Nacht gearbeitet hast, du gibst dich den hellen Morgenträumen hin, du weißt undeutlich, dass es außerhalb des Bettes kühl ist, und plötzlich spürst du in deinen Handtellern kalten Schweiß. Ich wusste genau, dass es unsinnig war. Aber ich sprang auf, zog mich an und raste mit meinem Auto nach Lugano hinunter. Ich parkte vor dem Supermarkt, rannte hinein, drängte mich durch die vor der Kasse wartenden Frauen und setzte mich wieder ins Auto. Auf der Fahrt durch die Leventina hatte ich den einen unsinnigen Gedanken: Das ist mein letzter Herbst, und es ist mein schönster Herbst. Der Himmel war blau, die Lärchen waren bereits gelb, das Licht war weiß.

Lieber Leo, ich glaubte noch nicht daran, dass Bea weg war. Sie fährt über den Gotthard, dachte ich, sie will die hell bestrahlte Steinwüste oben sehen, sie parkt ihren blauen VW neben dem See auf der Passhöhe, sie steigt aus und reibt sich ihr Gesicht mit dem letzten Schnee ein. Ich verlud meinen Wagen auf die Eisenbahn, um schneller drüben zu sein. Im Tunnel dachte ich daran, wie oft wir uns in dieser Schwärze geliebt hatten und wie schön wir uns geliebt hatten. Ich hielt mich am Steuerrad fest. Vor mir war ein Opel. Seine Innenbeleuchtung war eingeschaltet. Ich sah ein älteres Ehepaar. Ich konzentrierte mich auf ihre Hinterköpfe. Sie blieben unbeweglich, bis der Zug ins Tageslicht fuhr.

In Göschenen wartete ich eine halbe Stunde. Sie wird {7} kommen, redete ich mir ein, gleich biegt der blaue VW um die Ecke, drin sitzt Bea mit frischem Gesicht und hellen Augen.

Der blaue VW kam nicht. Ich raste die Autostraße hinunter. Die letzten niederländischen Touristen waren unterwegs. Ich überholte ihre Wohnwagen, dachte nur an mein Ziel: Bea.

Bea war nicht in Basel. Ihre Mutter wusste von nichts. Ich saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Kanapee, auf dem ich Bea zum ersten Mal zu lieben versucht hatte, ich ließ mir Kaf fee einschenken, rührte zwei Zuckerwürfel hinein und wusste, dass ich Bea verloren hatte.

Ich fuhr zurück ins Tessin, fast behutsam, als ob etwas zerbrechen könnte. Oben auf der Passhöhe stieg ich aus. Der See war noch nicht zugefroren, aber es hatte geschneit. Ich nahm eine Handvoll frischen Schnee und drückte ihn gegen meine Stirn.

Wasser rann über meine Augen, ich fing es mit der

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