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Nächte Novellen von Hauptmann, Carl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.04.2016
  • Verlag: Nexx
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Nächte

Das Werk 'Nächte' besteht aus drei Novellen: - Claus Tinnappel - Franz Popjels Jugend - Ein Später Derer van Doorn Carl Ferdinand Max Hauptmann (1858-1921, Pseudonym: Ferdinand Klar) war ein deutscher Dramatiker und Schriftsteller und der ältere Bruder des Dichters Gerhart Hauptmann.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 05.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705487
    Verlag: Nexx
    Größe: 416kBytes
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Nächte

Sechstes Kapitel

Das alte Jahr war vollends ins Land gegangen. Der Schnee des Winters hatte manches verschüttet. Und die Frühlingssonne hatte doch nicht alles weggetaut.

Oben in den Bergen am Waldhange, wo die goldenen Fließe der Rehheide breit und voll und prunkend wieder sich dehnten, wo die Fichten ihre zierlichen goldenen Tatzen aus den Zweigen hinaus gestreckt, wo Bussarde und Falken hoch im Himmel zogen und die Singdrossel flötete und in die Goldluft pfiff, war es wie immer.

Auch der alte Totengräber stand wieder vor dem Feuer in der Nähe der Schutzhütte, als die Berge ihren großen Schatten langsam ins Tal gesenkt, und der Kuckuck dazu unaufhörlich seinen Ruf in die Heide hallte.

Und wieder auch, wenn längst von tief unten und fern die Glockentöne der Dorfkirche die Mitternacht bis in den Waldwinkel verweht hatten, saß der alte Buchwald, den die Greisenunrast nicht schlafen ließ, und plauderte vor sich hin, indes die Flammen seines Reisigfeuers prasselten und die Funkenschwärme ihn noch immer lachen machten.

Drinnen in der Schutzhütte lagen wieder die alten Holzmacher und schliefen und schnarchten.

Auch Claus Tinnappel lag jetzt in der Schutzhütte.

Am Tage war es hart zugegangen.

Mit dem Forstgehilfen war schon lange kein rechtes Leben mehr. Er war streitsüchtig. Nun gar zu höhnen wie früher, das wäre niemandem mehr in den Sinn gekommen. Obwohl es den alten Totengräber in diesem Augenblick mit allerhand Gespenstern aus der Brauerei narrte, als er zum Ginsterhange hinüber sah.

Auf dem Holzschlage hatte man den ganzen Tag kein freundliches Wort gehört.

Claus Tinnappel hatte sich nicht vom Flecke gerührt.

Auch jetzt, wo Claus unter den Holzmachern sich lang hingestreckt hatte und endlich aus dieser unruhvollen Nachtwelt einmal ganz erledigt war, wäre dem knochigen Totengräberschädel, der vor dem Feuer hockte, kein Wort von all den Gesichten aus der Kehle gequarrt, die drüben in den goldenen Ginsterbüschen wie Schemen verwehten, indes die Welt, eine weite Hohlkugel, in ewigem Frieden schlief.

Claus Tinnappel schlief.

Aber der sanftmütige Arzt, der Schlaf, konnte Clausens Seele nicht von seiner Schmach heilen.

Der gütige Tröster Schlaf hatte Clausens junge Seele flehend umarmt, wie ein geängstigter Vater, und hatte sie hart und zerrissen und beleidigt gefunden.

Er hatte aus ihr nicht die Güte erflehen, nicht die Stricke und Bande des Hasses und seines hoffnungslosen Ersehnens lösen können.

Der Wind strich huschend und rauschend durch Waldgras und Ginster und sang und wogte Frieden überall in die Höhe des nächtlichen Himmels und tief in die Täler und an den flüsternden Hängen.

In Claus Tinnappel gab es Beängstigungen, Traumgesichte, Schlangen, die von Felsen auf ihn zuschossen, gewunden und scheu, die mit giftigem Zünglein seinem Munde ganz nahe wisperten. So dass er aufschrie.

Der Totengräber hörte manchmal seine Stimme deutlich aus der Schutzhütte stöhnen und rufen.

Buchwald wusste, dass es Tinnappels aufgescheuchte Seele war. Er ließ ihn stöhnen und rufen, auch wie sich Clausens Stimme zum zweiten Male deutlicher aufhob.

"Du wirst auch noch einmal Ruhe finden!" sagte er nur mit nebensächlichem Lachen, weil er Totengräber war.

~ ~ ~

Unten im Tale bei der Dorfstraße lag jetzt die Brauerei im versunkenen Schlafe. Der schnurrbärtige Herr Hecht lag noch immer mit den Bürstenpinseln geziert, die aus dicken Betten herausragten, und schnarchte.

Salie war aus ihrem Bette herausgekrochen.

Sie hatte nur erst nebenan scheu ein

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