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Nachruf auf Lebende. Die Flucht von Wolf, Christa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Nachruf auf Lebende. Die Flucht

Für die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin ist ihre Mutter Charlotte der Mittelpunkt der Familie, geliebt, alles beherrschend und geradeheraus. Das Offensichtliche aber wird auch von Charlotte totgeschwiegen: dass die Nachrichten von der Front beunruhigen und die Flüchtlingstrecks aus dem Osten in immer kürzeren Abständen durch die Stadt ziehen. Bis zu dem Januarmorgen 1945, an dem plötzlich vollgestopfte Bettensäcke im Flur bereitstehen, vom Führerbild an der Wand nur noch ein heller Fleck zu sehen ist und die Mutter ihren Silberfuchs mit einer endgültigen Geste, die ihre Tochter nicht mehr vergessen wird, in den Schrank zurücklegt. Mitreißend, anrührend und mit liebevoller Ironie erzählt Christa Wolf von den inneren Verflechtungen einer Familie, von einer Fünfzehnjährigen, die erwachsen wird, vom Trauma der Flucht. 1971 entstanden, ist diese Erzählung der Auftakt zum späteren, weit ausholenden Kindheitsmuster, dem autobiographischen Meisterwerk, das bis heute ein Weltecho hat.

Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzó;w Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb am 1. Dezember 2011 in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 96
    Erscheinungsdatum: 10.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518737149
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 3267kBytes
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Nachruf auf Lebende. Die Flucht

2.

Meine Mutter war nicht in Übereinstimmung mit dem Leben, das sie führen mußte. Ihr Jugendbild, das ich kannte, war nicht in Übereinstimmung mit der Mutter, die ich kannte, das war der Grund, daß ich das Bild liebte, aber zugleich mit dem geschärften Gefühl für Unpassendes, das Kinder in sich selbst betrügenden Familien entwickeln, diese Liebe wie etwas Verbotenes verbarg. Manchmal, zu Großmutters Geburtstag, saß meine Mutter an dem ausgezogenen Tisch gerade unter ihrem Bild, dann setzte ich mich ihr genau gegenüber und verglich sie mit sich selbst. Das Ergebnis fiel jedesmal anders aus, aber ich wußte nicht, was die stärkere oder schwächere Angleichung an ihr Bild bewirkte. Ich weiß nur, daß ich lachte, wenn sie fröhlich war, und daß ich mich vor allen Fährnissen sicher fühlte, wenn sie sich über meine Angewohnheit, die Decke von den Streuselkuchenstücken abzuheben und zuallerletzt zu essen, lustig machen konnte, anstatt sie mir wie manchmal zu verbieten. Mein Bruder Bodo und ich gerieten aus dem Häuschen, wenn sie "Am Brunnen vor dem Tore" sang und "Ein Wandersmann mit dem Stab in der Hand, kehrt wieder heim aus dem fremden Land". Tante Lissy konnte sich anstrengen, wie sie wollte, sie hatte nun mal nicht diese Stimme und überhaupt diesen Hang zur Musik, wenn sie auch meinen Vater meist vergeblich bat, das Hamburger Hafenkonzert oder das Wunschkonzert abzustellen und ihr die Kleine Nachtmusik zu gönnen, mein Vater war der Ansicht, davon könne überhaupt kein Mensch etwas haben, und wer es dennoch behauptete, stelle sich an. "Sah ein Knab ein Röslein stehn", sang meine Mutter, aber manchmal kam sie auch erst gar nicht zu den Geburtstagsfeiern. Geh du doch mal runter zu ihr, Herbert, auf dich hört sie noch am meisten, und was hat sie denn überhaupt, daß sie da unten sitzt und weint? Weiß ich's denn, sagte mein Vater, er wußte es also nicht, Charlotte hatte also wieder mal ihre Tour, sie machte wieder mal aus der Mücke einen Elefanten, sie nahm wieder mal alles zu tragisch, denn schließlich wird man doch noch mal ein Wort sagen dürfen, schließlich kann man doch nicht alles gleich auf die Goldwaage legen, wo kämen wir denn da hin. Uns so den Geburtstag zu versauen; und überhaupt, schon wegen der Kinder!

Daß mein Vater wußte, wie man eine Auster aus der Schale schlürft und wie man sich an diese geschmacklose, glibbrige, aber nahrhafte Speise gewöhnt, verdankte er seinem Aufenthalt als Gefangener in Marseille, wo die Leute zuerst "Bosch" zu ihnen sagten und mit Steinen warfen, wenn man sie durch die Straßen trieb, woraus man sehen konnte, wie verhetzt die Franzosen waren. Merkwürdigerweise wog diese Kenntnis, wog sein zweimaliger Fluchtversuch aus der Gefangenschaft, der mit Hungerkarzer geahndet wurde, wog die Tatsache, daß er als Achtzehnjähriger "vor Verdun gelegen" hatte, wo sie die Engel im Himmel singen hörten - wog alles dies nicht so schwer wie das Pfund von Tüchtigkeit, das meine Mutter, die meinen Vater noch nicht kannte, in der Zwischenzeit zu Hause in der Käsefabrik Ardolf als erste Buchhalterin hatte sammeln können. Jedermann billigte meinem Vater zu, daß er sich erst habe ausleben müssen, nachdem er endlich der langjährigen Gefangenschaft ledig war, nur meine Mutter machte dazu ein undurchdringliches Gesicht, aber das alles lag vor ihrer Zeit, lag vor der Geburtstagsfeier einer ihrer Kolleginnen, Mieze Riekmann, ein ulkiges Huhn, ziemlich falsch, nebenbei bemerkt, und flott, das konnte man wohl sagen, aber unverheiratet. Der alte Ardolf hat sich später von ihr trennen müssen,

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