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Lotti, die Uhrmacherin Nachwort von Eva Schörkhuber von Ebner-Eschenbach, Marie von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.05.2019
  • Verlag: Reclam Verlag
eBook (ePUB)
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Lotti, die Uhrmacherin

Klassikerinnen neu entdeckt von Schriftstellerinnen der Gegenwart Lotti ist eine Frau in einer Männerdomäne und nicht nur darin ein Vorbild. Sie bleibt sich treu, verfolgt emanzipiert ihren Weg und findet auf diese Weise auch privat ein spätes Glück. 'Fräulein Lotti erwacht. Ihre Stunde hat geschlagen. Sie wird sich erheben und ihrer Zeit, die gemessen voranschreitet, auf eine Weise begegnen, die uns auch heute noch bewegt.' (Eva Schörkhuber) Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) gilt als die bedeutendste österreichische Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Sie führte ein für ihre Zeit sehr selbstbestimmtes Leben, blieb kinderlos und verfolgte, unterstützt durch einen liberal denkenden Ehemann, konsequent ihre schriftstellerischen Ambitionen. Schon zu Lebzeiten wurde sie sehr viel gelesen, wobei ihr zunächst die Erzählung 'Krambamuli' (1883) zu großer Bekanntheit verhalf. Zu ihren wichtigsten Werken zählen neben 'Lotti, die Uhrmacherin' (1880) die 'Aphorismen' (1880) sowie der 1887 erschienene Roman 'Das Gemeindekind'. Eva Schörkhuber, 1982 in St. Pölten geboren, lebt als freie Autorin, Lektorin und Kulturwissenschaftlerin in Wien. Zuletzt erschien 2017 ihr Roman 'Nachricht an den großen Bären'. Für Suhrkamp gab sie 2015 die gesammelten politischen Essays über Österreich von Robert Menasse heraus. Ausgezeichnet wurde sie u. a. mit dem Theodor-Körner-Preis (2013).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 150
    Erscheinungsdatum: 24.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783159614762
    Verlag: Reclam Verlag
    Größe: 750 kBytes
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Lotti, die Uhrmacherin

1

Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr , die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des altertümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechsmal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr , eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. - Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! - Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig ich's an.

Eine kleine Pause - und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte, das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlussgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, dass es heute einen schönen Tag gebe - war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn - sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Äußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, dass ich anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah - einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiss kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Zivilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast wie ein Chaldäer betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen.

Dieses Stück Himmel, obwohl - nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem Fräulein die ganze im Übrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinaufführten, als eine höchst anmutige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und beinahe ebenso lohnend.

Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Beletage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen gibt's freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.

Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippeln dicke graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu servieren pflegt. Kaum weniger gespannt als

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