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Nach dem Winter Roman von Nettel, Guadalupe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.03.2018
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Nach dem Winter

Claudio ist Lektor in einem Verlag und lebt seit vielen Jahren in New York, nachdem ihn der tragische Verlust seiner ersten großen Liebe aus seiner Heimatstadt Havanna vertrieben hat. Cecilia studiert in Paris. Seit ihrer Kindheit in Mexiko hat sie ein besonderes Faible für Friedhöfe und liebt es, zwischen den Gräbern des Père-Lachaise spazieren zu gehen. Als Claudio und Cecilia sich über gemeinsame Freunde in Paris kennenlernen, verlieben sie sich ineinander, obwohl sie beide in andere Beziehungen verwickelt sind. Über die Distanz hinweg tauschen sie E-Mails, Gedanken, selbst zusammengestellte Musikcompilations aus. Doch als Cecilia nach New York fliegt, um Claudio zu besuchen, entwickelt sich ihre Beziehung ganz anders als erwartet ... Auf intensive, manchmal humorvolle, manchmal beklemmende Weise beleuchtet Guadalupe Nettel die vorsichtige Annäherung ihrer Protagonisten und erschafft so ein tiefschürfendes Bild zweier Menschen, die sich nach Nähe sehnen, doch Schwierigkeiten haben, sich aufeinander einzulassen. Ein berührender Roman über die heilende Kraft der Liebe und die Chancen, die Enttäuschungen für die eigene Liebesfähigkeit sein können. Guadalupe Nettel, 1973 geboren in Mexico City, hat an der Universidad Nacional Autónoma Hispanistik studiert und an der École des Hautes Études in Paris promoviert. Sie arbeitete als Journalistin für verschiedene spanischsprachige Zeitschriften, ihr schriftstellerisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in zehn Sprachen übersetzt. Nach dem Winter ist der erste Roman der Autorin, der auf Deutsch erscheint. Guadalupe Nettel lebt in Mexico City und ist Herausgeberin des renommierten Literaturmagazins La Revista de la Universidad de Mexico.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 05.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641220310
    Verlag: Blessing
    Originaltitel: Después del invierno
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Nach dem Winter

RUTH

Ich wurde Ruths Liebhaber, weil ich überzeugt davon war, in Sachen Liebe behindert zu sein. Anfangs gefiel sie mir nicht einmal. Es waren vor allem ihre Eleganz, ihre teuren Schuhe, ihr Duft nach Parfüm, die mich anzogen. Ich lernte Ruth bei einem Abendessen kennen, zu dem mich meine Freundin Beatriz, eine Schwedin, die zur gleichen Zeit nach New York emigriert war wie ich und die in zwei Galerien in Soho ausstellt, eingeladen hatte. Beatriz wohnt in einem Loft in Brooklyn, eingerichtet mit Siebziger-Jahre-Möbeln aus den Garagenverkäufen, zu denen sie regelmäßig geht. Vielleicht hatte ich an diesem Abend das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, vielleicht war ich auch einfach nur besonders einsam, und dieser Umstand begünstigte, dass ich mich mit Leuten abgab, die ich normalerweise meide. Künstler scheinen mir generell frivole Menschen zu sein, deren einziges Interesse darin besteht, ihre Egos aneinander zu messen. Während des Essens sprachen sie fortwährend von ihren Projekten und wie sie die Anerkennung der Kritiker erlangen konnten. Unter den Gästen war auch Ruth, eine Frau über fünfzig, die sich damit begnügte, den anderen von einer Zimmerecke aus zuzuhören. Neben ihr saß ein Kakadu der besonderen Art, in schrillen Farben gekleidet und eine gelbe Brille auf der Nase, und beschrieb die neueste Ausstellung von Willy Cansino als Wunderwerk, das sämtliche lateinamerikanische Künstler aus Chelsea vor Neid erblassen ließe. Ruths Schweigsamkeit gefiel mir, und ich konnte darin nur eine Geste des Mitgefühls sehen: Ruth war erwachsener und gelassener als der Rest der Runde, sodass ich Lust bekam, mich zu ihr in diese Ecke zu setzen. Vor allem verspürte ich den Wunsch, an ihrer Seite zu schweigen, mich in ihrer Nähe auszuruhen, und genau das tat ich dann auch. Sobald die Frau mit der glänzenden Brille aufstand, um sich einen weiteren Whisky einzuschenken, war ich so unverschämt, mich auf ihren Platz zu setzen. Ich lächelte Ruth mit aufrichtiger Sympathie an, und für den restlichen Abend vermochte keine Menschenseele, nicht einmal meine Freundin Beatriz, mich von dort fortzulocken. Das war der Beginn unserer Liebesbeziehung. In ihren Gesichtszügen, die die Wunder der Kosmetik gut erhalten hatten, entdeckte ich eine faszinierende Müdigkeit. Ich erahnte - und ich denke, ich habe mich nicht getäuscht -, dass Ruth eine kraftlose Frau war. Ihre Anwesenheit war so leicht, dass sie nicht die geringste Bedrohung für mich darstellte. Mehr als eine Viertelstunde lang sah ich sie an, ohne ein Wort zu sagen, und anschließend versicherte ich ihr, ohne Umschweife und ohne mich ihr vorzustellen, dass ein Mund wie ihrer meine ganze Bewunderung verdiente, dass der Anblick eines solchen Mundes genügte, um für den Rest meines Lebens in Anbetung vor ihr niederzuknien. Ruth hat große, volle Lippen, aber das war es nicht, was mich an jenem Abend zu dieser Bemerkung veranlasste, und auch nicht der rote Lippenstift, sondern diese vollkommene Art zu schweigen. Ich fragte sie nach ihrer Telefonnummer. In der folgenden Woche, ich weiß nicht mehr, ob am Samstag oder Sonntag, lud ich sie ins Kino ein. Ein französischer Film, Herbstgeschichten von Eric Rohmer, ein Film, in dem nichts passiert, so wie in allen meinen Lieblingsfilmen. Es gab nicht viel zu sagen, als wir das Kino verließen, aber ich nutzte die Gelegenheit, um Ruth mit meinem Französisch zu beeindrucken. Sie hatte die Sprache in der Schule gelernt, aber nur wenig davon behalten. Ruth suchte die Bar in Tribeca aus, wo wir den einzigen Drink des Abends nahmen, einen ausgezeichneten Wein für fünfundvierzig Dollar das Glas. Mir gefiel, wie maßvoll Ruth alkoholische Getränke zu sich nahm. Die Frauen, die ich in dieser Stadt kennengelernt habe, tranken entweder gar nicht, oder sie überließen sich vollkommen dem Alkohol, was meist in sehr peinlichen Auftritten endete. Ruth hingegen trank fast immer nur ein Glas, allenfalls zwei, aber niemals mehr, und di

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