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Marzahn, mon amour Geschichten einer Fußpflegerin von Oskamp, Katja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.07.2019
  • Verlag: Hanser Berlin
eBook (ePUB)
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Marzahn, mon amour

'Katja Oskamp braucht nicht viele Worte, um ein ganzes Leben zu erzählen. Normale Leute, ein kaum beachteter Ort - spektakuläre Geschichten.' Bov Bjerg Katja Oskamp ist Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen. Also macht sie etwas, was für andere dem Scheitern gleichkäme: Sie wird Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, einst das größte Plattenbaugebiet der DDR. Und schreibt auf, was sie dabei hört - Geschichten wie die von Herrn Paulke, vor vierzig Jahren einer der ersten Bewohner des Viertels, Frau Guse, die sich im Rückwärtsgang von der Welt entfernt, oder Herrn Pietsch, dem Ex-Funktionär mit der karierten Schiebermütze. Geschichten voller Menschlichkeit und Witz, Wunderwerke über den Menschen an sich - von seinen Füßen her betrachtet. Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, ist in Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft arbeitete sie als Dramaturgin am Volkstheater Rostock und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisher wurden von ihr der Erzählungsband Halbschwimmer und die Romane Die Staubfängerin und Hellersdorfer Perle veröffentlicht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 22.07.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446265110
    Verlag: Hanser Berlin
    Größe: 2050 kBytes
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Marzahn, mon amour

Die mittleren Jahre , in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das du zusteuerst, erkennst du noch nicht deutlich genug. In diesen Jahren strampelst du in der Mitte des großen Sees herum, gerätst außer Puste, erschlaffst ob des Einerleis der Schwimmbewegungen. Ratlos hältst du inne und drehst dich dann um dich selbst, eine Runde, noch eine und noch eine. Die Angst, auf halber Strecke unterzugehen ohne Ton und ohne Grund, meldet sich.

Ich war vierundvierzig Jahre alt, als ich die Mitte des großen Sees erreichte. Mein Leben war fad geworden - das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig. Ich trug etwas Bitteres vor mir her und machte damit die Unsichtbarkeit, die Frauen jenseits der vierzig befällt, vollkommen. Ich wollte nicht gesehen werden. Aber ich wollte auch nicht sehen, ein Überdruss an Köpfen, Gesichtern und gut gemeinten Ratschlägen. Ich tauchte ab.

Am 2. März 2015 , wenige Tage nach meinem fünfundvierzigsten Geburtstag, packte ich Kleidungsstücke, Schuhe, Handtücher und ein Spannbettlaken in eine große Tasche und fuhr damit von Friedrichshain nach Charlottenburg. Als ich den S-Bahnhof verließ, fürchtete ich, die Literaturagentin zu treffen, die in der Nähe ihr Büro betrieb und mir zuletzt nur Absagen übermittelt hatte - meine Novelle war von zwanzig Verlagen abgelehnt worden. Ich ging ein paar Umwege, schlich um die Ecken; ich war viel zu früh. Als ich das Haus Nummer 6 erreichte, standen da Frauen vor dem Eingang, ebenfalls mit großen Taschen oder kleinen Rollkoffern, Frauen wie ich, nicht mehr jung, nicht mehr schlank. Ich fragte zögerlich, ob ich hier richtig sei. Sie nickten. Wir lächelten schwach. Ja, noch einmal etwas Neues wagen, wer weiß, ob es das Passende ist. Mit einer verhärmten Arzthelferin aus Spandau rauchte ich eine Zigarette. Dann wurde es Zeit, ins Haus zu gehen. Der Fahrstuhl fasste nur zwei Leute. Wir gingen alle zu Fuß, stiegen die Stufen hinauf; jedem Stockwerk folgte ein weiteres. Der Frauentrupp schnaufte unter der Last des Gepäcks, erreichte schweigend das Dachgeschoss. Eine Frau stand in der Tür, dürr und lang, in weißer Kleidung.

"Gitta", sagte sie, lächelte nicht, gab jeder von uns die magere Hand. "Zieht euch um und breitet die Spannbettlaken über die Stühle, auch über die Armlehnen."

Wir drängten uns in die Umkleideecke, packten unsere Utensilien aus, achteten darauf, nicht zu viel Platz zu beanspruchen, schämten uns unserer in die Jahre gekommenen Körper, als wir die dunklen Hosen abstreiften und in weiße stiegen. Wir zerrten die Laken über die Stühle und stellten uns ungeschickt an. Wir wollten keine Fehler machen. Wir waren Schülerinnen. Wir hatten den Kurs Fußpflege A in einer Schule für Heilberufe und Kosmetik gebucht, die sich hochtrabend Akademie nannte. Gitta war unsere Lehrerin.

Wir machten viele Fehler. Wir vergaßen die Fußanalyse, das Handtuch auf dem Schoß, die Polster für die Kniekehlen. Wir verwechselten Krallen- mit Hammerzehen, Haut- mit Eckenzangen, Desinfektionslösung mit Alkohol. Wir schlampten bei den Hygienevorschriften. Wir verschwendeten Nagelhautweicher, setzten das Skalpell falsch an, kriegten die Klinge nicht in den Hobel. Wir waren zu vorsichtig, zu brutal, zu gründlich, zu flüchtig, zu langsam, zu schnell. Wir verletzten uns gegenseitig. Manchmal blutete eine und musste verarztet werden. Wir verziehen einander alles. Wenn wir Gittas Fragen nicht beantworten konnten, drucksten wir herum wie Stümper, Pfuscher, Idioten. Ihre spitze Stimme versteifte uns die Nacken.

In den Pausen stiegen wir die Treppen hinab, standen vor dem Haus Nummer 6 , aßen unsere Stullen, rauchten.

Eine blonde Russin war dabei, die golddurchwirkte Strickpullover trug und di

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