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Menschenversuch Kollage-Roman von Völker, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.02.2016
  • Verlag: Engelsdorfer Verlag
eBook (ePUB)
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Menschenversuch

In ihrem angeregten Kollage-Roman gehen Monika Landau, Dieter Brumm und Peter Völker auf die Spurensuche einer fiktiven Göttin Alpha und somit nach dem Sinn einer von ihr geschaffenen Welt. Sechs Lebewesen - darunter auch der Tausendjährige Baum - stellen sich dar und ziehen in einem stetigen Disput Schlüsse für die Zukunft des Planeten. Börsenmakler und Schriftsteller gehen diesen Schicksalen wie in einem konkurrierenden Schöpfungsakt nach - der Autor unter dem Druck des Polizeistaats, in dem er lebt. Folterungen und der Tod seiner Geliebten zwingen ihn zur Flucht in den Nachbarstaat. Der Polit-Krimi, den er dort aufdeckt, gefährdet sein Asyl und damit sein Leben. Ein spannender Blick auf eine Reise in die Tiefen der menschlichen Gesellschaft - mit nachdenkenswertem und aufschlussreichem Resümee.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 287
    Erscheinungsdatum: 11.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960083221
    Verlag: Engelsdorfer Verlag
    Größe: 758kBytes
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Menschenversuch

II
GÖTTERBILDER -
ALPHAS WAHL

BAUMHAUS

Von der Stunde an, in der ich als Samen auf die Erde fiel, hatte ich nur ein Ziel: diesen Platz nie mehr zu verlassen. Deshalb strecke ich mich nicht nur der Sonne entgegen, sondern bohre mich gleichzeitig in die Finsternis. Ich bin ein Lebewesen dessen Bewusstsein zwischen hell und dunkel pendelt aber aus beidem Kraft schöpft. Meine Blätter sind süchtig nach Licht, meine Wurzeln aber lechzen nach nasser Dunkelheit, fürchten die Sonne. Ich klammere mich an das Stück Erde, zugleich wächst in mir die Angst, meinen Boden zu verlieren. Ich liebe zwar den Wind, wenn er mir voll fremder Botschaften durch die Krone streicht, aber ich hasse den Sturm, der mich entwurzeln könnte. Ich ruhe fest und verschlossen in mir und öffne doch täglich meine Krone dem Licht. Mein Horizont wächst von Jahr zu Jahr, bleibt aber endlich. Wenn der Himmel das Dach dieser Welt ist, so bin ich ein schützendes Haus auf der Erde.

An mir sind Jahrhunderte vorbeigezogen wie Zugvögel über Niemandsland. Die einzelnen Tage sind nur winzige Zeitpünktchen in meiner Geschichte; ich fühle in Jahren und Jahrzehnten. Unzählige Generationen von Lebewesen haben sich von mir ernährt, unter mir Schutz gesucht oder sich in meinem Schatten geliebt. Niemals überkamen mich Zweifel über den Sinn meiner Existenz.

Mein bester Freund ist der warme Regen, der seit Anbeginn auf mich niederfällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass er eines Tages ausbliebe. Das wäre das Ende.

Seit wenigen Wochen trage ich ein rotes Kreuz auf meiner Rinde. Es beunruhigt mich, brennt auf meiner Baumhaut. Rauhe Zweibeiner tauchten eines Morgens vor mir auf, hieben sich hemmungslos einen Pfad durch den Dschungel. Sie schrien laut miteinander und lachten verächtlich, bevor sie die Farbe auftrugen. Mich stört nicht das Symbol, denn ich bin aufgewachsen unter dem Kreuz des Südens, das mir manchmal leuchtet wenn die Wolkendecke für wenige Stunden aufreißt und den Nachthimmel freigibt. Nein: es war die brutale Art, mit der sie in unser Reich eindrangen, die mich stört. Ich fürchtete, sie sind nur Vorboten von Schlimmerem.

Aber lass dir erzählen von meinen ersten Tagen an: Ich stamme aus der Frucht eines Limba, der vergangen ist. Ich bin einer der wenigen Bäume des Regenwaldes, die ihren Ursprung auf eine bestimmte Samenmutter zurückführen können. In den meisten Fällen entwickeln sich die Bäume aus Samen, die Vögel oder Fledermäuse mit ihrem Kot frei geben. Mein Samenkorn aber fiel aus der Krone einer Baumriesin hinab zwischen Rinde und Stamm eines absterbenden Baumes. So entging ich dem Tod vieler Samenkörner, die von kleinen Nagetieren zerbissen werden, bevor sie Wurzeln schlagen können. In der immerfeuchten Welt unseres Waldes spaltete sich mein Korn schon nach wenigen Stunden. Ich keimte, streckte die noch weichen Triebe nach dem Licht, das in den Spalt eindrang, und suchte gleichzeitig mit dem ersten Wurzeltrieb im Moos Halt, das sich wie ein dichter Teppich über das morsche Holz ausgebreitet hatte. Ein Regenguss schwemmte mich noch tiefer in den Ritz bis ich Humus spürte. Ich aktivierte alle Kraft, die noch in meinem Keim steckte, nur um zu wurzeln und suchte zwischen Granit und Gneisen meinen Weg in die Tiefe. Erst dann, mit der Energie, die ich aus dem Boden ziehen konnte, begann ich, nach oben zu streben. Das alles ereignete sich vor fast tausend Jahren aber mir ist es so gegenwärtig geblieben wie der gestrige Tag.

Mein Stamm war noch nicht fest als ich über den Rand des Spalts hinausragte. In dieser Zeit sterben viele junge Bäume, weil sie von Tieren zertreten oder von herabstürzenden Ästen erschlagen werden. Ich jedoch gedieh in diesen Tagen prächtig, wuchs in einer Woche mehrere Zentimeter, legte die Keimblätter ab und trieb glänzende Baumblätter aus. Der tote Nährbaum, die Quelle meiner Kindheit, war zwischen zwei größere überwucherte Felssteine gefallen, die zusätzlich

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