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Nachtfahrten Novelle von Maaß, Siegfried (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.08.2016
  • Verlag: EDITION digital
eBook (PDF)
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Nachtfahrten

Dieser schlanke Mann mit den kräftigen Händen hatte unvermittelt von sich zu erzählen begonnen, so dass sie bald die ganz unterschiedlichen Stationen seines Lebens zu kennen meinte. Wie sie kam auch er von drüben. Aber während sie bereits seit der Kindheit hier war; hatte er sich als Erwachsener abgesetzt, war einfach während einer Reise mit einem Urlauberschiff bei einem Landausflug in Ägypten nicht wieder an Bord gegangen. Dass sie nun einem, der dies tatsächlich gewagt hatte, unerwartet gegenüber saß, beeindruckte sie. Oft hatte sie sich selbst vor die Frage gestellt, ob sie womöglich im Osten geblieben wäre und noch heute dort sein würde, wenn die Tante sie nicht damals auf ihre Art von dort 'entführt' hätte. Würde sie später je den Mut dazu aufgebracht haben? Vielleicht hätte sie sich eher wie ihre Freundin Mine angepasst und gewissermaßen im Chor mitgesungen, ohne sich als Solistin hervorzutun. Geboren am 06.10. 1936 in Magdeburg, Schulbesuch in Staßfurt. Vermessungstechniker in Bergbau und Kataster. 1960 - 1964 Literaturinstitut Leipzig. Schauspieldramaturg. Freier Schriftsteller seit 1971. Verheiratet. Zwei Kinder. Bibliografie Ich will einen Turm besteigen, Verlag Neues Leben, Berlin 1974; als E-book 2014 Ins Paradies kommt nie ein Karussell, Verlag Neues Leben, Berlin 1976; als E-book 2014 Lindenstraße 28, Verlag Neues Leben, Berlin 1982; als E-book 2012 Keine Flügel für Reggi, Verlag Neues Leben, Berlin 1984; als E-book 2012 Abschied von der Lindenstraße, Verlag Neues Leben, Berlin 1986; als E-book 2014 Vier Wochen eines Sommers, Verlag Neues Leben, Berlin 1989; als E-book 2014 Auch in der Ferne bist du nicht für mich verloren, BK-Verlag, Staßfurt 1994 Tango in der Düppler Mühle, Volksstimme, Magdeburg1998 Und hinter mir ein Loch aus Stille, dr.ziehten verlag, Oschersleben 2000 Zeit der Schneeschmelze, dr. ziehten verlag, Oschersleben 2001 Peggy Vollmilchschokolade, Projekte Verlag, Halle 2002 Der Handschuhbaum, Projekte Verlag, Halle 2003 Schulschreiber - Tagebuch, darin: der Mann im Haus bin ich, Projekte Verlag, Halle 2003 Sonntagspredigt oder Heimkehr auf die Insel, BK-Verlag, Staßfurt 2004 Adolfchen und der 'doofe' Arm, Projekte Verlag, Halle 2005; als E-book 2012 Sternie, Spinni und das Kleine Gespenst Kugelrund, dorise verlag, Burg 2006 Das Versteck im Wald, dorise verlag, Burg 2007 Das Haus an der Milchstraße, dorise verlag, Burg 2008 Nachtfahrten, dorise verlag, Burg 2009 Als unser Weihnachtsmann Urlaub machte, dorise verlag, Burg 2009 Im Schatten der Milchstraße, dorise verlag, Burg 2010 Tango in der Düppler Mühle, erw. Fassung, Block-Verlag, 2011 Knöpfchen und der Mann mit der Mütze, Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2012 Federschnee, Verlag Schumacher-Gebler, Dresden 2013 Mäxchen und Pauline, EDITION digital, Pinnow 2015 Flaschendrehen, EDITION digital, Pinnow 2016 Das Glashaus, EDITION digital, Pinnow 2016 Beteiligung an 15 Anthologien, Herausgaben von 20 Anthologien.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 108
    Erscheinungsdatum: 19.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956556333
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1074 kBytes
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Nachtfahrten

Unwillkürlich war ihm beim Anblick dieses Kindes jene ,Zopfliese' von damals eingefallen, die er anscheinend längst vergessen hatte. Der er ganz zufällig während seiner ersten Fahrt in den Westen Deutschlands begegnet war. Als es noch langer bürokratischer Entscheidungen und Genehmigungen bedurfte, bevor man das entsprechende Papier in den Händen hielt. Lange vor dem Bau der Mauer. Zu dieser Reise hatte ihn sein Vater eingeladen, den er nicht kannte und von dem er bisher auch keinen Brief erhalten hatte. Der in seinem bisherigen Leben keine Bedeutung gehabt hatte. Eines Tages, als er aus der Schule gekommen war, hatte der Brief als Blickfang auf dem Tisch gelegen, wo er sich stets niederließ, um seine Hausaufgaben zu erledigen. Seine Mutter bestand darauf, dass er nichts 'auf die lange Bank schob' und erwartete, dass er die Hausaufgaben erledigt hatte, wenn sie nach Hause kam. Dass er auf ihre Hilfe nicht angewiesen war, setzte sie stillschweigend voraus. Außerdem hatte sie ihm inzwischen längst gestanden, sich im Rechnen am besten auszukennen, wenn es ums tägliche Geld ginge. Dafür würden ihre 'Rechenkünste' reichen und sie wundere sich manchmal selbst, dass sie es verstand, das Wenige so zu strecken, dass sie jedes Mal den Monat überstand. Doch sonst ... Verlegen hatte sie gelacht und ihm voller Vertrauen über das Haar gestrichen. 'Das schaffst du aber ohne Hilfe ...' Die Vase mit dem Herbststrauß hatte sie zur Seite gerückt, damit ihm nicht entging, was für ihn angekommen war. Ein weißer Umschlag mit seinem Namen und auf dem Dreieckverschluss der Rückseite als Absender noch einmal der gleiche Name. Längst war ihm entfallen, dass er genau wie sein Vater hieß. Diesen erwähnte die Mutter nicht und schien ihn aus ihrer Erinnerung gestrichen zu haben. Der JUNGE wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Später erschien es ihm unerklärlich, den Brief nicht geöffnet zu haben. Außer Glückwünschen zu seinen Geburtstagen hatte er sonst nie Post erhalten. Bunte Karten von der Großmutter. In ihrer Schrift mit den kantigen, hohen Buchstaben, die er nur mit Mühe entziffern konnte. Diese auf dem Umschlag war jedoch gut zu lesen. Der Brief erschien ihm wie eine geheime Botschaft, die er ohne die Mutter nicht zur Kenntnis nehmen durfte. Wie er bisher nie etwas ohne sie getan hatte. Doch die Mutter war es gewesen, die den Brief seines Vater an ihn so auffällig angeordnet hatte. Wieso hatte sie ihn nicht geöffnet? Wollte sie nicht wissen, welche Nachricht er enthielt? Weil sie es ablehnte, etwas von diesem Mann, der sein Vater geworden war, zu erfahren? Schließlich überwand er seine Bedenken und riss den Umschlag auf ... 'Lieber Junge ...' Der JUNGE las die Anrede mehrmals. Er konnte nicht begreifen, dass ihn dieser Fremde so nannte. Was hatten diese Worte zu bedeuten? Auch die Lehrerin sagte morgens zum Schulbeginn: 'Liebe Kinder, nun nehmt eure Stifte und Hefte heraus. Wir wollen beginnen!' Gab es zwischen der Lehrerin und dem Mann, der sein Vater sein soll, keinen Unterschied? Seine Blicke huschten über das übersichtliche Schriftbild. Wie gedruckt, dachte er. Schönes weißes und glattes Papier, darauf könnte er bestimmt einen guten Aufsatz schreiben. Denn das gefiel ihm in der Schule am besten. Aber die auf dem rauen Papier kratzende Feder störte ihn und verdarb ihm manchen Satz, weil sie sich mit den Papierfasern stritt, die sich als lästiges Anhängsel über seine Buchstaben legten. Meistens brachte er seinen Aufsatz deswegen nicht zu Ende. Trotzdem lobte ihn die Lehrerin jedes Mal dafür und wollte wissen, wer ihm diese Begabung vererbt hätte. Die Mutter? Oder vielleicht dieser ihm unbekannte Vater, der sich aus Furcht vor den Russen in den Westen entlassen ließ, statt zu seiner Familie zurückzukehren? Wollte sie ihn damit herausfordern, etwas von seinem Vater zu verraten? Wie sie auch von anderen Kindern gern erfahren wollte, wie es in deren Familien zuging? War es Neugier? Oder glaubte die

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