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Meistererzählungen von Némirovsky, Irène (eBook)

  • Erschienen: 25.09.2014
  • Verlag: Knaus
eBook (ePUB)
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Meistererzählungen

Irène Némirovsky als große Könnerin der kleinen Form

Die im vorliegende Band versammelten neun Erzählungen, darunter die viel gerühmte Erzählung "Rausch", greifen all die Themen auf, um die das literarische Schaffen Irène Némirovskys kreist: Intrigen, verbotene Leidenschaften, dunkle Geheimnisse, unstillbare Freiheitssehnsucht und kopflose Flucht. Pointiert und unsentimental beobachtet die große französische Schriftstellerin eine Welt, deren Existenz gefährdet ist.

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman 'David Golder', der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zumarschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als 'Suite française' veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.

Produktinformationen

    Größe: 466kBytes
    Herausgeber: Knaus
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 224
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783641147327
    Erschienen: 25.09.2014
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Meistererzählungen

Sonntag

D ie Rue Las Cases lag ruhig da wie im Hochsommer, jedes offene Fenster wurde von einer gelben Markise geschützt. Die schönen Tage waren zurückgekehrt; es war der erste Frühlingssonntag. Lau, ungeduldig, unruhig trieb er die Menschen aus den Häusern, aus den Städten. Der Himmel strahlte in sanftem Glanz. Man hörte den Gesang der Vögel im Square Sainte-Clotilde, ein erstauntes und träges zartes Piepen, und in den stillen, hallenden Straßen das rauhe Krächzen der Autos, die aufs Land fuhren. Keine andere Wolke als eine kleine, fein gerollte weiße Muschel, die einen Augenblick am Himmel schwebte und im Blau zerschmolz. Mit entzücktem, vertrauensvollem Gesichtsausdruck hoben die Passanten den Kopf und atmeten lächelnd den Wind.

Agnès schloß halb die Fensterläden: Die Sonne war warm, die Rosen würden zu rasch aufblühen und absterben. Die kleine Nanette kam hereingerannt, von einem Fuß auf den andern hüpfend.

"Darf ich rausgehen, Mama? Es ist so schönes Wetter."

Schon ging die Messe zu Ende. Schon liefen die Kinder in hellen Kleidern mit nackten Armen durch die Rue Las Cases, ihre Gebetbücher in den weißbehandschuhten Händen, und umringten eine kleine Kommunikantin mit dicken roten Wangen unter ihren Schleiern. Rosige und gebräunte Waden, flaumig wie Früchte, schimmerten in der Sonne. Aber noch läuteten die Glocken, langsam und melancholisch schienen sie zu sagen: "Geht, gute Leute, wir bedauern, euch nicht länger behalten zu können. Wir haben euch beschützt, so lange wir konnten, aber nun müssen wir euch der Welt und euren Sorgen zurückgeben. Geht jetzt, die Messe ist gelesen."

Als sie verstummten, war die Straße vom Duft des warmen Brots erfüllt, der stoßweise aus der offenen Bäckerei drang; man sah die frisch gereinigten Fliesen blinken, und die in die Wände eingelassenen schmalen Spiegel glänzten matt im Dunkel. Dann ging ein jeder nach Hause.

Agnès sagte:

"Nanette, sieh nach, ob Papa fertig ist, und sag Nadine Bescheid, daß das Essen auf dem Tisch steht."

Guillaume trat ein und verbreitete den Geruch nach edlen Zigarren und Lavendelwasser, den sie immer mit Unbehagen einatmete. Er war, noch mehr als sonst, fett, gesund und glücklich.

Sobald sie bei Tisch saßen, verkündete er:

"Ich will Ihnen gleich sagen, daß ich nach dem Essen wegfahre. Wenn man die ganze Woche in Paris erstickt ist, ist es das mindeste ... Verlockt Sie das wirklich nicht?"

"Ich möchte die Kleine nicht allein lassen."

Guillaume zog Nanette, die ihm gegenübersaß, an den Haaren; sie hatte in der letzten Nacht einen Fieberanfall gehabt, der allerdings so leicht gewesen war, daß ihre frische Farbe nicht gelitten hatte.

"Sie ist nicht sehr krank. Sie hat einen wunderbaren Appetit."

"Oh, sie macht mir keine Sorgen, Gott sei Dank", sagte Agnès. "Ich werde sie bis vier Uhr hinausgehen lassen. Wo fahren Sie hin?"

Guillaumes Miene verdüsterte sich.

"Ich ... Oh, ich weiß noch nicht ... Sie haben die Manie, alles im voraus festzulegen ... In die Gegend von Fontainebleau oder Chartres, aufs Geratewohl, ins Blaue ... Nun? Begleiten Sie mich?"

"Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn ich einwilligte", dachte Agnès. Das ein wenig verkrampfte Lächeln im Winkel ihrer zusammengepreßten Lippen irritierte Guillaume. Aber sie antwortete wie gewöhnlich:

"Ich habe im Haus zu tun."

Und sie dachte: "Wer ist es diesmal?"

Guillaumes Mätressen.

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