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Melusine von Wassermann, Jakob (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.01.2017
  • Verlag: Null Papier Verlag
eBook (ePUB)
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Melusine

In seinem ersten Buch 'Melusine' von 1896 erzählt der noch unbekannte Autor Jakob Wassermann von einer jungen, unreifen Liebe, die vom ersten Moment an zum Scheitern verurteilt scheint. Der junge Student Vidl Falk freundet sich mit der jungen Melusine an. Melusine, genannt Mely, hat sich mit ihrem Vormund Oberst Wolfgang Thewalt überworfen und droht nun mittellos zu werden. Will Vidl der jungen Frau anfangs noch beistehen, lassen Melys Verhalten und ihre Antworten viele Fragen über ihr wahres Verhältnis zum Oberst offen; ihre wirklichen Motive bleiben rätselhaft. Ist es Liebe oder Abhängigkeit, die sie zwischen dem jungen Studenten und ihrem Vormund hin- und hertaumeln lassen. Wie auch Vidl bleibt der Leser im Unklaren, der Autor lässt in den wichtigsten Momenten den literarischen Vorhang fallen und überlässt das Ungeschriebene der Fantasie. Null Papier Verlag Jakob Wassermann ( 10. März 1873 in Fürth; ? 1. Januar 1934 in Altaussee) war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller. Er zählte zu den produktivsten und populärsten Erzählern seiner Zeit. Neben Romanen schrieb Wassermann auch Biographien (Christoph Columbus, 1929) und setzte literarisch mit dem Leben von Juden unter Nicht-Juden auseinander (Mein Weg als Deutscher und Jude, 1921).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 244
    Erscheinungsdatum: 29.01.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783954188321
    Verlag: Null Papier Verlag
    Größe: 1231 kBytes
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Melusine

III.

F räulein Mirbeth kehrte in ihr Zimmer zurück. Lange Zeit ging sie auf und nieder, mit großen Schritten und scheinbar völlig losgelöst von allem, was sie umgab. Sie war phlegmatisch in ihren Bewegungen und ihr Gesicht verriet keine innere Regung mehr. Aber etwas Freudloses und Hoffnungsloses lag auf ihr wie Novemberreif. Beim ersten Anblick erschien sie schlaff, müde und gleichgültig.
Sie setzte sich an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier zur Hand und schickte sich an, zu schreiben. Doch blieb es nur beim Ansetzen der Feder, deren Spitze sie stets ängstlich betrachtete. Offenbar wußte sie genau, was sie schreiben wollte: Satz für Satz; aber diese Sätze aufs Papier zu bringen, war ihr unmöglich. Unmutig warf sie die Feder fort und stützte den Kopf in die Hand. Jetzt mußte sie aufquellende Tränen verschlucken und plötzlich errötete sie vor Scham oder vor Haß. Sie zog ein kleines, mit flotter Hand beschriebenes Stück Papier aus der Tasche, entknitterte es und sah länger als eine Viertelstunde darauf nieder.

Da klopfte es und das kleine Fräulein Bender trat herein. Mit ihren schwebenden, etwas gesucht graziösen Schritten ging sie auf die regungslos Dasitzende zu, faßte sie bei der Hand und sagte: "Was ist Ihnen denn, Mely? Sie sind so verstört, schon seit gestern. Sogar Mama hat es bemerkt und hat gesagt, ich solle doch mal herein."

Mely Mirbeth schüttelte langsam den Kopf, wie jemand, der fest entschlossen ist, seinen Kummer allein zu tragen. Aber im Nu war dieser Entschluß bei ihr vergessen und die vorige Schwäche ergriff sie wieder. Hastig und suchend erfaßte sie die Hand des jüngeren Mädchens. In dieser unwillkürlichen Bewegung lag ein Schwächegeständnis und ein Anschmiegungsbedürfnis und dies wurde von dem jungen Mädchen wohl verstanden. Es näherte seine Lippen den Wangen Melys und fragte leise: "Sie waren bei Fräulein von Erdmann?"

Mely lächelte schuldbewußt.

"Das sollten Sie wirklich nicht tun", fuhr die Kleine fort. "Warum das? Die haßt uns ja doch, weil wir jünger sind als sie. Sie stirbt vor Neid um unsere Jugend."

Melys Lächeln wurde heller und fröhlicher. Mit naiver Verwunderung sah sie das zierliche Mädchen an, das ein so scharfes und selbständiges Urteil zu geben wagte. Man sah auch an der schnellen Bewegung ihrer Lider, daß sie darüber nachdachte. "Sie sind bös, Helene", sagte sie endlich, erhob sich und begann wieder ihr Umherwandern. "Ach Helene", rief sie nach einer langen Pause, "wenn Sie wüßten, was ich alles durchzumachen habe!"

Helene Bender saß mit verschränkten Armen auf der Lehne des Fauteuils und blickte mit ihren klugen, grauen Augen Mely an. Etwas Ungläubiges und Ironisches lag in ihrem aufmerksamen Blick. So klein sie war und so unbedeutend sie aussah, so skeptisch blieb sie gegenüber jedem Gefühlsausbruch und um den schmalen Mund mit der vorgeschobenen Unterlippe lag stets ein gleichgültiger Spott. Sie glaubte nicht an Melys Leiden, sie hielt jene für zimperlich und anspruchsvoll und vor allem für oberflächlich. Nur aus Neugierde war sie hereingekommen.

Mely ahnte nichts davon. Sie vertraute allen Menschen, außer denen, die sie haßte. Was man ihr sagte, das glaubte sie, selbst die plumpen Lügen. In ihrem Schmerz befangen, hielt sie es für unmöglich, daß jemand an der Tiefe dieses Gefühls zweifeln könne. Sie setzte sich und sagte mit ihrer jetzt weichen und einschmeichelnden Stimme, die etwas Bekümmertes stets in sich hatte: "Ich wollte ja auf alles gern verzichten, wenn ich nur meine Ruhe hätte. Mit nacktem Brot nahm ich vorlieb, - nur endlich einmal ein anderes Leben. Die Aufregungen, die Quälereien, die Beleidigungen, - ich bin ganz krank."

Und sie seufzte tief auf, wie Kinder tun, wenn sie sich ausgeweint haben. "Sie wissen nicht, was das ist, Helene", fuhr sie traurig fort. "Sie haben Ihre Mutter da und leben so bequem und Sorgen haben Sie keine. Aber ich bin ganz allein auf der Welt

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