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Mein fremder Bruder Roman von Anam, Tahmima (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.09.2011
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Mein fremder Bruder

Wie kann es sein, daß der eigene Bruder plötzlich nur noch die Regeln Allahs befolgt? Daß er den eigenen Sohn vernachlässigt, weil er glaubt, daß Gott es so will? Als Maya Haque nach vielen Jahren zu ihrer Familie nach Dhaka zurückkehrt, versteht sie die Welt nicht mehr. Sohail, ihr geliebter Bruder, einst ein fortschrittlich denkender junger Mann und wie sie flammender Kämpfer für die Freiheit Bangladeschs, hat sich in einen strenggläubigen Moslem verwandelt. Mayas Elternhaus ist zum Ort fundamentalistischen Wahns geworden, und Sohail verbietet seinem Sohn Zaid den Besuch einer weltlichen Schule. Aber auch in Mayas Leben hat sich viel verändert. Als Ärztin auf dem Land mußte sie erfahren, wie brutal Frauen unterdrückt werden, wie stark der dumpfe Aberglaube der Dorfbevölkerung nach wie vor ist. Die Greuel des Unabhängigkeitskrieges haben bei allen tiefe Spuren hinterlassen: den unzähligen vergewaltigten Frauen, den traumatisierten jungen Kämpfern. Maya nimmt sich des vernachlässigten kleinen Zaids an. Aber als Sohail Zaid auf eine entfernte Koranschule schickt, wo er mißhandelt wird, ist für Maya das Maß voll.

Tahmima Anam, 1975 in Dhaka in Bangladesch geboren, wuchs in Paris, New York und Bangkok auf, studierte an der Harvard University und lebt in London. Ihr von der Presse vielbeachteter Erstling Zeit der Verheißungen (A Golden Age) war ein großer internationaler Erfolg: "(...) nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein üppig angerichtetes Bollywood-Drama."

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 335
    Erscheinungsdatum: 21.09.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458751106
    Verlag: Insel Verlag
    Originaltitel: The Good Muslim
    Größe: 1375kBytes
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Mein fremder Bruder

1984

Februar

Erst als Silvi gestorben war, konnte Maya nach Hause zurückkehren. Sie dachte einen Augenblick über diese Tatsache nach, als sie sich im Dritte-Klasse-Abteil auf die Holzbank setzte. Auf dem Schoß hielt Maya ihre ganze Habe: Einen kleinen Rucksack mit zwei Saris, einen Salwar Kamiz [1] , ein Paar Turnschuhe, eine Arzttasche mit Stethoskop und ein kleines Mangobäumchen für ihre Mutter. Es war schwierig gewesen, den Baum zu verpacken; er war nicht leicht und der in Erde gepackte Wurzelballen dick und unhandlich. "Der Baum überlebt nicht", sagte der Bauer, von dem sie ihn gekauft hatte. "Das ist ein Rajshahi-Baum, der gehört nach Rajshahi."

Eine alte Frau mit einem Tiffinbehälter rutschte auf den Platz neben ihr. Sie starrte Maya einen Augenblick lang an, dann klemmte sie den Blechbehälter zwischen die Knie, zog eine Gebetskette heraus und fing an, das Glaubensbekenntnis vor sich hin zu murmeln.

La ilaha illa llah wa muhammadan rasul allah.

Natürlich würde er überleben. An der Westseite des Gartens war eine leere Ecke, und wenn irgend jemand diesen Baum zum Tragen bringen konnte, dann war es Ammu. Andererseits waren sieben lange Jahre vergangen – sie wußte nicht mal, ob die Ecke noch leer war.

Eine Gruppe junger Männer kam ins Abteil. Sofort fingen sie an herumzualbern, eine Streichholzschachtel und ein Päckchen Star-Zigaretten herumgehen zu lassen und zu rauchen. Maya widerstand dem Wunsch, sie zurechtzuweisen, drückte das Gesicht gegen die waagerechten Gitterstäbe des offenen Abteilfensters und starrte hinaus auf die müllübersäten Gleise, den Bahnsteig, wo kleine Jungen Erdnüsse und kühle Getränke verkauften, und hinaus zu den saftiggrünen Mangohainen. Sie würde das alles vermissen. Das Haus mit den zwei Zimmern, das sie gemietet hatte, stand jetzt leer, der rohe Betonboden war gefegt und gewischt. Und die Veranda, auf der sie ihre Patienten behandelt hatte, war ebenfalls leer. Verschwunden waren der Untersuchungstisch, der kleine Tisch, auf dem ihre Ausrüstung gelegen hatte, der hölzerne Stuhl, über den sie am Ende des Tages ihren weißen Kittel mit den Kugelschreibern in der Brusttasche gehängt hatte.

Angefangen hatte es mit einer Handvoll Schlamm. Sie sagte sich, daß der Wind eine Kokosnuß oder ein Stück Holz gegen ihr Haus geweht haben mußte. Drei Tage lang schenkte sie dem Geräusch keine Beachtung.

In der vierten Nacht das Lachen. Unmißverständlich: Jemand hielt sich den Mund zu, aber ein Prusten war ihm entwischt. Das nervöse, mädchenhafte Kichern eines jungen Mannes.

Maya rannte nach draußen und starrte in die Finsternis, konnte aber nichts sehen. Nichts ist dunkler als eine mondlose Nacht in Rajshahi.

Geendet hatte es Monate später mit dem Blinken eines Messers. Sie sah es wieder vor sich: Eine geschmeidige, helle Bewegung wie das Zungenlecken einer Katze, und etwas weiß Aufblitzendes, das ihr ins Auge fiel, der Saum eines langen Gewands, das über dem Knöchel eines Mannes schwebte, als er aus dem Zimmer schlüpfte und verschwand. Mayas Hand fuhr an ihre Kehle, an den Wundschorf, der dort noch schwarz und anklagend zu spüren war. Der Mann hatte sie nicht geschnitten, er hatte das Messer nur an ihren Hals gedrückt: Damit gab er ihr zu verstehen, daß sie noch nicht miteinander fertig seien, daß er jeden Augenblick wieder erscheinen und die Sache zum Abschluß bringen konnte.

Ja, das Dorf würde ihr fehlen. Nazia und das Haus und die Mangos und der Weg rund um den Teich. Aber die Katzenzunge die

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