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Mehr Meer Erinnerungspassagen von Rakusa, Ilma (eBook)

  • Verlag: Droschl, M
eBook (ePUB)
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Mehr Meer

Eine Kindheit und Jugend in Mitteleuropa, als dieses Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg gerade seine politischen und kulturellen Konturen neu eingeschrieben bekam: Ilma Rakusa geht in ihren Erinnerungen dem kleinen Mädchen nach, der Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter, deren Lebensstationen von einer slowakischen Kleinstadt über Budapest, Ljubljana, Triest nach Zürich - und von da weiter ausgreifend nach Ost und West, nach Leningrad/Petersburg und Paris reichen. Die überall Fremde, Nicht-ganz-Zugehörige findet sehr früh schon ihre Heimat in der Musik, im Klavierspielen, und, mit der Entdeckung Dostojewskijs, in der Literatur, aber auch in der Bewegung, im Unterwegssein, im Reisen. Mehr Meer geht weit über eine Nacherzählung einer Kindheit und Jugend hinaus; es ist die Beschwörung dessen, was von den vielen Lebensorten und Begegnungen bleibt: Töne und Klänge, Farben und Stimmungen, einzelne Szenen und Blitzlichter ('Die Bilder, sage ich, in Ehren. Aber zuerst kommen die Gerüche.'). In vielen kleinen Selbstbefragungen, in Dialogen, Gedichten und Erinnerungsbildern geht Ilma Rakusa ihrer Geschichte auf den Grund: der vom Vater initiierte ständige Ortswechsel, das Paradies des Meeres und der Küste in Triest und Grado, erste Küsse, erste Reisen, die Musik und die Begegnung mit den Ritualen der Ostkirche, die ersten Auslandsjahre in Paris und im damals noch sowjetischen Leningrad. Ilma Rakusa nähert sich ihren frühen Jahren äußerst unsentimental und auch nicht mit dem Eifer der Bekennerin, dafür mit großer Genauigkeit in einem sehr schwierigen Bereich: im Atmosphärischen, das sie mit Knappheit und Präzision erdet. In ihrem Erinnerungsband erstehen die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts im prismatischen Blick einer außergewöhnlichen Schriftstellerin, die wie wenige in und zwischen verschiedenen Kulturen lebt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 352
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783854207696
    Verlag: Droschl, M
    Größe: 342 kBytes
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I. Wer war Vater?

Als er starb, hinterließ er nichts Persönliches. Keine Briefe, keine handschriftlichen Notizen, nichts. In seinem Schreibtisch lag der Autoschlüssel mit dem silbernen Mariatheresien-Taler, in den Schubladen Bankauszüge, Versicherungsausweise, säuberlich geordnet. Keine unbezahlten Rechnungen. Alles transparent, verständlich, korrekt. Zahlen, kleine, große. Ein abstrakter Kosmos. Die Kartonmappen rosa, zitronengelb, mausgrau, ohne Flecken und Knicke, geruchlos. Er hatte für uns vorgesorgt, auf lange Jahre. Das war seine Selbstlosigkeit. Ich roch an seinen Kleidern. Sie hingen still im Schrank. Kleiderkolonnen wie Zahlenkolonnen. Der leicht ausgefranste Pulloverärmel war tröstlich, und unten die ausgetretenen Lederpantoffeln. Fast bekam ich Mitleid mit ihnen. Argloser konnte man nicht sein. Und anhänglicher. Vor dem stummen Krawattenrudel machte ich kehrt. Er wollte. Wollte einiges aus seinem Leben aufschreiben, weil ich ihn darum gebeten hatte. Für die Nachwelt, sagte ich, für uns, sagte ich. Er trug sich so lange mit dem Gedanken, bis es zu spät war: Er fiel vom Stuhl und blieb liegen. Ohne eine einzige Zeile zu Papier gebracht zu haben. Draußen sehr Dezember, von den kahlen Bäumen tropft nasser Schnee. Jeder Ast zeichnet sich ab, der Garten ist lichter geworden. Auch die Vergangenheit hat sich gelichtet. Skelettiert streckt sie mir Erinnerungen entgegen, Rutenbündel, mit einigen aufflammenden Blättern.

Wenn Vater Musik hörte, hielt er den Kopf schief wie ein Vogel. Er saß im blauen Fauteuil, ich im beigen. Wir sprachen nicht, wir waren in Bruckners Siebte vertieft. Manchmal stützte er den Kopf auf, als wäre er ihm zu schwer geworden, gedankenschwer. Den Fluß seiner Gedanken kannte nur er. Es war ein Fluß, der von weit kam und wer weiß wohin führte. Mit der Musik verband er sich am besten, ohne seine Quellen preiszugeben. Vater war schweigsam und war es nicht. Offen und verborgen zugleich. Er war großherzig, tapfer über die Maßen, uneitel, standhaft wie ein Baum. Ein kleiner, feingliedriger Mann, dessen Humor schalkhaft aus den Augen leuchtete. Pathos war ihm fremd. So fremd wie der Pomp der katholischen Kirche. Das Befreiende fand er in der Musik und in der Natur. Manchmal teilte ich seinen Raum. Wenn wir so einmütig schwiegen, daß unser Atem verschmolz. Bei Bruckners Siebten, beim Gehen durch den Kastanienwald. Mit niemandem sonst hielt ich das Schweigen aus, es bekam Mißtöne, schuf Verlegenheit. Mit Vater war es weit, eine sprechende Stille. Wir gingen. Von Bondo nach Castasegna, auf dem Römerweg. Der Kies knirschte unter unsern Sohlen, aus den Wipfeln Vogelrufe. Unbändiges Grün, in allen Schattierungen. Dazwischen das Grau der Felsblöcke, moosüberwachsen. Wir gingen zügig, wir sprachen kein Wort. Auf der Waldwiese blieben wir stehen. Die Berge traten hervor, ein gezackter Horizont in gleißendem Licht. Dann nahm uns der Wald wieder auf. Hier wuchsen hohe Tannen und nur vereinzelt Kastanienbäume, und der Weg stieg an. Noch immer gingen wir zügig, wie durch einen kühlen Tunnel. Es roch nach Harz. Und plötzlich sprach ich ihn an. Erzähl, Vater, von damals. So, mitten im Wald, ohne Vorbereitung. Er wirkte nicht überrascht. Im Alltag war die Zeit knapp, und in Gegenwart Dritter wollte ich keine Fragen stellen. Jetzt war es gut, auch wenn unser Atem schnell ging.

Du hast schon in der Schülerzeitung linke Artikel geschrieben? Ich hielt es für meine Pflicht. Ging das 1933 im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ohne Rüge ab? Mein Vater, der zu mir stand, aber als Gymnasialprofessor in Maribor keine extremen Ansichten vertreten durfte, hat mich auf die Risiken aufmerksam gemacht. Ich nahm sie in Kauf. Drohte kein Ausschluß aus der Schule? Hätte ich meine Aktivitäten verstärkt, vielleicht schon. Du hast also Matura gemacht und bist nach Ljubljana gegangen? Ich habe in Ljubljana Chemie studiert und 1940 bei Professor Samec abgeschlossen, der meine

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