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Monsieur Roman von Becker, Emma (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.01.2013
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Monsieur

Die 20-jährige Ellie interessiert sich nicht im Geringsten für ihre Mitstudenten, ihre Phantasien kreisen um erotische Literatur und die Anziehungskraft erfahrener, älterer Liebhaber. Letzteren findet sie in einem 45-jährigen Chirurgen und Freund der Familie, genannt "Monsieur". Es beginnt mit einem verspielten Austausch erotischer Zitate, es führt durch zerwühlte Hotelbetten, es endet in einer aufreibenden, grenzüberschreitenden Amour fou ...
Emma

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 464
    Erscheinungsdatum: 15.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492959100
    Verlag: Piper
    Größe: 1036kBytes
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Monsieur

Ich traf den ältesten Sohn von Monsieur in der Linie 1 an der Station Charles-de-Gaulle-Étoile. Es war gerade Schulschluss, und Horden lärmender Gymnasiasten stürmten die Metro. Ich musste mich sogar von meinem Sitzplatz erheben, damit sich eine weitere Menschenmenge in mein bereits vollgestopftes Abteil zwängen konnte. Als sich ein spitzer Ellenbogen in meinen Rücken rammte, blickte ich von meiner Lektüre auf, um mich mit den üblichen belanglosen Worten bei jemandem zu entschuldigen, der sich nicht einmal die Mühe machte, seinen iPod auszuschalten. Wie üblich war ich nur halbherzig von der Notwendigkeit einer Entschuldigung überzeugt. Wofür sollte ich mich entschuldigen? Dafür, dass ich lebte? Dafür, dass ich einen Rücken besaß?

Ich kann nicht behaupten, dass seine kaum hörbare Stimme das auslösende Moment gewesen sei. Aus irgendeinem Grund sah ich ihn an – und innerhalb einer Zehntelsekunde wusste ich, dass er sein Sohn war, jeder Irrtum ausgeschlossen. Das wäre nicht weiter von Belang gewesen, hätte es da nicht diese skandalöse Ähnlichkeit zwischen Original und Avatar gegeben, die mich wie ein Zauberbann traf. Ich musste meine ganze Willenskraft aufbringen, um meinen Blick von den großen Augen mit den schweren Lidern zu lösen, die die gleiche unerträgliche Sinnlichkeit ausstrahlten wie die Augen von Monsieur. Sein Sohn hatte diese Augen geerbt, und er war sich deren Wirkung zweifelsohne nicht bewusst. In meinem Hirn drehte sich ein einziger Gedanke wie eine kaputte CD: Er ist es er ist es er ist es er ist es er ist es. Als mir klar wurde, dass er meinen starren Blick eigenartig finden würde, gab ich vor, mich erneut in André Breton zu vertiefen – ohne jede Hoffnung, mich auf das Buch konzentrieren zu können.

Ich hätte nie gedacht, dass es derart schmerzen könnte, die Nähe dieses jungen Mannes zu spüren, diesen zarten Jungenduft, der von keinem zu starken Eau de Parfum überlagert wurde. Ich merkte nicht einmal, dass ich hätte aussteigen müssen – ich glaube, ich wäre ihm überallhin gefolgt.

Charles. Der Erstgeborene. An jenem Dienstagmorgen in einem blauen Zimmer eines Hotels im 15. Arrondissement hatte ich Monsieur damit verblüfft, dass ich ihm seine Söhne aufzählte.

Charles, Samuel, Adam, Louis und Sascha, die alle fünf einer Beziehung entstammten, die ich mir nur theoretisch vorstellen konnte. Ich wusste Einzelheiten über den Ältesten, an die er sich wohl selbst nicht mehr erinnern konnte: ein Streit beim Abendessen über eine historische Heldentat, bei dem Charles in seinem jugendlichen Eigensinn voller Wut mit der Faust auf den Tisch schlug und sich um ein Haar eine väterliche Ohrfeige eingehandelt hätte, oder jener Nachmittag, an dem er völlig aufgelöst aus dem Gymnasium kam und sein dichtes schwarzes Haar verdächtig nach Hasch roch. Monsieur liebte ihn leidenschaftlich – und man musste nicht einmal besonders schlau sein, um das zu begreifen. Monsieur schenkte ihm eine Liebe, neben der die angedeutete Zärtlichkeit, die er mir einmal entgegengebracht hatte, in Bedeutungslosigkeit versank.

Der Zug bremste, und mit der vollen Wucht seines mir fremden und doch so seltsam vertrauten Körpers rempelte Charles mich erneut an.

"Entschuldigung", sagte er. Sein Lächeln wirkte ein wenig verlegen und offenbarte die gleichen Grübchen und die gleichen schneeweißen Raubtierzähne wie sein Vater.

Als ob Monsieur vor mir stünde und mich seit sechs Monaten zum ersten Mal ansähe, als ob ich Monsieur durch eine Riesenlupe betrachtete, die mir alles enthüllte und erklärte: seine Kinder, seine Frau, alles, was er geschaffen
Ich traf den ältesten Sohn von Monsieur in der Linie 1 an der Station Charles-de-Gaulle-Étoile. Es war gerade Schulschluss, und Horden lärmender Gymnasiasten stürmten die Metro. Ich musste mich sogar von meinem Sitzplatz erheben, damit sich eine weitere Menschenmenge in mein bereits vollgestopftes Abteil zwängen konnte. Als sich ein spitzer Ellenbogen in meinen Rücken rammte, blickte ich von meiner Lektüre auf, um mich mit den üblichen belanglosen Worten bei jemandem zu entschuldigen, der sich nicht einmal die Mühe machte, seinen iPod auszuschalten. Wie üblich war ich nur halbherzig von der Notwendigkeit einer Entschuldigungüberzeugt. Wofür sollte ich mich entschuldigen? Dafür, dass ich lebte? Dafür, dass ich einen Rücken besaß?

Ich kann nicht behaupten, dass seine kaum hörbare Stimme das auslösende Moment gewesen sei. Aus irgendeinem Grund sah ich ihn an – und innerhalb einer Zehntelsekunde wusste ich, dass er sein Sohn war, jeder Irrtum ausgeschlossen. Das wäre nicht weiter von Belang gewesen, hätte es da nicht diese skandalöse Ähnlichkeit zwischen Original und Avatar gegeben, die mich wie ein Zauberbann traf. Ich musste meine ganze Willenskraft aufbringen, um meinen Blick von den großen Augen mit den schweren Lidern zu lösen, die die gleiche unerträgliche Sinnlichkeit ausstrahlten wie die Augen von Monsieur. Sein Sohn hatte diese Augen geerbt, und er war sich deren Wirkung zweifelsohne nicht bewusst. In meinem Hirn drehte sich ein einziger Gedanke wie eine kaputte CD: Er ist es er ist es er ist es er ist es er ist es. Als mir klar wurde, dass er meinen starren Blick eigenartig finden würde, gab ich vor, mich erneut in André Breton zu vertiefen – ohne jede Hoffnung, mich auf das Buch konzentrieren zu können.

Ich hätte nie gedacht, dass es derart schmerzen könnte, die Nähe dieses jungen Mannes zu spüren, diesen zarten Jungenduft, der von keinem zu starken Eau de Parfum überlagert wurde. Ich merkte nicht einmal, dass ich hätte aussteigen müssen – ich glaube, ich wäre ihm überallhin gefolgt.

Charles. Der Erstgeborene. An jenem Dienstagmorgen in einem blauen Zimmer eines Hotels im 15. Arrondissement hatte ich Monsieur damit verblüfft, dass ich ihm seine Söhne aufzählte.

Charles, Samuel, Adam, Louis und Sascha, die alle fünf einer Beziehung entstammten, die ich mir nur theoretisch vorstellen konnte. Ich wusste Einzelheiten über den Ältesten, an die er sich wohl selbst nicht mehr erinnern konnte: ein Streit beim Abendessen über eine historische Heldentat, bei dem Charles in seinem jugendlichen Eigensinn voller Wut mit der Faust auf den Tisch schlug und sich um ein Haar eine väterliche Ohrfeige eingehandelt hätte, oder jener Nachmittag, an dem er völlig aufgelöst aus dem Gymnasium kam und sein dichtes schwarzes Haar verdächtig nach Hasch roch. Monsieur liebte ihn leidenschaftlich – und man musste nicht einmal besonders schlau sein, um das zu begreifen. Monsieur schenkte ihm eine Liebe, neben der die angedeutete Zärtlichkeit, die er mir einmal entgegengebracht hatte, in Bedeutungslosigkeit versank.

Der Zug bremste, und mit der vollen Wucht seines mir fremden und doch so seltsam vertrauten Körpers rempelte Charles mich erneut an.

"Entschuldigung", sagte er. Sein Lächeln wirkte ein wenig verlegen und offenbarte die gleichen Grübchen und die gleichen schneeweißen Raubtierzähne wie sein Vater.

Als ob Monsieur vor mir stünde und mich seit sechs Monaten zum ersten Mal ansähe, als ob ich Monsieur durch eine Riesenlupe betrachtete, die mir alles enthüllte und erklärte: seine Kinder, seine Frau, alles, was er geschaffen

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