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Morgengrauen Storys von Demirtas, Selahattin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2018
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Morgengrauen

Geschrieben im Hochsicherheitsgefängnis von Edirne - "ein Zeichen des Widerstands gegen Erdogan" FAS
Wenn eine Frau Opfer staatlicher Willkür wird, nur weil sie zur falschen Zeit auf dem Weg zur Arbeit ist. Wenn ein Vater sich gezwungen sieht, über seine Tochter zu richten, um die Ehre der Familie zu retten. Wenn einem Mädchen nur die Flucht von zu Hause bleibt, um selbst über sein Leben zu bestimmen.
Jede einzelne der Schicksalsgeschichten lässt einem den Atem stocken, weil nichts so erschütternd ist wie die Realität, aus der Selahattin Demirta? schöpft. Nur selten kommt man dem Alltag in der islamischen Welt so nahe wie in diesen Erzählungen. Konkret und ungeschönt schildern sie das Leben in der Türkei, das gespalten ist zwischen Tradition und Moderne, Ignoranz und ohnmächtiger Wut. Storys von politischer Wucht - die in der Türkei von Hunderttausenden gelesen werden.

Selahattin Demirta?, Jahrgang 1973, war bis Februar 2018 Co-Vorsitzender der Oppositionspartei HDP, der Demokratischen Partei der Völker, die sich für eine pluralistische Türkei einsetzt. Der kurdische Politiker ist Erdo?ans wichtigster Gegenspieler und wird seit November 2016 festgehalten. Im Hochsicherheitsgefängnis von Edirne hat Demirta? angefangen, Erzählungen zu schreiben. "Morgengrauen" wurde zum Bestseller und hat sich 200.000 Mal in der Türkei verkauft. Es ist für den renommierten französischen Prix Médicis étranger nominiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 15.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641234249
    Verlag: Penguin Verlag
    Originaltitel: Seher
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Morgengrauen

BEVOR PINAR UND Kader ins Bett geschlüpft waren, hatten sie sich mit dem von Seher angerührten Henna die Hände bemalt und alte Strümpfe wie Handschuhe darübergezogen. Bald darauf legte sich Seher zu ihren jüngeren Schwestern. Vor lauter Vorfreude auf das Fest am nächsten Morgen konnten sie nicht einschlafen. Pinar musste immer wieder an ihr neues Kleid denken. Bisher hatte sie stets alte Sachen von Kader auftragen müssen, nun hatte sie zum ersten Mal ein eigenes Kleid bekommen und stellte sich vor, wie schön sie darin aussehen würde. Auch neue Schuhe waren ihr zum Fest gekauft worden. Pinar war ähnlich aufgedreht, und so kicherten sie unter der Bettdecke bis nach Mitternacht. Sehers Schimpfen kümmerte sie nicht, nur zu gut wussten sie, dass es nicht ernst gemeint war. Seher konnte ihnen einfach nicht böse sein. Doch irgendwann erschöpft, schmiegten sich die beiden an ihre Schwester und schliefen ein.

Dass Seher keinen Schlaf fand, lag an etwas anderem. Sie hatte eingewilligt, sich mit Hayri in einer Konditorei zu treffen. Die beiden arbeiteten in derselben Konfektionsschneiderei. Wegen des bevorstehenden Festes hatten sie mittags schon freibekommen, und Hayri war beim Hinausgehen an sie herangetreten und hatte ihr schüchtern das Treffen vorgeschlagen. Darauf wartete sie eigentlich schon lange. Seit geraumer Zeit tauschten die beiden in der Schneiderei heimliche Blicke und waren schon ins Gerede gekommen, denn unbemerkt blieb so etwas nicht.

Seher fand, es sei höchste Zeit zu heiraten. Sie war zweiundzwanzig und fürchtete allmählich, ohne Mann zu bleiben. Die Mädchen ihres Alters waren zumeist verheiratet worden, noch bevor sie achtzehn waren, und hatten schon alle Kinder. Um Seher geworben hatte durchaus der eine oder andere, doch es war bisher keiner darunter gewesen, den sie gewollt hätte. Für Hayri dagegen hatte sie etwas übrig. Mit seiner hohen Gestalt, den lockigen Haaren und vollen Lippen konnte er durchaus als schöner Mann gelten. Seit fast acht Monaten arbeiteten sie gemeinsam in dem Betrieb. Sie selbst war seit vier Jahren dort angestellt, Hayri hatte nach seinem Wehrdienst angefangen.

Durch die festtägliche Betriebsamkeit im Haus wurde Seher am nächsten Morgen früh wach; an so einem Feiertag waren alle fröhlich gestimmt. Ihr Vater Gani, der drei Jahre ältere Bruder Hâdi und der fünfzehnjährige Engin machten sich auf den Weg zum Festtagsgebet. Sobald sie aus dem Haus waren, eilten Pinar und Kader zum Waschbecken und rubbelten sich das getrocknete Henna von den Händen. Seher wusch sich selbst die Hände, dann half sie den Schwestern. Ihre Hände waren nun rot wie Granatäpfel. Seher roch an den zarten kleinen Handflächen der Schwestern und küsste sie. Ihre Mutter Sultan war schon in der Küche und bereitete das Frühstück zu, damit es fertig war, wenn die Männer aus der Moschee zurückkamen. Während Seher ihrer Mutter zur Hand ging, liefen die beiden Kleinen in ihr Zimmer, um sich herzurichten. Die Bodenmatratzen in den beiden Zimmern waren bereits verräumt und auch im großen Zimmer der niedrige Tisch schon gedeckt, um den herum alle auf dem Boden sitzen würden. Außer an Feiertagen frühstückten sie nie zusammen.

Als die Männer wieder zu Hause waren, wünschten alle einander ein frohes Fest. Alle, auch die Mutter, küssten dem Vater die Hand. Der Vater umarmte und küsste nur Pinar und Kader, dann verteilte er die Geldgeschenke. Danach küssten die Kinder der Mutter die Hand, sie küssten sich auch untereinander, und Pinar und Kader luchsten ihrem Bruder Hâdi etwas Geld ab. Seher nahm Engin in den Arm, was er nicht leiden mochte. Aber an einem solchen Festtag ließ er es sich gefallen, außerdem war Seher seine Lieblingsschwester. Auch Seher mochte ihn am liebsten. Sie zog etwas Geld aus ihrem Portemonnaie und reichte es Engin. Der wollte es zunächst nicht annehmen, aber Seher bestand darauf, und schließlich drück

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