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Mensch gegen Mensch von Weiß, Ernst (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.12.2015
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Mensch gegen Mensch

Ernst Weiß (28.8.1882 - 15.6.1940) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller. Weiß studierte Medizin in Prag und Wien und arbeitete anschließend als Chirurg. 1928 wurde Weiß mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterlebte, beging er Suizid. Mensch gegen Mensch wurde 1919 veröffentlicht. Ernst Weiß (28.8.1882 - 15.6.1940) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller. Weiß studierte Medizin in Prag und Wien und arbeitete anschließend als Chirurg. 1928 wurde Weiß mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterlebte, beging er Suizid.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 152
    Erscheinungsdatum: 15.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783739221496
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 602 kBytes
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Mensch gegen Mensch

1.

Alfred Dawidowitsch, ein neunzehnjähriger Gymnasiast, Sohn eines kleinen Getreidehändlers (die Mutter war schon vor fünf Jahren gestorben), hatte am 15. Juli 1910 das Abiturientenexamen mit allgemeiner Auszeichnung bestanden. Er ging am Nachmittag dieses Tages in ein Tabakgeschäft, um sich zur Belohnung eine Schachtel besonders guter Zigaretten zu kaufen.

Vor der Tür des Tabakladens kam ein junges Mädchen vorbei, eine weiße gestrickte Jacke, weiße kleine Hände schimmerten vorüber, der weiße Widerschein einer sanft gewölbten Brust verwehte im Raum. Als Alfred auf die Straße kam, schien ihm die Welt verdunkelt. Aber das junge Mädchen stand noch da, es stand an der Ecke und zögerte, ging den Weg zurück, ihn streifend mit großem Blick. Alfred war tief erregt, aber sein Mund lächelte, seine Augen blickten klug und skeptisch, er wandte sich zu ihr, nahm sie mit sich.

Die Straße lag halb im Schatten einer großen Kirche. An der Ecke stand ein bloßfüßiges Kind, das Akazienzweige verkaufte. Sie waren müde, halb verwelkt, aber ihr Duft jubelte immer noch. Alfred kaufte ein paar Blüten, aber während er sie bezahlte, hatte er Angst, das schöne Mädchen könnte fortgegangen sein, verschwunden wie ein Stein in einer der zahllosen engen Straßen der Stadt. Plötzlich hatte er Angst... Aber das Mädchen wartete, lächelte zu ihm empor und zog langsam seine weißen Zwirnhandschuhe aus, um die etwas feuchten Blumen in die Hand zu nehmen. Rührung zuckte durch sein Herz. Er sprach zu ihr, nicht mehr gewollt skeptisch und unbedingt erobernd wie vorher, sondern menschlich warm. Sie antwortete schüchtern, mit leiser Stimme, indem sie zu ihm hinaufsah. Ihr Lächeln war zart, ihre Stimme klang so beschwingt, selbst wenn sie nur von Alltäglichkeiten sprach.

Wenn er neben ihr ging, fühlte er, dass sie glücklich war. Aber er beneidete sie nicht. Sie war der erste Mensch, den er nicht beneidete. Nach glücklichen Menschen hatte er sich gesehnt, nach solchen, die er anbeten durfte.

Es graute ihm vor unglücklichen Menschen, ein fürchterliches Gefühl war es ihm, wenn er auf der Straße einem weinenden Fabrikmädchen begegnete, das sein tränenüberströmtes Gesicht in einer roten, kattunenen Schürze verbarg und die schluchzende Brust gegen die dunkle Rinde eines Baumes gedrückt hielt.

Nur eine Stunde lang ging er neben diesem immer noch fremden Menschen. Aber während aller anderen Stunden dachte er an sie, hob sie, die Willenlose, in das Strahlende seiner Phantasie empor, betete sie an, riss sie an sein Herz und sehnte sich nach ihr, wie man sich nach Gott, aber nicht nach Menschen sehnt.

Aber sie wich langsam vor ihm zurück. Am ersten Tag war sie ihm näher gewesen als jetzt. Nun antwortete sie kaum auf seine Fragen und nahm nichts von ihm an. Das Ananasgefrorene, das er ihr bringen ließ, berührte sie nicht. Ein Ausdruck von Ekel jagte über ihr Gesicht und stieß ihn ab, wie mit Fäusten. Sie merkte es nicht. Auf dem Heimweg überließ sie ihm ihren Arm. Sie sprach leise; er beugte sich zu ihr herab, sanft, wie von ferne streifte ihr Haar seine knabenhafte Stirn.

Er bat sie, ihm du zu sagen. Aber sie schwieg. Er bezwang sich, er bezwang sie, legte ihr das Du an, so wie er einem Hund einen Maulkorb angelegt hätte.

Sie ließ sich das sanfte Wort gefallen, das plötzlich wie eine gemeinsame Straße unter ihren Füßen dahin lief. Aber sie sagte immer wieder "Sie", immer wieder benahm sie sich demütig, dienstmädchenhaft, und er schämte sich für sie.

Niemals hatte sie viel Zeit. Einmal wartete die Mutter, einmal die Schneiderin mit einer Anprobe. Es waren immer nur halbe Stunden, die sie übrig hatte. Und doch waren Augenblicke darunter, die rätselhaft schön waren, weil ihre Schönheit ihn, den Willenlosen, überwältigte wie eine starke Musik, wie eine Narkose. Dann wollte er nur fort, nur wegrücken von ihr, wie von einem allzu stark geheizten Ofen. Er erinnerte sich ihrer mehr al

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