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Mein geliebter Regen von Lindquist, Håkan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.05.2012
  • Verlag: Bruno Gmünder Verlag
eBook (ePUB)
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Mein geliebter Regen

Während eines Urlaubs in Estland lernt der 16-jährige Oscar den gleichaltrigen Rein kennen und lieben. Als Oscar wieder zurück nach Schweden muss, will er nur noch eines: so schnell wie möglich zu seiner großen Liebe zurück. Mit großer Detailfreude schildert Lindquist die großen und zugleich beängstigenden Gefühle zweier Jungs, die sich sinnlich und gewitzt ihrer selbst bewusst werden und gemeinsam die Kindheit hinter sich lassen. Hakan Lindquist was born in Sweden. He lives in Stockholm and in Berlin. He has written five novels, many short stories, one opera libretto and several articles mainly on literature and art. He is currently working on a new novel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 16.05.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867874014
    Verlag: Bruno Gmünder Verlag
    Größe: 690 kBytes
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Mein geliebter Regen

2

Alles begann kurz nach dem Schulabschluss, ich war mit meiner Mutter nach Estland gefahren. Merkwürdigerweise schien ich ihn zu kennen, gleich bei unserer ersten Begegnung oben auf der Stadtmauer. Tallinn ähnelt jener Stadt, in der ich aufgewachsen bin, und ist dennoch völlig verschieden von ihr, angefangen von den Mauern, die die jeweiligen mittelalterlichen Stadtkerne umgeben, über einige der Kirchtürme und viele der Häuser, besonders die alten Backsteinhäuser mit den Fachwerkfassaden. Alles ist so ähnlich, dass ich mich einen Augenblick lang fragte, ob auch er, der Junge, der sich nur wenige Meter von mir entfernt mit einer Kamera über die Mauer lehnte, in meiner Heimat Visby ein Ebenbild hatte. Es war wie ein Erkennen, als ob ich gewusst hätte, wer er war. Wie bei einem Wiedersehen. Oder mehr noch: wie eine Reflektion. Ich hatte, ohne es wirklich erklären zu können, ein Gefühl, dass wir trotz aller äußerer Unterschiede einander ganz ähnlich waren, dass wir vielleicht sogar dieselben Träume träumten.

Meine Mutter genoss die Aussicht, und ich betrachtete nur ihn. Sein dunkles, fast schwarzes Haar, die Locke, die über seine Augen hing. Seine grünen Augen. Mutter bemerkte es, folgte meinem Blick, und ich ahnte mehr, als dass ich es sah, dass sie ihre Stirn in Falten legte. Dann sagte sie etwas wie, dass man sich besser nicht so weit über die Mauer lehnte. Ich selbst hatte keinen Moment lang Angst um ihn, und gerade als ich ihr das sagen wollte, als ich sagen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, verlor er das Gleichgewicht.

Mutter schrie auf. Ich stürzte auf ihn zu und erwischte ihn gerade noch am Arm. Ich war geradezu überrascht, dass ich das noch geschafft hatte. Ob ich unterbewusst bereits geahnt hatte, dass er mich brauchen würde? Keine Ahnung, jedenfalls zog ich ihn mit so großer Kraft zurück, dass er mir in die Arme fiel, anstatt von der hohen Steinmauer herunter. Wir torkelten, bevor wir das Gleichgewicht wiederfanden.

Sein Gesicht hatte sich verändert. Er war völlig bleich. Dann fluchte er. Glaube ich. Ich konnte nur wenige Worte Estnisch, aber der Tonfall ließ es wie fluchen klingen. Und dann hörte ich noch ein Wort, ein Wort, das man wiedererkennt, egal, in welchem Land man sich gerade befindet: Kamera. Ich schaute auf seine Hände. Sonnengebräunt, wunderschön und ... leer.

Er starrte mich böse an, und da kam auch die Farbe wieder zurück in sein Gesicht. Ich hatte den Eindruck, er glaubte, dass ich am Verlust seiner Kamera Schuld war.

"I'm sorry" , murmelte ich. "Ich wollte nicht ... Ich wollte dir nur helfen."

"Ich brauche keine Hilfe", antwortete er verärgert und entzog mir seine Hände, die ich immer noch hielt.

Meine Mutter sagte etwas, und er wandte sich ihr zu. Ich sah sein Gesicht im Profil, die schwarzen Augenbrauen, die Form seiner Lippen – die Oberlippe sprang ein wenig hervor, als wolle sie nach etwas schnappen – und seinen Hals, der wie dafür gemacht schien, gestreichelt oder geküsst zu werden. Ich lief rot an, wendete mich ab, trat an die Mauer heran und schaute hinab. Sie war an dieser Stelle nicht sehr hoch. Die Kamera lag neben einem Busch auf der Wiese.

"Warte!", rief ich, ohne ihn anzusehen. Und dann lief ich durch den Durchgang neben dem Turm die Treppe hinunter.

Die kleine Digitalkamera war erstaunlich leicht und kompakt, ein wenig mit Erde beschmutzt, schien aber ansonsten unversehrt. Ein paar der dünnen Rillen glänzten vielleicht mehr als andere. Ich wischte die Kamera mit dem Ärmel meines Pullovers ab und sprang dann die Treppen hinauf.

Der Junge unterhielt sich mit meiner Mut

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