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Niemand anderes von Strauß, Botho (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Niemand anderes

Die ineinander verschränkten Geschichten und Überlegungen beschreiben die Menschen einer Gesellschaft, die "unablässig ihre Wehwehchen besprechen muß, jedenfalls solange ihr größeres Leid erspart bleibt und sie selbst nichts Größeres vorhat". Das Buch ist gegen die überall spürbar werdende Erschöpfung geschrieben, menschliche Sitten und Unsitten überhaupt noch wahrzunehmen, gegen "unsere tiefe Profanie". Es ist aber auch zugleich ein Versuch, der Gleichgültigkeit zu entgehen. Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark. Bei Hanser erschienen neben einer vierbändigen Werkausgabe seiner Stücke zuletzt die Prosabände Mikado (2006), Die Unbeholfenen (Bewußtseinsnovelle, 2007), Vom Aufenthalt (2009), Sie/Er (Erzählungen, 2012), Der Aufstand gegen die sekundäre Welt (Aufsätze, 2012), Die Fabeln von der Begegnung (2013), Kongress (Die Kette der Demütigungen, 2013), Allein mit allen (Gedankenbuch, 2014), Herkunft (2014) und Oniritti Höhlenbilder (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 17.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446251151
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 3856 kBytes
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Niemand anderes

Monotropie

Sie wollte eben vorbeigehen. Nur zufällig, weil er nicht schnell genug wegsah, trafen sich ihre Blicke und zerrissen die Schleier des feinen Desinteresses, der zivilen Bemerkensscheu, die zwei fremde Menschen umgibt. 'Was ist? Wie siehst du mich an?' Ein Zögern nur, und das Gesicht verliert seine geschäftige Benommenheit, seine eiligen, verschlossenen Absichten. Es öffnet sich, es entblößt seine Gegenwart, seinen wehrlosen Ernst und die dunkle Frage, deren Antwort nur eine lange Geschichte geben kann, das Fragen-Entsetzen: 'Wer bist du?'

Die Tiefenfrage aber erkundigt nicht den anderen. Sie richtet sich ungläubig an etwas Offenbares. Etwas in uns erkennt blitzschnell, ohne zu begreifen, weiß ohne Erfahrung. Man ist sich absolut sicher, doch nirgends sonst könnte Sicherheit beunruhigender sein.

Wie der Heilkundige im Auge die verborgenen Organe inspiziert, erschaut der ursprüngliche Blick das ganze Mögliche zwischen zwei Menschen.

Dabei hatte er sie schon einige Zeit angesehen und sich zu ihr in ein Verhältnis gesetzt, solange sie ihn nicht bemerkte. Wie empfindlich wünschte er, sie zu umgeben, sie zu genießen, ohne von ihr gesehen, angesprochen, ja sogar berührt zu werden! Die schöne Lethargie, in welcher ihre Geschichte rund um ihren Körper ruhte, dahindämmerte, sollte und durfte auf keinen Fall gestört werden. Diese Unerwecktheit, dieser öffentliche Schlafzustand ihrer Identität, ihrer Probleme und Verhältnisse war nämlich ihre sinnlichste Anmutung, und dies zur Schau gestellte Desinteresse, aus dem Schlaf des Ichs geweckt zu werden, war zugleich ihr heftigstes Signal. Eine solche vielleicht unbewußte, vielleicht höchst durchtriebene Aufzäumung von Passivität konnte ihn weitaus stärker fesseln als irgendein gefälliges Körperbewußtsein, als die üblichen Galanterien des Selbstgefühls beim fließenden Gebrauch von Händen, Haaren und Hüfte.

'Ich will ja nur wissen, wie sie fremd ganz aus der Nähe ist.' Die Sphäre der Intimität, wenn die Blicke jenes Betteln um Gewißheit bekommen, wäre schon nicht mehr die seine gewesen.

Sie hingegen dachte immer: Derjenige, der hinter dir für eine Sekunde sich umblickt, der war's. Nicht der ist es, der sich dir gegenüber lang und breit niederläßt. Nur in der Sekunde des Verpassens erscheint der Einzige.

Sie wollte schon vorbeisehen. Jetzt verschwanden sie voreinander in der Erscheinung. Groß und furchtsam sahen sie sich, dunkel und nah, kaltblütig und fromm, jetzt und vorzeiten, scheu und habsüchtig, fremd und urbekannt. Verläßlich und wild, flehend-befehlend, und das eine als das andere.

Dann fallen die Worte. Und mit ihnen wir. Der Blick enthält noch in Spuren 'Hintergrundstrahlung' von Urzeit und Fülle. Mit den Worten beginnt die Vertreibungsgeschichte.

Die Fremde, die Frau in der Tür, die mit ernstem, fast erbostem, nur halb aufgerichtetem Auge über die Schwelle tritt, den Blick unter der Augenhöhe des Mannes anhaltend, der ihr die Tür öffnet, unter dem Meeresspiegel des Anblicks, wie der Fernsehsprecher, der unter der Kamera Text abliest und unser Auge um quälende Haaresbreite verfehlt - an ihr, der Fremden, spricht zuerst der kurzfristig gebeugte Stolz, und mit leicht gesenktem Kopf sagt sie nichts anderes als: eigentlich werf ich ihn in den Nacken! Da ich die Schwelle überwinden muß, und du mir den Eintritt gewährst, ist schon zuviel Macht vorgesprungen, als daß es noch ein leichtes sein könnte zwischen uns. Deine Stellung als jemand, der mich empfängt, beugt mich für einen Augenblick. Dieser flüchtige Akt einer Erlaubnis wird um so sicherer zu meinem Sieg führen. Du empfängst mich nur ein einziges Mal!

Der erste Blick ist hier einer, der nicht sieht, sondern sich zeigt. Die Welt vor dem Lächeln, dem Gruß. Alle Hoffnung liegt darin verschlungen mit bitterer Erfahrung. Wir waren bereits, sagt der gedrungene Aufblick, ich komme zurück. Jede ernste Geschichte geht h

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