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Nächste Woche, vielleicht Roman von Nessi, Alberto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.02.2016
  • Verlag: Limmat Verlag
eBook (ePUB)
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Nächste Woche, vielleicht

'Ich heisse José, bin einunddreissig Jahre alt und Buchhändler in Lissabon. Ich bin lungenkrank und will die Welt verändern.' Mit diesen Worten stellt sich der Protagonist José Fontana im neusten Roman von Alberto Nessi vor. Er erzählt von seiner Kindheit im Tessin, von der Zeit als Uhrmacherlehrling in Le Locle und seiner Emigration nach Lissabon, wo er den Sozialismus in Portugal kennengelernt hat und zur historischen Buchhandlung Bertrand fand. Einmal mehr gelingt es dem Tessiner Schriftsteller Alberto Nessi, eine historische Figur zum Protagonisten seines Romans zu machen und mit der ihm eigenen Menschlichkeit dessen Geschichte zu erzählen. Die Auswanderung aus der Armut im Tessiner Tal ist ebenso Thema wie die Welten, die sich José in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffnen.

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: "Nächste Woche, vielleicht", "Terra matta", "Schattenblüten", "Die Wohnwagenfrau", "Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia" und "Abendzug". Maja Pflug, geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreißig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u. a. P. P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg. Sie lebt in München und Rom und wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk. Im Limmat Verlag sind von ihr Übersetzungen von Anna Felder, Alberto Nessi, Giovanni Orelli und Anna Ruchat lieferbar.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 170
    Erscheinungsdatum: 17.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783038550440
    Verlag: Limmat Verlag
    Größe: 2323 kBytes
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Nächste Woche, vielleicht

Mai 1871

Ich heiße José, bin einunddreißig Jahre alt und Buchhändler in Lissabon. Ich bin lungenkrank und will die Welt verändern.

Lange Zeit dachte ich, ich sei der Heilige, der in meinem Geburtsort in der Apsis der Erlöserkirche dargestellt ist. Ich preschte auf meinem weißen Pferd heran und stieß dem Drachen die Lanze in den Schlund. Der aufgerissene Schlund befand sich neben dem Hauptaltar und gehörte einer großen Eidechse mit gezacktem Rücken, die in den Sonntagspredigten das Böse verkörperte. Der Glaube war das Gute, die Rieseneidechse das Böse. Und ich war der heilige Georg auf dem weißen Pferd. Jetzt will ich euch diesen Traum erzählen.

Meine Buchhandlung ist die älteste der Stadt, "seit 1727 im Dienst der Kultur". Tagsüber bediene ich die Kunden, sitze am Schreibtisch oder gehe ins Lager in der Rua da Figueira. Der Abend gehört der Politik.

Häufig kommt Eça de Queiroz in die Buchhandlung, der Genosse Eça. Wir haben uns angefreundet, und ich lese alle seine "Folhetins". Sobald die "Gazeta" erscheint, kaufe ich sie umgehend und schneide den Artikel aus. Hier vor mir auf dem Schreibtisch habe ich einen Satz von ihm liegen, der mir gefällt: "Jeder Fuß möchte Flügel sein."

Von meinem Arbeitsplatz sehe ich die Passanten in der Rua do Chiado, jeder in sein Schweigen eingeschlossen. An manchen Nachmittagen, wenn auch das Akkordeon des Blinden an der Ecke verstummt und die Buchhandlung menschenleer ist, denke ich: Die Welt ist melancholisch. Der Fuß möchte Flügel sein, schafft es aber nicht. Er bleibt auf der Erde, während sich Asche auf den Dingen ablagert. Vor allem im Herbst und im Frühjahr, den Übergangszeiten. Im Mai, wenn die Blumen die Illusionen wecken, die der Oktober wieder mitnimmt.

Warum ich beschlossen habe, Tagebuch zu führen und meine Geschichte aufzuschreiben? Ich weiß es nicht, ich frage es mich. Vielleicht, weil sich der feuchte Fleck in meiner Lunge ausweitet und allmählich auch mein Denken verändert. Die Krankheit bringt Fragen und Erinnerungen mit sich. Ich würde gern mehr von meinem Leben begreifen. Zum Beispiel, was mich gedrängt hat, die anderen in mich hineinzulassen. Ich spreche nicht von Büchern, sondern von Menschen, Arbeitern, Frauen in der Fabrik. Bücher leisten einem Gesellschaft, Menschen verletzen. Doch was ist mehr wert als der Mensch?

Vielleicht ist es die Beleidigung, die meinen Entschluss herbeigeführt hat. Die Beleidigung, dass es das Böse auf der Welt gibt. Wer immer auf der Straße vorbeigeht, spiegelt sich in meinem geheimen Spiegel. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts. Ich bin wie er. Ich bin er.

Ich will schreiben, um zu versuchen, die Zeit anzuhalten, die ihren Lauf für mich beschleunigt hat. Schreiben. Vielleicht will ich all den Schriftstellern Konkurrenz machen, die mich aus den Regalen anblicken ... Eine neue Klarheit lässt mich das Leben rückblickend erweitern, verlängert meine Tage nach hinten. Und die Dinge aus dem Dorf, wo man geboren ist, funkeln in der Erinnerung wie die Schneide der Sense in den Händen des Schnitters.

Ich habe Eça gefragt, ob die Literatur den Menschen besser machen kann, und er hat mit einem Lächeln geantwortet. Man muss Revolution machen, damit der Mensch besser wird. Der Fuß muss Flügel werden: nächste Woche, vielleicht ... Denn es weht ein neuer Wind in Lissabon: die Vorträge im Casino.

Gestern Abend, erster Vortrag: "Causas da decadência dos povos peninsulares nos últimos três séculos". Antero de Quental glich dem heiligen Franziskus, in aller Unschuld hat er die Bourgeois kaltgemacht.

Es waren die Leute da, die gewöhnlich in die Buchhandlung kommen, die Politiker, die Journalisten. Doch auch Miguel war da, der Buchbinder, der sich eingeschüchtert zwischen den eleganten Gestalten umsah. Nobre França war da, der für mich wie ein Bruder ist. Der Drucker war da, mit dem zusammen ich mir die Hände schmutzig machte, bevor ich anfing, hier mit Büchern zu hand

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