text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Müller haut uns raus Roman von Schmidt, Jochen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.03.2017
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Müller haut uns raus

In Jochen Schmidts erstem Roman befindet sich der Ich-Erzähler in einer fatalen Situation: Er leidet an einer halbseitigen Gesichtslähmung, kann deshalb nur noch grinsen und muß ins Krankenhaus. Die Ursache für diese Erscheinung kann entweder Streß oder die Entspannung nach Streß sein, und ähnlich klar fällt auch die Selbstanalyse des Helden aus. Irgendetwas ist schief gelaufen, und weil sein Körper nicht mehr weiterzuwollen scheint, läßt er die Jahre nach der Wende noch einmal Revue passieren. Er wollte so geheimnisvoll wirken wie Heiner Müller, oder wenigstens so traurig wie J.D. Salinger, aber gleichzeitig in einer Punk-Band Gitarre spielen. Dabei gerät er in einen Kreis von Künstlern und Pseudokünstlern um den Maler Anselm und lernt dort Judith kennen, was sein Leben vom ersten Tag an verkompliziert. Er geht mit ihr in die französische Provinz, trifft dort Lucía, sein spanisches Schlamassel, und verliebt sich in Deborah, weil sie wie Woody Allen und der Break-Dance aus New York kommt. Aber seine Suche nach der Liebe scheitert immer wieder an seiner Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und die angehäuften Erinnerungen machen ihm zusehends zu schaffen. Mit entwaffnender Selbstironie, einer bestechenden Beobachtungsgabe, mit Schwung und voller Komik erzählt Jochen Schmidt in diesem Roman, wie schwer und wie kurios es ist, in Zeiten universeller Ironie und gegen alle Widerstände sein Ziel zu verfolgen. Jochen Schmidt wurde 1970 in Berlin geboren und studiert dort Informatik, Germanistik und Romanistik. Er arbeitete als Übersetzer für Französisch und liest jede Woche in der " Chaussee der Enthusiasten " in Berlin. 1999 war er Preisträger beim Open-Mike -Wettbewerb der LiteraturWERKstatt Pankow, 2000 erschien sein erstes Buch mit Erzählungen unter dem Titel Triumphgemüse bei C.H.Beck.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 350
    Erscheinungsdatum: 14.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406699146
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2987 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Müller haut uns raus

Teil I

"Sollen wir das Leben nur haben,
um die Freunde zu begraben?"

(Inge Müller, Rendezvous 44)

"Herr, brich mir das Genick im Sturz von einer Bierbank."

(Heiner Müller, Hamletmaschine)
Eine halbe Träne

I

Kurz nach der Wende, ich kam gerade in ein Alter, in dem es für mich an der Zeit gewesen wäre, erwachsen zu werden, lernte ich Anselm kennen. Er wohnte noch bei seiner Mutter und verbrachte die meiste Zeit in seinem Zimmer, das er als Atelier benutzte. Jedesmal, wenn ich ihn dort besuchte, hatte er neue irritierende Bilder gemalt, denen er so seltsame Namen wie "Sokrates II", "Wohltemperiertes Klavier" oder "Mondgeröll" gab. Mit Wasserbechern und zerknautschten Farbtuben eroberte er die ganze Wohnung, bis seine alleinstehende Mutter aufgab und in ihre Gartenlaube zog. Es war für mich immer etwas Besonderes, Anselm zu treffen, weil er so zielstrebig wirkte, wie ich es gern gewesen wäre. Er gab einem auch das Gefühl, daß diese Begegnungen nicht nur für uns bedeutungsvoll waren, sondern daß ihr genauer Verlauf später einmal von dazu ausgebildeten Spezialisten erforscht werden würde. Am meisten imponierten mir seine festen Ansichten zu allem. Weil er sich den Gesetzen des Markts entziehen wollte, war er entschlossen, nie ein Bild zu verkaufen, sondern sie alle zu verschenken. Es ging ihm vor allem darum, den richtigen Ort für die Bilder zu erobern. Oft standen diese Orte schon fest, lange bevor die Bilder fertig waren. Wenn er Zweifel hatte, ob der Beschenkte bis zur Fertigstellung noch leben würde - denn für ein Bild konnte er ein paar Jahre einplanen-, begann er mit ihm zu korrespondieren, um ihn davon zu überzeugen, daß dieses Che-Guevara- oder Klaus-Kinski-Porträt unbedingt in seine Bibliothek gehörte. Es konnte sich aber auch um den Panzersafe einer Bank, die Waffenkammer einer Kaserne, den Probenraum eines Orchesters oder ein spanisches Kloster handeln.

Um mich für ein Treffen mit Anselm zu qualifizieren, hatte ich behauptet zu schreiben. Ich war auch arrogant genug, es mir zuzutrauen, aber es waren bisher nur schwermütige Monologe herausgekommen, in denen ein Ich auf Sternen durchs Weltall ritt und nach einem anderen Ich suchte. Aber ich war jung und mußte nichts übers Knie brechen. Im Moment mochte ich es vor allem, an der alten Maschine meines Großvaters zu sitzen, sie machte so ein entschlossenes Geräusch, wenn man auf ihr seitenlang seinen Namen hämmerte.

Es war nicht das erste Mal, daß ich mich voreilig zum Schriftsteller erklärt hatte, schon in einer Schulpause, als Olaf zu mir sagte: "Dieser Typ, der aussieht wie Jesus, macht heute eine Party, er hat eine Druckerpresse organisiert und druckt sein Buch", hatte ich, ohne zu überlegen, geantwortet: "Ich schreibe auch ein Buch." Vielleicht wollte ich das Gespräch nur in Gang halten, denn ich war jedesmal stolz, wenn Olaf etwas zu mir sagte, weil er bei uns zu den Prominenten gehörte. Sein Vater war ein erfolgreicher Kanute und hatte nach Olafs Geburt nichts mit der Mutter zu tun haben wollen. Aus Rache hatte sie ihren Sohn nach ihm benannt.

Mein erstes Buch wurde nicht lang. Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters und nahm mir vor, jeden Tag eine Seite hinzuzufügen. Aber schon als ich die Hauptfigur einführte, für die mir kein passender Name einfallen wollte, merkte ich, wie unsinnig es war zu schreiben: "Er hatte eine dicke Nase und schütteres Haar." Ich hätte auch schreiben können: "Er hatte eine schüttere Nase und dickes Haar", es war mir völlig gleich, was er hatte, woher sollte ich das auch wissen? Ein paar Zeilen weiter ließ ich den Helden sagen: "Ich hasse Straßenbahnen. Sie sind so gelb." Daß mein Held alles gut oder schlecht finden mußte, hatte ich mir von Salinger abgeguckt. Ich strich den Satz durch und sch

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen