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Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten Roman von Rehlein, Susann (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2016
  • Verlag: DuMont Buchverlag
eBook (ePUB)
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Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten

Lucy Schröder würde die Liebe nicht erkennen, wenn man sie mit der Nase darauf stieße. Als sie sieben war, erwischte ihr Vater sie bei einer Testreihe zur Funktionsweise des Küssens und schärfte ihr daraufhin ein, sich von Liebe und Gefühlsduselei fernzuhalten. Jetzt ist sie erwachsen - und hält sich immer noch daran. Erfolgreich wehrt sie jeden Annäherungsversuch ab. Ihr Leben als Schneekugeldesignerin ist auch ohne die Gegenwart anderer Menschen interessant genug, findet sie. Doch eines Tages ändert sich alles. Als wäre im Himmel die Zuckerwattemaschine verrückt geworden, hüllt Zuneigung die spröde Lucy von allen Seiten ein. Sie hat nämlich eine Beratertätigkeit im maroden Kaufhaus Schönstedt angenommen, und hier arbeiten so liebevolle und freundliche Menschen, dass Lucy gar nicht anders kann, als sich zu öffnen. Die Folge ist der völlige Kontrollverlust, das war ja klar. Lucy verliebt sich. Hals über Kopf. Mit Haut und Haar. Mit Mann und Maus. Da hilft auch das Orakel des fahlen Fisches nicht mehr, das Lucy gerade für eine Schneekugel baut und das für diesen Fall vorschlägt: "Zieh dich warm an, Mädchen, es wird heiß."

Susann Rehlein, geboren in Leipzig, hat Germanistik und Slawistik studiert. Sie arbeitet als Journalistin und Lektorin und lebt in Berlin-Kreuzberg. Bei DuMont erschien bislang Die erstaunliche Wirkung von Glück

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 18.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783832189334
    Verlag: DuMont Buchverlag
    Größe: 1252 kBytes
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Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten

Wahrscheinlich hat die WG sie angezeigt. Diese Arschkrampen. Oder Friedemann vom Lieferservice. Jedenfalls sitzt sie jetzt diese Woche zum zweiten Mal auf ihren Fäusten dem fahlen Pawel gegenüber. "Auf Ihrer Schirmmütze steht Fuck you ?", fragt er.

"Sagen Sie bloß", erwidert sie. "Wir im einundzwanzigsten Jahrhundert sagen übrigens Cap dazu. Cap, Komma, die." Sie tippt an den Schirm. Er schüttelt den Kopf und notiert irgendwas. Wahrscheinlich schreibt er nur deshalb die ganze Zeit auf seinem Block rum, damit nicht so auffällt, dass er ihr nicht in die Augen gucken kann. Für einen Analytiker findet sie ihn unerwartet schüchtern. Auf einer Skala von eins bis zehn würde sie ihm eine Neun geben, was die Schüchternheit angeht. Sich selbst nur eine Sieben. Das sagt doch alles. Ihre Hausaufgabe, näselt er, sei es gewesen, Leute kennenzulernen, nicht, sich lediglich unter ihnen aufzuhalten. Er klingt wie ein Kastrat, als er das sagt, und sieht auch so aus, wie er da mit ihrem viertelseitigen Bericht rumwedelt. Natürlich, das müsse er zugeben, der vierspurige Kottbusser Damm mit dem Lärm und den Menschenmassen sei eine Herausforderung, und dass sie mal alle Straßenlaternen zwischen Kottbusser Tor und Warschauer Platz katalogisiert habe und die defekten dann auch gleich gemeldet, sei ehrenwert, aber gelten lassen könne er den Ausflug trotzdem nicht.

"Giltet nicht?", fragt sie kokett, soweit sie kokett erinnert. Aber er ist nicht zu beeindrucken. Außerdem hat sie die defekten gar nicht gemeldet. Wem auch, der Regierung? Das hat sie nur geschrieben, damit der Bericht länger als drei Zeilen wird.

"Wann haben Sie zuletzt geduscht?", fragt er grob unhöflich. "Dreipunktwäsche. Heute Morgen", antwortet sie neutral, soweit sie neutral erinnert. "Nicht schon wieder meckern. Das wurde über Jahrhunderte so gehandhabt."

"Wenn man auf dem Land lebte und der nächste Bauernhof fünf Werst entfernt war." Eins zu null für ihn. Sie lacht trotzdem nicht. Wenn er nicht kooperiert, kooperiert sie auch nicht. Dabei platzt sie fast in dem Bemühen, nicht Schlagbáum zu sagen und Butterbróty , neben der Maßeinheit Werst die einzigen beiden russischen Wörter, die sie weiß. Pawel ist Russe. Hat er durch die geschlossenen bleichen Lippen gestanden, als sie bei ihrer ersten Sitzung vor zwei Wochen nachgefragt hat. Mütterlicherseits. Schade. Väterlicherseits wär lustiger. Pawel Kortschagin klingt einfach exotischer als Pawel Schneu, löst allerdings auch Erwartungen aus, die Pawelino dann eh nicht erfüllen würde.

Sie soll bitte in der realen Welt Leute kennenlernen, sagt er im Aufstehen und lächelt noch ein letztes Mal buttrig auf sie herab, und ihm nächste, spätestens übernächste Woche per Mail (er hat also Kenntnis von der Existenz des Internets) über die neuen Menschen in ihrem Leben berichten. Anhand dieses Berichts wird er über sein weiteres Vorgehen entscheiden.

Mindestens drei Seiten: Kindheit, Interessen, Eigenheiten, was man mit den neuen Leuten zusammen erlebt hat. Das kann sie aber nicht.

Verdammt.

Zurück in der WG knallt sie ihre Zimmertür hinter sich zu, was nicht viel Eindruck macht, weil die anderen beiden nicht da sind.

Sie braucht einen Plan. Und zwar asap. Sonst muss sie demnächst in eine sogenannte Einrichtung, das hat Pawel ihr deutlich mitgeteilt. Der sozialmedizinische Dienst wird sich bei ihm nach ihren Fortschritten erkundigen. Wen die einmal an der Angel haben, den lassen die nicht wieder zurück in seinen Teich. Es droht gewissermaßen das Goldfischglas. Und da würde sie eingehen wie ... wie ... wie ...Was ihr bevorsteht, ist so abscheulich, dass es dafür keine angemessene Formulierung gibt - sagen wir der Einfachheit halber, in einer psychiatrisch kontrollierten Einrichtung würde sie eingehen wie eine Primel im Goldfischglas. Sie heißt übrigens Lucy. Und auch wenn ihr der Arsch auf Grundeis g

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