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Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen Erzählungen von Lechner, Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.02.2016
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen

Der Sprachvirtuose Martin Lechner zieht alle Register: ein raffiniertes Lesevergnügen! Wie Wellen sind diese Erzählungen zusammengefügt. Sie reichen sich Worte, Bilder oder Stimmungen weiter, fließen ineinander und stehen doch für sich. Es sind ebenso heimliche wie übermütige Texte. Sie handeln von verzweifelten Seen und Knien zum Verlieben, von dunkel erinnerten Filmen und blitzhaft erhellten Städten, von lautlos zerplatzenden Blut- blasen und längst verwischten Sommern. Sie alle sind in jenen Sprachregionen unterwegs, wo hinter jeder Ecke Neues und Unerwartetes lauert. Das geschieht mit Witz genauso wie mit Absurdität und immer mit Sätzen, die greifbar machen, was sich anders nicht begreifen lässt. Martin Lechner wurde 1974 geboren, Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Seit 2005 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften wie 'Bella triste', 'manuskripte' und 'Edit' sowie der Erzählungen 'Bilder einer Heimfahrt' (2005) und 'Covering Onetti' (2009). Sein erster Roman 'Kleine Kassa' stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2014.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 168
    Erscheinungsdatum: 16.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701745241
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 533 kBytes
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Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen

Schäfersee

Wenn er nicht von diesem Koffer gehört hätte, der an seinem Ufer abgestellt worden war, ein Koffer mit einem Kopf darin, dann hätte er gar keine Hoffnung mehr gehabt. Wer nämlich sah, wie all diese Gestalten, die ihr Haltbarkeitsdatum sichtlich überschritten hatten, den Seeweg entlangzockelten, vorbei an der vermoosten Minigolfanlage und dem Kaffeetantencafé, der so genannten Geisterbahn, der musste aufpassen, dass ihm das Leben vor lauter Langeweile nicht einfach erlosch. Wenn es nur bald noch so einen Lichtblick geben würde. Es mussten ja nicht immer gleich Köpfe sein. Auch Hände wären schon schön gewesen. Oder zumindest ein Finger. Doch davon hörte man nichts, leider. Immerhin häuften sich die Überfälle. Meist waren es nur jugendliche Messerfuchteleien ohne das kleinste bisschen Blut. Aber einige der Opfer hatten auch auf allen Vieren davonkriechen müssen. Einer war dabei sogar so nah ans Wasser gekommen, dass er, der See, als der Alte seinen Kopf reckte, um, gespiegelt im Wasser, noch einen letzten Blick auf sein zertrümmertes Gesicht zu werfen, sein Todesgefasel zu hören bekam. Irgendwas von wegen kurzes Leben, wenig Liebe, zu viel Arbeit. Der See aber lag lauernd da, totenstill, ein schwarzer Spiegel. Da lösten sich die ersten roten Tropfen aus dem Gesicht und zerplatzten auf der Wasserfläche. Langsam sank dem Mann der Kopf herab. Doch als er schon die Stirn ins Wasser getunkt hatte, bereit, gleich vollends darin zu ertrinken, kam aus dem Café eine Tante hergehastet und zerrte ihn, fiepend vor Anstrengung, ans Ufer zurück. Schade, jammerschade. Wenigstens hatte der See wohl einen nicht ungefährlichen Eindruck hinterlassen. Andererseits, wer ihn so sah, wenn die Enten auf seinem Rücken wippten und die Alten ringsherum plappernd auf den Bänken hockten, mit ihren lilafarbenen Wolkenfrisuren, mit den ausgeleierten Wangentaschen, der ahnte nicht im Traum, was für Gedanken ihn durchströmten. Er wusste gar nicht, wann es schlimmer war, tags oder nachts. Tags erweckte er offenbar bloß den Eindruck eines arglosen Tretboottümpels, den man gar nicht groß beachten musste, da er niemanden verschlucken und verschlingen und vernichten konnte. Nachts hingegen, wenn er als pechschwarze Tinte des Grauens daliegen könnte, dann leuchteten die Laternen, diese verhassten Laternen. Sie umzingelten ihn. Es war kaum auszuhalten. Ihre Lichter lagen auf seiner Fläche wie die Stacheln eines Folterhalsbands. Sobald du dich bewegst, durchstoßen sie die Haut und stechen deine Adern auf. Das hatte einmal ein junges Pärchen so gesagt, das nachts umschlungen an seinem Ufer saß. Als See war ihm das egal, er hatte ja keine Adern. Aber die Lichter verscheuchten das Leben. Welcher dieser Banditen, die hier in der Nähe angeblich ihr Stammhaus hatten, stieg denn von seinem Motorrad und stellte sich nachts unter eine Laterne, wo ihn jeder sah. Das war doch Quatsch, das machte doch keiner. Auch wenn man sich natürlich schon fragte, warum sie solche Angst hatten. Er hatte doch auch keine Angst vor dem Licht. Und so einen echten Brocken von Verbrecher, der einen Alten überfallen wollte, den schreckte doch keine Laterne, oder? Außerdem bräuchte es anschließend nur einen kleinen Schubbser und den Rest würde der See erledigen. Mit seinem dunklen Wasser. Er würde den abgemurksten Sack bis auf den Grund sinken lassen. Er würde ihn bleich und wulstig aufquellen lassen. Er würde ihn wieder hoch ans Licht schweben lassen und alle zu Tode verjagen. Aber egal, egal. Viel lieber hätte er auch einmal fest umschlungen an einem Ufer gesessen. Aber selbst wenn er sich mit aller Saftigkeit ausmalte, wie er aufs Ufer zurollte, sich aufbäumte und das Wellenhaupt zur Seite neigte, wie er seine weißen Schaumlippen vorwölbte und plötzlich die schwarze Wasserzunge hineinschnellen ließ in einen weit aufgerissenen Mund, selbst wenn diese Vorstellung dem, was der Junge und das Mädchen am Ufer getan hatten, nahekäme, so k

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