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Marianengraben Roman von Schreiber, Jasmin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.02.2020
  • Verlag: Eichborn AG
eBook (ePUB)
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Marianengraben

'Ein Buch, das Geborgenheit bietet und Hoffnung schenkt' Yasmina Banaszczuk Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt - auf die eine oder andere Weise. Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkinder-Fotografin. Das Internet macht sie auf Twitter unter @LaVieVagabonde unsicher. Jasmin Schreiber lebt in Frankfurt am Main.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 28.02.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732587957
    Verlag: Eichborn AG
    Originaltitel: Marianengraben
    Größe: 2139 kBytes
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Marianengraben

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Weißt du noch, als Ronny gestorben ist und du zwei Tage lang so traurig warst, dass dir nicht einmal dein Lieblingseis geschmeckt hat? Als ich mit dir zum Kinderarzt gehen musste, weil du der Meinung warst, dass das komische Gefühl in deinem Bauch bestimmt eine sehr schlimme Krankheit sei, dabei war es nur Trauer um unseren Hund? Nach zwei Tagen konntest du wieder essen, nach einer Woche war es besser und einen Monat nach Ronnys Beerdigung hast du nur noch selten an ihn gedacht.

Bei mir ist es auch so gewesen, als du plötzlich fort warst, nur stärker. Ich konnte gar nichts mehr essen, nicht mehr zur Uni gehen. Ich hatte dieses Gefühl, das du im Bauch hattest, in meinen Armen und in meinen Beinen und in meinen Ohrläppchen und in der Nasenspitze und sogar im Blinddarm. Ja, ich weiß, was du jetzt denkst, den Blinddarm hätte ich wegmachen lassen können, so wie du damals mit sieben. Aber ich brauche ja noch meine Nasenspitze und meine Arme, daher hätte das gar nicht viel geholfen, nur den Blinddarm entfernen zu lassen. Das Gefühl war so schlimm, dass ich nicht mehr aufstehen konnte, nicht mehr duschen, gar nichts mehr. Und irgendwann ist das komisch umgekippt und ist weggegangen, aber kein neues Gefühl setzte sich an seine Stelle. Stattdessen war da nur noch: Leere.

Weißt du noch, als ich dir Die Unendliche Geschichte vorlas und die Stelle kam, an der das Nichts um sich greift?

"Wie sieht das denn aus, das Nichts?", fragtest du mich.

"Na ja, das Nichts sieht eben nicht aus. Sonst wäre es ja was."

"Wie kann denn etwas nicht sein?"

"Hm", sagte ich dann nur. Das war eine wirklich schwierige Frage. Du hast immer sehr schwierige Fragen gestellt, was vermutlich daran lag, dass du sehr schlau warst, vermutlich auch viel schlauer, als ich es in deinem Alter gewesen war.

"Vielleicht so wie: Hier neben mir steht kein Stuhl?", überlegte ich laut. Neben mir stand nämlich kein Stuhl.

"Hm", sagtest du dann.

Wir hatten keine Lösung und das beschreibt auch die Situation, in der ich damals nach deinem Tod war, sehr gut: Ich hatte keine Lösung. In mir breitete sich das Nichts aus, es hatte kein Gefühl, kein Aussehen, keinen Geruch, keinen Klang, keinen Geschmack. Ich war ein Menschenkostüm, das Nichts enthielt. Depression nennt man das landläufig, behandlungsbedürftig natürlich und deshalb ging ich zu einer Ärztin in der Hoffnung, dass sie irgendwas in mich reinschütten würde. Ich ging zu einer Psychiaterin.

Eines Tages saß ich also im Wartezimmer auf einem sehr harten Holzstuhl neben einem Schirmständer, der voller Regenschirme war, obwohl sich außer mir nur zwei ältere Menschen im Raum befanden und es nicht einmal geregnet hatte. Die beiden anderen gehörten zusammen, ich schätzte das Paar auf Ende achtzig oder Anfang neunzig, sie waren so klein und zart wie Elfen, sogar älter als Oma und Opa und puh, das ist dann ja ganz schön alt. Ich glaube, sie waren so alt wie die Ticktack-Oma, kurz bevor sie starb. Du nanntest sie so, weil du lange gedacht hast, es hieße Uhr-Oma und nicht Ur-Oma, und eine Uhr macht eben Ticktack .

Ich betrachtete jetzt das Ticktack-Paar genauer. Die Frau sank immer mal wieder in sich zusammen, woraufhin der Mann sie wieder ein bisschen zurechtrückte. Sie richtete sich dann auch ein wenig von selbst auf und blieb so, wie sie positioniert worden war, bis sie nach und nach wieder in ihrem Stuhl nach unten rutschte. Die Haut an ihren Händen war so fein, dass ich aus circa drei Metern Entfernung ihre Blutgefäße sehen konnte, sie war ein fragiler Vogel aus Transparentpapier. Der alte Mann legte ihr eine Zeitschrift auf den Schoß und bemühte sich um Normalität, doch sie nahm das gar nicht wahr. Er nahm ihren Arm, hob ihn an, platzierte die Zeitung darunter und legte den Arm wieder darauf, er befestigte die Seiten regelrecht an ihr, es war traurig und skurril gleichzeitig. Die Frau schwieg und blickt

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