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Nicht schwindelfrei Roman von Schubiger, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.02.2014
  • Verlag: Haymon
eBook (ePUB)
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Nicht schwindelfrei

Pauls Gedächtnis ist sehr fadenscheinig und unzuverlässig geworden. Namen sind ihm entfallen, seine Lebensgeschichte hat Lücken. Und manchmal weiß er auch nicht mehr, was sich gehört. Seine Umgebung behandelt ihn wie einen Kranken, sie reagiert mit Mitleid und Ungeduld, zuweilen auch mit amüsierter Verwunderung. Paul selbst dagegen empfindet seinen Zustand als durchaus angenehm: Befreit vom Ballast der Erinnerungen ist er offen für das, was der lebendige Augenblick anbietet. Mit unverstellter Freude kann er staunen über die kleinen Seltsamkeiten des Alltags, die Kunst - und nicht zuletzt auch die Liebe. Jürg Schubiger begleitet Paul poetisch und mit feiner Ironie durch seine Tage und lässt uns die Welt durch seinen eigenwilligen Blick neu betrachten.

Jürg Schubiger, geboren 1936, lebte bis zu seinem Tod im September 2014 als Schriftsteller in Zürich. Studium der Germanistik, Psychologie und Philosophie. Tätigkeit im pädagogischen Verlag seiner Familie, dann als Psychologe in eigener Praxis. Seine Bücher für Kinder und Erwachsene wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis. Bei Haymon erschienen seine Romane 'Haller und Helen' (2002, ausgezeichnet mit dem ZKBSchillerpreis) und 'Die kleine Liebe' (2008, ausgezeichnet mit dem Zolliker Kulturpreis), zuletzt 'Nicht schwindelfrei' (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 112
    Erscheinungsdatum: 10.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709935552
    Verlag: Haymon
    Größe: 1173 kBytes
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Nicht schwindelfrei

E r sei krank, hiess es, oder er sei krank gewesen. Ihm selbst war aber gar nicht so. Für den Vorgang, den die bekümmerten Menschen um ihn Genesung nannten, hatte er kein genaues Wort. Er sagte Besinnung dazu oder Auffrischung, Aufforstung. Es hatte eine Zeit gegeben, da war er vergesslich gewesen, sehr sogar oder grenzenlos, das mochte er nicht mehr leugnen. Marion, seine Frau, hatte ihn zart und zäh begleitet durch Dickichte von Wochen, Monaten
hindurch, für alle Betreffenden, für alle Betroffenen zweifellos eine schwierige Zeit. Theo, der ältere Bruder, stand immer zur Verfügung mit Ermunterungen, Prosecco, Gebäck. Pauls Gedächtnis kläre sich Stück für Stück, sagten sie. Und so sagte auch Paul selbst. Allerdings blieb da die Frage: Wo war er auf die Dauer besser ausgerüstet, im Erinnern oder im Vergessen? Nahm die Erinnerung jetzt überhand? Ergriff sie Besitz von ihm?

Du machst Fortschritte, sagte Marion, kurz bevor Paul den Löffel so ungeschickt hielt, dass ihm die Suppe dem kleinen Finger entlang in den Ärmel lief. Solche Pannen gehörten schon nicht mehr zum Alltag. Man rechnete nicht mehr damit.

Tom, der Bub, lachte hihi - wie nur Blonde lachen können, die bleich sind und beim Lachen rotköpfig werden. Er hatte eine empfindliche Haut, die er vor der Sonne schützen müsste. Jeden Sommer aber beschaffte er sich einen Sonnenbrand und durfte dann schlechte Laune haben.

Aus Pauls Panne mit der Suppe machte Tom eine Zirkusnummer. Er wiegte den vollen Löffel hin und her, bis die Suppe ihm hurra! vom Ellenbogen tropfte. Marion wandte sich ab. Sie sah müde aus, selbst von hinten, vor allem von hinten. Ein knapper Satz von Paul war hier erforderlich. In Marions Rücken sagte er: Etwas Spass lockert die Familie.

Ich brauche weiss Gott keine Lockerung, wo doch ohnehin schon alles auseinander fällt, kam es von Marion, matt, traurig sogar, etwas Haltbares wäre mir lieber.

Tom, mit Blick auf seine Mutter, tat so, als würde er seinem Vater Suppe in die Ohren giessen.

Paul kam ihm lachend und mit schrägem Kopf entgegen.

Stillhalten, befahl der Bub.

Paul besann sich: So, das reicht! Die Mahnung galt auch für ihn selbst. Seine Stimme, die ihn überraschte, war lauter als nötig. Aber wer weiss denn immer im Voraus, was nötig ist und wie viel davon.

Tom verstummte und Marion blieb weiterhin stumm.

Auerochse, nannte sie den Mann in solchen Fällen. Manchmal sagte sie auch: mein Auerochse. Er hätte sie gern selbst irgendwie genannt, aber im ganzen Tierreich fand er nichts, das passte. Nur Unpassendes stellte sich ein, Gans oder Schwan zum Beispiel. Oder Kamel. Paul liebte die Kamele über alles. "Über alles" war übertrieben, aber er liebte diese Tiere. Ihr Wiederkäuen mit erhobenem Kopf, die wulstigen, filzigen Augen, denen man nicht ansah, was sie sahen. Und wie umständlich sie vom Liegen auf die langen Beine kamen. Vielleicht liebte Paul diese Tiere doch "über alles". Nur gab es eben Verschiedenes, das er auf diese Weise liebte, und seine Liebe kannte keine dauerhafte Ordnung.

Theo kündigte sich an. So nachdrücklich klingelte nur er. Wer seinen Daumen kannte, konnte sich vorstellen, dass er damit einen Klingelknopf breitdrückte. Nun stand er in der Wohnungstür. Er hinkte herein. Das Auftreten des gesunden Beines hatte etwas Triumphierendes. Er schob eine Pralinenschachtel, Kingsize, auf die Hutablage, um die Arme für Marion frei zu bekommen. Als er sie auf den frisch geschminkten Mund zu küssen versuchte, wich sie ihm aus, ärgerlich und lachend. Sie wollte zurück ins Geschäft. Theo streckte Paul eine kräftige Rechte entgegen. Für Tom war sein Händedruck eine männliche Herausforderung, der er nur knapp gewachsen war.

Marion bat den Gast an den Tisch zu einem Espresso. Mit einer Hälfte des Gesässes setzte sie sich kurz dazu.

Theo hatte Mühe gehabt, einen Parkplatz zu finden. Er sprach von einer Parkplatznot. Seine grossen Hände l

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