text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Nebelkinder Roman von Gregg, Stefanie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.06.2020
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Nebelkinder

Zwischen uns ein ganzes Leben. München, 1945. Zusammen mit ihrer Mutter Käthe ist Ana aus Breslau geflohen. Käthe ist traumatisiert, und so ist es an Ana, für ihre Familie zu sorgen. Als sie ihre eigene Familie gründet, scheint der Krieg verwunden, doch ihre Tochter Lilith bleibt ihr seltsam fremd. Viele Jahre später steht Lilith vor einer großen Entscheidung: Ausgerechnet sie, die doch immer unter ihrer distanzierten Mutter gelitten hat, soll den Sohn ihrer besten Freundin bei sich aufnehmen. Da fährt Ana mit ihr nach Breslau und erzählt ihr endlich, was damals wirklich geschehen ist ... Eine berührende Familiengeschichte, die über drei Generationen bis in das 21. Jahrhundert reicht.

Stefanie Gregg, geboren 1970 in Erlangen, studierte Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik und Theaterwissenschaften bis zur Promotion. Nach Stationen im Bereich Bucheinkauf und als Unternehmensberaterin widmet sich die Autorin jetzt nur noch dem Schreiben. Mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von München.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 15.06.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841219879
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2250 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Nebelkinder

Kapitel 1

Anastasia
München, Februar 1945

»Hier könnt ihr schlafen.« Der Bauer machte eine abwertende Geste mit der Hand. Es war der Kuhstall, auf den er zeigte.

Im Umkreis von München waren sie in einem kleinen Dorf bei einem Bauern einquartiert worden, der die 'Flüchtlinge' - ein Schimpfwort für ihn - nur unter Zwang aufnahm.

Eigentlich hätte Käthe sich nun durchsetzen müssen, aber das Einzige, was sie herausbrachte, war ein nicht forderndes, sondern verzweifeltes: »Das ist doch nicht Ihr Ernst?«, auf das der Bauer nicht einmal reagierte, bevor er sich umdrehte und zu seinem Haus stapfte. Mit hängenden Schultern stand sie da, bis Anastasia sie in den Stall hineinzog. »Mutti, es ist warm dort drinnen!«

So weit war es, das Kind, das im Rüschenkleid auf dem Pony hätte sitzen sollen, begnügte sich mit einem warmen Kuhstall. Käthe wollte nicht mitgehen, aber Anastasias Wille war zu stark für sie. Ihr konnte Käthe nichts entgegensetzen.

Selma, die ältere Schwester Käthes, stand schon, die Hände in die Hüften gestützt, im Stall. »Es geht wohl nicht anders, wir müssen in der Mitte schlafen.« Mit diesen Worten hatte sie sich an Anastasia gewandt und an ihren Sohn Wolfi, der vier Jahre älter als seine Cousine war und auf der Flucht einen erheblichen Beitrag zum Überleben der zwei Familien geleistet hatte. Anastasia betrachtete den Kuhstall, in dem rechts und links die Kühe so angebunden waren, dass ihr Hinterteil zur Mitte stand, wo unter einem Rost eine Abflussrinne die Jauche abtransportierte. Nur eine schmale Gasse war zwischen den Kuhhintern frei. Selma seufzte und begann die Daunendecke herauszuziehen. »Wir werden bedeckt mit Kuhscheiße sein bis morgen früh. Ist aber sicher schön warm!« Selma hatte sich ihren Humor bewahrt. Wolfi schüttelte missbilligend den Kopf, wohingegen Lenchen, Anastasias kleine sechsjährige Schwester, zwischen den Kühen herumsprang, ihnen die Hintern tätschelte und gerade begeistert eine Box mit Kälbchen entdeckt hatte.

»Tante Selma, ja, so hat sich der Bauer das vorgestellt, aber warte, ich habe eine Idee.« Anastasia hinderte Selma daran, die Decke auf dem Boden auszubreiten. Fragend sah Selma ihre Nichte an.

Tante Selma hatte es geschafft, dass sie noch in den vielleicht letzten Zug aus Breslau hineingekommen waren. Auch wenn Anastasia sich nicht daran erinnern wollte, wie. Doch dann hatte Anastasia statt ihrer Mutter die Verantwortung übernommen. Während Käthe nur noch das Leben erlitt, hatte Anastasia sich um ihre Mutter und auch um ihre Schwester gekümmert. Schon als es Anastasia gewesen war, die ihre lethargisch verzweifelte Mutter zur Flucht bewegte, war sie zur Verantwortlichen für die Vahrenhorst-Familie geworden. Nach der Flucht war aus dem Kind Anastasia aus edler, schlesischer Abstammung die bayerische Ana geworden.

Ana stemmte die Hände selbstbewusst in die Hüften. »Wir legen uns in die Box zu den Kälbchen. Wenn wir das gute Stroh auf die eine Seite geben und die Kälbchen zur anderen Seite, kann uns gar nicht so viel passieren.« Selma legte ihre Hand auf Anastasias Kopf. »Du Kluge, du bist wirklich wie die Zarentochter! Du überlebst alles!«

Auch der größere Wolfi nickte ehrfürchtig, was Ana eine kleine, heimliche Freude war. Nur Käthe stand hilflos ein wenig weiter hinten, wie ein Kind, das abwartete, was die Eltern nun entscheiden. Dann schoben sie das saubere Stroh auf die eine Seite der Box und die drei Kälbchen auf die andere Seite, die sehr verdutzt darüber waren, aber es sich wohl oder übel gefallen ließen. Als sie schließlich alle mehr übereinander- als nebeneinanderlagen, krabbelte Lenchen über Ana, die ganz bewusst den schlechtesten Platz neben den kleinen Kühen übernommen hatte, und zwängte sich zwischen ihre Schwester und eines der Kälbchen. Lenchen streichelte den Kopf des Tieres, das dankbar ihre Hand abschleckte. »Ana, zu Hause, da hatte ich meine Stoffku

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen