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Nesselkönig Roman von Eggers, Ralf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.12.2013
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag
eBook (ePUB)
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Nesselkönig

Anfang der fünfziger Jahre, als die DDR von manchen noch für das bessere Deutschland gehalten wird, sorgt Victor Nesselkönigs Auftauchen in Ostberlin für Verwirrung. Man weiß, dass er im Moskauer Exil den Literaturnobelpreis abgelehnt hat, und man glaubt zu wissen, dass er in Stalins Auftrag hingerichtet wurde. Der Dichter und DDR-Kulturminister Johannes R. Becher ist von der rätselhaften Auferstehung wenig begeistert, aber der Geheimdienstmann Bronnen ebnet dem Heimkehrer alle Wege. Doch statt zu schreiben, sonnt der sich im Glanz seines Nobelpreis-Romans aus den dreißiger Jahren. Nesselkönigs Sohn Jurek und der Redakteur Roger de Witt wühlen in der Vergangenheit des Staatsdichters Ost, aber niemand ahnt dessen wirkliches Geheimnis. Der Roman von Ralf Eggers spielt ein abenteuerliches Spiel mit Dichtung und Wahrheit, das im Oktober 1989 sein vorläufiges Ende findet: Im Fernsehen wird ein Staatsbegräbnis gezeigt. Aber wer wird da beerdigt? Selten wurde die deutsch-deutsche Vergangenheit so originell erzählt und selten gerade dort, wo große Geschichten stattgefunden haben: in der DDR-Welt der Dichter und Denker. Ein Lesevergnügen für alle, die sich erinnern wollen und noch nicht ahnten, welche Abenteuer in der DDR möglich gewesen wären.

Manfred Köppe, geb. 1940, lebt in Schönebeck. Veröffentlichungen u. a.: "Auch noch diese Stunde. Eine Guericke-Novelle" (2003); "Clemens Brentano. Bilder einer Reise ins Salz" (2007).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 463
    Erscheinungsdatum: 09.12.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783954622566
    Verlag: Mitteldeutscher Verlag
    Größe: 541kBytes
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Nesselkönig

1

Victor Nesselkönig ist auferstanden, aber nicht jeden freut das

Auf der Straße von Berlin nach Bruchmühle, September 1953

"Eins darf auf gar keinen Fall passieren", sagte der Minister und tupfte sich die Stirn. Bronnen neben ihm schwieg und tat so, als lausche er dem Nähmaschinentakt des Motors. "Sie sind mein Zeuge, Bronnen. Mein Zeuge, dass ich ..."

"Wartense ab, Jenosse Minister." Bronnen sprach so laut, dass ihn der Fahrer hörte. "Sie werden schon sehn, Jenosse." Er hatte fünf Jahre Prag hinter sich; damals hatte ihn dieser Mensch, wenn er mit Instruktionen aus Moskau kam, strammstehen lassen. Dann sieben Jahre Union: Da war Bronnen in den Hinterzimmern des Apparats an ihm vorbeigezogen. Als sie vor acht Jahren wieder nach Berlin kamen, war alles kaputt gewesen, nur nicht Bronnens Dialekt. Einmal Wedding, immer Wedding. Er hätte nicht bestritten, dass er nur deshalb so redete, um Leute wie den Minister zu erschrecken, diesen Kulturaffen mit seiner Schaubühnenartikulation. Seinen Rundfunkansprachen. Seinem aufdringlichen Hochdeutsch: knallende Konsonanten und säuberlich ausgesprochene Endungen. Melodiöse Satzbögen. Rituelle Kunstpausen. Der Jenosse Kulturminister.

"Ich werde gar nichts sehen. Ich sage nur, dass das auf gar keinen Fall passieren darf. Auf gar keinen Fall." Während er sprach, beugte sich der Minister nach vorn. Bronnen schwieg und spähte aus dem Fenster. Draußen stand Nebel, wie Qualm aus dem Ofen, wenn du nasses Holz verheizt. Es war kurz vor acht. Die Sonne musste längst aufgegangen sein, man sah sie bloß noch nicht. Jutet Bild, dachte Bronnen und wiederholte es laut, das mit dem Nebel, dem Qualm von nassem Holz, der längst aufgegangenen Sonne, die noch unsichtbar war.

"Jelungenet Bild. Für die Lage, alljemein."

Der Minister schloss die Augen und nickte fast unmerklich. Was weiß der von der Lage, dachte er zweifellos, aber da täuschte er sich. In diesem Wagen war Ludwig Bronnen derjenige, der die Lage erfasste. Der den letzten Dreh der ganzen Sache kannte. Der wusste, dass Bechers Angst vor dem neuen Konkurrenten so grundlos war wie seine zappelige Euphorie. Es gab vielleicht eine Handvoll Leute, die wusste, was Bronnen wusste und ahnte, was Bronnen ahnte; Becher gehörte nicht dazu. Er hatte vorgezogen, zu vergessen, was in den Dreißigern in Moskau in den Zeitungen gestanden hatte. Unwahrscheinlich, dass er den dramaturgischen Knalleffekt genießen konnte, der in Bruchmühle auf ihn wartete. Die Idee, ihn darauf vorzubereiten, verwarf Bronnen sofort. Kulturminister sind nicht Teilhaber der ganzen Wahrheit, nur nützliche Idioten, Pfauen im Raubtierkäfig, von den Großkatzen der Nomenklatura gelangweilt betrachtet. Becher würde auch in dieser Komödie den Narren spielen. Er rutschte unruhig auf dem Sitz hin und her. Wer einen Chauffeur hat, steigt nicht gern in fremde Autos, Bronnen kannte das. Aber durch entschlossenes Handeln. Am Telefon. Hatte er durchgesetzt. Dass er mit seinem Wagen. Und so. Die Situation unter Kontrolle behalten hatte. Wäre noch schöner, sich von einem dieser Lustknaben kutschieren zu lassen. Einem der Typen, die Becher abends zum Savigny-Platz fuhren. Man erzählte sich da Dinge, die nicht zwischen Aktendeckel passten. Bronnen schüttelte sich.

Der Minister klopfte mit dem mittleren Gelenk seines rechten Zeigefingers an die Scheibe zur Fahrerkabine, obwohl die halb geöffnet war. Als der Fahrer nicht reagierte, räusperte er sich und bat mit belegter Stimme, kurz anzuhalten. Der Fahrer drehte sich zu Bronnen um. Fragender Blick. Bronnen nickte, Wagen hielt. Als Becher ausgestiegen war, sah er in seinem voluminösen Mantel von hinten aus wie ein schwankender Riese.

"Was sagt er?", fragte der Fahrer nach hinten.

"Wat er immer saacht. Dass er nix dafür kann."

Dem Fahrer schien plötzlich einzufallen, dass Benzin rationiert war. Er stel

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