text.skipToContent text.skipToNavigation

Morgen werde ich zwanzig Roman von Mabanckou, Alain (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.02.2015
  • Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Morgen werde ich zwanzig

Pointe-Noire, Ende der Siebzigerjahre. Der Kongo hat längst seine Unabhängigkeit erlangt, und der zehnjährige Michel strebt danach, es seinem Heimatland gleichzutun. Aber während die Radionachrichten vom Sturz des persischen Schahs berichten und von der Vertreibung der Roten Khmer, muss Michel sich um seine eigenen Krisenherde kümmern. Seine zwölfjährige Freundin Caroline verlangt mehr Aufmerksamkeit und droht, ihn für einen Angeber aus der Fußballmannschaft zu verlassen. Sein Onkel René, selbst ernannter kapitalistischer Kommunist, kommt zwar für Michels Schulbildung auf, schielt aber unverhohlen auf das Erbe der verstorbenen Großmutter. Und zu allem Überfluss hat ein Schamane Michels Mutter eingeredet, dass sie keine weiteren Kinder bekommen könne, weil ihr Sohn den Schlüssel zu ihrem Bauch versteckt habe ... In seinem Roman 'Morgen werde ich zwanzig' zeichnet Alain Mabanckou anhand einer fantasievollen, hochkomischen Familiengeschichte das Porträt eines Kontinents, der sich zwischen kolonialer Vergangenheit und einstigen Freiheitsträumen neu erfinden musste.

Alain Mabanckou wurde 1966 in der Republik Kongo geboren. Mithilfe eines Förderstipendiums verließ er Ende der Achtzigerjahre seine Heimat, um in Paris sein Jurastudium fortzusetzen. Danach Eintritt in einen französischen Wirtschaftskonzern, für den er fast zehn Jahre lang als juristischer Berater tätig war. Während dieser Zeit erschienen zwei Lyrikbände und sein Debütroman, für den er den 'Grand Prix littéraire de l'Afrique noir' erhielt. Weitere Romanveröffentlichungen folgten, darunter 'African Psycho' (2003) und 'Black Bazar' (2009). Mit seinem Roman 'Stachelschweins Memoiren' gewann er 2006 den renommierten Prix Renaudot, 2012 wurde er von der Académie française für sein Gesamtwerk mit dem Grand Prix de Littérature ausgezeichnet. Alain Mabanckou lebt in Paris und Los Angeles.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 16.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783954380459
    Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind
    Originaltitel: Demain j'aurai vingt ans
    Größe: 1234kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Morgen werde ich zwanzig

In unserem Land muss ein Chef eine Glatze und einen dicken Bauch haben. Da mein Onkel weder eine Glatze noch einen dicken Bauch hat, kannst du, wenn du ihn siehst, nicht auf Anhieb erkennen, dass er ein echter Chef mit einem großen Büro im Stadtzentrum ist. Er ist "Verwaltungs- und Finanzdirektor". Laut Mama Pauline ist ein Verwaltungs- und Finanzdirektor jemand, der auf das ganze Geld eines Unternehmens aufpasst, und er ist auch derjenige, der sagt: Dich stell ich ein, dich stell ich nicht ein, dich schick ich zurück in dein Dorf.

Tonton René arbeitet bei der CFAO, dem einzigen Unternehmen in Pointe-Noire, das Autos verkauft. Zu Hause hat er ein Telefon und einen Fernseher. Mama Pauline meint, das Zeug sei zu teuer, rausgeworfenes Geld, und ohne diese Dinge hätten die Leute früher besser gelebt. Wozu braucht man ein Telefon im Haus, wenn man in der Post am Grand Marché telefonieren kann? Wozu einen Fernseher, wenn man die Nachrichten im Radio hören kann? Außerdem lassen die Libanesen, die auf dem Markt Radios verkaufen, mit sich handeln. Man kann den Preis auch abstottern, wenn man Beamter ist oder Verwaltungs- und Finanzdirektor wie mein Onkel.

Oft denke ich, dass Tonton René mächtiger ist als Gott, den wir sonntags in der Saint-Jean-Bosco-Kirche mit unseren Gebeten verehren. Gott hat noch niemand gesehen, trotzdem fürchten sich alle vor seiner Macht, als ob er mit uns schimpfen oder uns verprügeln könnte, dabei wohnt Er sehr weit weg, dort, wo keine Boeing je hinkommen wird. Wenn man mit Ihm sprechen will, muss man in die Kirche gehen, und dann überbringt Ihm der Priester unsere Nachrichten, die Er lesen wird, sobald Er ein wenig Zeit dafür findet, denn dort oben steckt Er morgens, mittags und abends bis über beide Ohren in Arbeit.

Tonton René ist allerdings gegen die Kirche und sagt jedes Mal zu meiner Mutter:

"Religion ist das Opium des Volkes!"

Wenn dich jemand "Opium des Volkes" schimpft, hat Mama Pauline mir erklärt, musst du dich sofort mit Händen und Füßen wehren, denn das ist eine schlimme Beleidigung, und Tonton René würde ein so schwieriges Wort wie "Opium" nicht einfach zum Spaß verwenden. Seither nennt mich Mama Pauline "Opium des Volkes", sobald ich Unsinn mache. Und wenn mir im Pausenhof manche Schulkameraden auf die Nerven gehen, schimpfe ich sie auch "Opium des Volkes", und dann prügeln wir uns deswegen.

Mein Onkel behauptet, er sei Kommunist. Normalerweise sind Kommunisten einfache Leute, die keinen Fernseher, kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Warmwasser, keine Klimaanlage haben, und sie kaufen sich nicht alle sechs Monate ein neues Auto wie Tonton René. Daher weiß ich jetzt, dass man Kommunist und zugleich reich sein kann.

Ich glaube, mein Onkel ist so streng mit uns, weil Kommunisten keinen Spaß verstehen, wenn es um Ordnung geht, wegen der Kapitalisten, die den armen Verdammten dieser Erde Hab und Gut rauben, einschließlich ihrer Produktionsmittel. Wie sollen die armen Verdammten dieser Erde von ihrer Arbeit leben, wenn die Kapitalisten die Eigentümer der Produktionsmittel sind und die Gewinne ganz allein in ihrer Ecke verzehren, anstatt halbe-halbe mit den Arbeitern zu machen?

Wenn mein Onkel wirklich wütend ist, dann auf die Kapitalisten, nicht auf die Kommunisten, die sich vereinen müssen, denn wie es aussieht, wird es ja bald zum Endkampf kommen. Das lernen wir jedenfalls in der Grundschule. Wir sind die Zukunft des Kongo, sagt man uns zum Beispiel, wir verhindern, dass der Kapitalismus den Endkampf gewinnt, wenn es so weit ist. Wir sind die Nationale Bewegung der Pioniere. Erst sind wir Mitglieder bei den Pionieren, und später, wenn wir groß sind, werden wir Mitglieder in der kongolesischen Arbeiterpartei PCT, möglicherweise haben wir schon jetzt den künftigen Präsidenten und Chef des PCT in unseren Reihen.

Jetzt spreche ich, Michel, schon mit den Worten meines Onkels, als wäre ich ein echter Kommunist, dabei bin ich das

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen