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Mann ohne Pflichten Roman von Bundi, Markus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.08.2015
  • Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
eBook (ePUB)
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Mann ohne Pflichten

Er wähnt sich als Mann ohne Pflichten. Peter Meander, ein Mittfünfziger, hat seine Stelle als Kurator an den Nagel gehängt und will endlich herausfinden, was den Menschen ausmacht. Der eigenen Widersprüchlichkeit immer wieder geschickt aus dem Weg gehend, befällt ihn das Leben plötzlich von mehreren Seiten - und er gerät buchstäblich außer Tritt. Seine Gefühle schlagen Purzelbäume, machen Kopfstand. Seiner eigenen (sympathischen) Unzulänglichkeiten ziemlich bewusst, versucht da einer einzuholen, was nicht mehr einzuholen ist: das bereits gelebte Leben. Dem tiefen Ernst der Frage steht freilich ein "Held" gegenüber, der wahlweise Luftgitarre spielt oder aus Versehen einem Kaktus das Genick bricht. Und den man ob solcher Peinlichkeiten und ob solcher Missgeschicke einfach mögen muss: querdenkend eigen. Da sind aber auch noch der kleine Robert, der einmal die Woche zum Mittagessen zu ihm kommt, seine Stieftochter Anja, der verstorbene Onkel Felix, der nach wie vor zu ihm spricht, und noch der Nachbar Kellermann, dessen Verschwinden Meander keine Ruhe lässt - und nicht zu vergessen ist da Carmen, die Galeristin. Und "gegen all das", gegen die gegebenen Umstände, gegen den Status quo noch einen Rest Selbstbestimmung hochzuhalten, das weiß Meander, das ist die Kunst, die Lebenskunst. Markus Bundi, 1969 geboren, lebt in Neuenhof in der Schweiz. Studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Zürich, arbeitete als Kulturredakteur bei einer Schweizer Tageszeitung und unterrichtet seit mehreren Jahren an der Alten Kantonsschule Aarau. Herausgeber der Werkausgabe von Klaus Merz im Haymon Verlag, Innsbruck, und Herausgeber auch der REIHE im Zürcher Wolfbach Verlag. Zuletzt sind von ihm bei Klöpfer & Meyer mit großem Erfolg die Novelle "Emilies Schweigen" (2013) sowie die Erzählung "Die Rezeptionistin" (2014) erschienen. www.markusbundi.ch

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 168
    Erscheinungsdatum: 24.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863512453
    Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
    Größe: 398 kBytes
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Mann ohne Pflichten

2 Die Frau starrte in die Leere. Sie horchte dem Plätschern zu, saß auf dem Granitsockel im Zentrum des Brunnens, lauschte und saß nur da. Über Nacht hatte sie den bronzenen Fuß aufs Knie gelegt und sich ein wenig weiter nach vorn gebeugt, sodass man die leere Weinflasche auf ihrem Schoß nicht gleich sah. Doch der grün getönte Hals schaute neckisch zwischen ihren Brüsten hervor.

Als die Flasche leer war, erschien ihrem Besitzer, dem Trinkbruder der Nacht, die Frauengestalt. Er lächelte ihr zu oder rülpste, beklagte sich oder schüttelte den Kopf, sie gab sich keine weitere Blöße und wurde deswegen oder auch grundlos mit diesem Leergut neu in Szene gesetzt. Jetzt, bei Tageslicht, zeigten die Kinder auf sie, und eines rief:

- Schau, eine Flaschenpost!

Als wüsste die Kleine, dass der Bote kein Betrunkener, sondern ein Künstler gewesen war.

Meander löste den Blick von der Plastik und fragte sich, ob er derjenige gewesen sei, der vergangene Nacht diese Begegnung gehabt hatte. Er war nicht mehr aus dem Haus gegangen, hatte sich stattdessen mit aller Vernunft dem Schlaf hingegeben. So eine Flaschenpost aber, das sähe ihm ähnlich, das war ihm zuzutrauen; man tat so vieles, wovon man wenig später schon nichts mehr wusste. Dem Gedächtnis war nur bedingt zu trauen. Bald würden die Kinder auf ihn zeigen, auf einen, der sich abhandengekommen war. Meander spürte das Gewicht, fühlte den aufkommenden Schmerz in der Hand, der von den Tragriemen herrührte, die merklich ins Fleisch seiner Finger schnitten. Er hatte eingekauft, mochte die Tüte aber nicht hinstellen, wechselte stattdessen die Hand, und es war Peter, als käme er erst jetzt zu sich.

Der Gedanke, er hätte der nächtliche Künstler sein können, hatte ihm gefallen, gefiel ihm noch. Zum Nachtwandler taugte er allerdings nicht. Ein einziges Mal nur, vor vielen Jahren, hatte Meander sich in der eigenen Wohnung verirrt. Er hatte kurz nach Mitternacht das Büro betreten, wo er dann in eindeutiger Stellung von seiner Frau, die ihn noch nicht verlassen hatte, ertappt und gefragt worden war, was er hier zu tun gedenke - ob er tatsächlich auf seinen Arbeitstisch schiffen wolle. Er habe damals geantwortet, berichtete ihm seine Frau am nächsten Tag, er müsse den Kunstraum verdoppeln. Er hatte sich nur schwer davon überzeugen lassen, zu diesem Zweck doch besser das Bad aufzusuchen. Selber erinnern konnte sich Meander freilich an nichts.

Jener Künstler aber, der die bronzene Nackte ursprünglich geschaffen hatte, war ein guter Freund von Onkel Felix gewesen. Meander erinnerte sich an seinen ersten und einzigen Besuch im Atelier des Künstlers. Sie hatten den Mann bei einem Nickerchen überrascht, und Felix entschuldigte sich, man hätte den Maestro , wie er ihn begrüßte, nicht bei der Arbeit stören wollen - worauf der Mann ihnen zuzwinkerte, sich die Latzhose abklopfte, die Gäste an den Tisch bat und drei Gläser füllte.

Meander vernahm Kindergelächter und erschrak. Es mochten inzwischen andere Kinder sein als noch zuvor oder noch immer dieselben, er überprüfte das nicht. Wie ein Schuldbewusster ging er, hängenden Kopfes, und er schaute weder nach links noch nach rechts. Peter hatte das Atelier des alten Künstlers wieder vor Augen, eine umgebaute Scheune, in der es sehr zugig gewesen war. Von den Querbalken der Decke baumelten an langen Kabeln nackte Glühbirnen, auf die einfache Gesichter gezeichnet waren. Lachende, lächelnde und traurige. Die Wände waren voller Skizzen: Formen und Konturen, Menschenfiguren in flüchtigen Linien, die aber etwas Kraftvolles in sich bargen. Auf Holzpodesten die Steine, ringsum Werkzeug am Boden, leere Flaschen auch, und in der einen Ecke hatte ein alter Rettungsring gelegen.

- Ja, ich fürchte, eines Tages in diesem Atelier zu ertrinken.

Der Maestro hatte laut aufgelacht, doch in seinem Blick war keine Spur von Fröhlichkeit zu erkennen gewesen. Die Arbeiten im Atelier, fertige wie un

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