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Nirvana Stories von Johnson, Adam (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.09.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
16,99 €
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Nirvana

Das neue Buch des Pulitzer-Preisträgers

Nach dem Hurrikan Katrina zieht ein Mann mit seinem Sohn durch das verwüstete Louisiana, um dessen Mutter zu finden. Jahre nach dem Fall der Mauer muss ein ehemaliger Aufseher sich im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen seiner Vergangenheit stellen. In Palo Alto findet eine schwerkranke Frau Trost im Gespräch mit einem Hologramm ihres verstorbenen Idols, Kurt Cobain - seine Worte "Mir bedeuten Dinge immer erst dann etwas, wenn sie nicht mehr da sind" fangen das Gefühl dieses Erzählungsbandes ein. Denn so unterschiedlich die Geschichten dieser Menschen auch sein mögen, steht doch über allen die Frage nach Erlösung - vom Chaos der Gegenwart, vom Schmerz, von den Geistern der Vergangenheit.
Nach seinem Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, für den Adam Johnson mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, begeistert er nun mit kraftvollen Geschichten - sie sind ebenso überraschend wie bewegend.

"Der weiß, wie man eine gute Geschichte erzählt." Zadie Smith

Adam Johnson, geboren 1967 in South Dakota, lebt mit seiner Familie in San Francisco und lehrt in Stanford Creative Writing. Für seinen zweiten Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do reiste Adam Johnson ins abgeschottete Nordkorea. Johnson erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, u.a. den Pulitzer-Preis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 262
    Erscheinungsdatum: 06.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518742457
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Fortune Smiles
    Größe: 1244 kBytes
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Nirvana

NIRVANA

ES IST SPÄT, und ich kann nicht schlafen. Ich schiebe ein Fenster hoch, um frische Luft hereinzulassen, Frühling in Palo Alto, aber es hilft nicht. Ich liege mit offenen Augen im Bett und höre ein Wispern. Ich muss an den Präsidenten denken, weil wir oft im Flüsterton miteinander sprechen. Ich weiß, dass das Wispern nur von meiner Frau kommt, Charlotte, die die ganze Nacht lang Nirvana über Kopfhörer hört und die Texte im Schlaf mitmurmelt. Charlotte hat ihr eigenes Bett, ein elektrisch verstellbares Klinikbett.

Ich kann nicht schlafen, denn wenn ich die Augen schließe, sehe ich meine Frau vor mir, wie sie Selbstmord begeht. Beziehungsweise es versucht , schließlich ist sie von den Schultern abwärts gelähmt. Die Lähmung ist vorübergehend, aber überzeugen Sie mal Charlotte davon! Sie hat heute auf der Seite geschlafen, damit die wundgelegenen Stellen nicht schlimmer werden, und das Gitter neben der Matratze auf so eine Art angestarrt. Das Bett steuert sie mit der Stimme - wenn sie es also schaffen würde, ihren Kopf irgendwie zwischen die Stäbe zu manövrieren, bräuchte sie nur noch "hoch" zu sagen. Hätte sich das Kopfteil erst einmal in Bewegung gesetzt, wäre sie in Sekundenschnelle erstickt. Auch die Schlaufe im Kabel des Hoyer-Lifters, mit dem sie aus dem Bett hinaus- und wieder ins Bett hineingehoben wird, sieht sie mit einem ähnlichen Blick an. Doch im Grunde braucht sie gar keine extravagante Exit-Strategie - schließlich hat sie mir das Versprechen abgerungen, dass ich ihr helfen werde, wenn es so weit ist.

Ich stehe auf und trete an ihr Bett, aber sie hört noch gar nicht Nirvana - das hebt sie sich meist für die Zeit auf, in der sie es am dringendsten braucht, nach Mitternacht, wenn ihre Nerven richtig anfangen zu knistern.

"Ich dachte, ich hätte etwas gehört", sage ich zu ihr. "Eine Art Flüstern."

Kurz geschnittene Haare umrahmen ihr abgehärmtes Gesicht, ihre Haut ist fahl wie Kühlschranklicht.

"Ich hab es auch gehört", sagt sie.

Neben ihrer sprachgesteuerten Fernbedienung liegt ein halb gerauchter Joint in der Metallschale. Ich zünde ihn an und halte ihr das Ding an die Lippen.

"Und, wie ist das Wetter da drin?", frage ich.

"Windig", sagt sie, als sie den Rauch ausatmet.

Windig ist besser als Hagel oder Blitz, oder, Gott bewahre, Hochwasser, das Gefühl, das sie hatte, als ihre Lungenfunktion wieder einsetzte. Aber Wind ist nicht gleich Wind.

Ich frage: "Windig wie das Wispern im Fliegengitter oder windig wie das Rütteln der Fensterläden?"

"Eine starke Bö, die pfeift und zischt wie ein Mikrofon im Wind."

Sie raucht. Charlotte ist nicht gern bekifft, aber es beruhigt ihr Inneres, sagt sie. Sie leidet am Guillain-Barré-Syndrom, an einer Krankheit, bei der das Immunsystem die Leitbahnen der eigenen Nerven angreift, und wenn das Gehirn Signale an den Körper schickt, dann verenden die elektrischen Impulse, bevor sie bei den Muskeln ankommen. Eine Milliarde Nerven in ihr senden Impulse aus, die überall und nirgendwo verpuffen. Seit neun Monaten hat sie jetzt diese Krankheit, und das ist länger als alles, was die medizinische Fachliteratur bislang kennt. Die Ärzte können uns nicht mehr sagen, ob Charlottes Nerven irgendwann wieder funktionieren werden oder ob sie für immer gelähmt sein wird.

Hustend atmet sie aus. Ihr rechter Arm zuckt, was heißt, dass ihr Gehirn versucht hat, ihrem Arm mitzuteilen, dass er die Hand heben und den Mund zuhalten soll.

Sie zieht noch mal. Durch den Rauch sagt sie: "Ich mache mir Sorgen."

"Worüber?"

"Dich."

"Du machst dir Sorgen um mich?"

"Du musst aufhören, mit dem Präsidenten zu reden. Du musst dich der Realität stellen."

Ich versuche es mit Humor. "Aber er redet mit mir, nicht ich mit ihm."

"Dann hör nicht mehr hin, okay? Er ist nicht mehr da. Wenn man tot ist, dann hat man s

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