text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Nora Webster Roman von Tóibín, Colm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)

12,99 €1

4,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Nora Webster

Als ihr Mann viel zu früh stirbt, verfällt Nora Webster in einen Schockzustand. Es ist das provinzielle Irland der 60er Jahre, in dem sie nun versuchen muss, sich in einem selbstbestimmten Leben als Frau und Mutter von vier Kindern zurechtzufinden. Jeder kennt jeden in der kleinen Stadt, das macht all die Entscheidungen, die sie nun alleine fällen muss, nicht einfacher. Nora ist katholisch und unkonventionell, mit grimmiger Intelligenz sucht sie neue Wege für sich und ihre Kinder. In seinem großen Roman gelingt Colm Tóibín das Porträt einer Frau, die die Unabhängigkeit ihrer Gefühle bewahrt. Nora Webster ist eine der bleibenden Frauenfiguren der Literatur. Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman Der Süden (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Bei Hanser erschienen zuletzt der Henry-James-Roman Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2005), Mütter und Söhne (Erzählungen, 2009), Marias Testament (Roman, 2014), Liebe und Tod (Hanser-Box, 2014), Brooklyn (Roman, 2016) und Nora Webster (Roman, 2016). Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.?a. mit dem IMPAC-Preis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 22.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446254213
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Nora Webster
    Größe: 1583 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Nora Webster

1. KAPITEL

"Sie müssen die doch langsam überhaben. Hören sie denn überhaupt nicht mehr auf zu kommen?" Tom O'Connor, ihr Nachbar, stand an seiner Haustür und blickte sie erwartungsvoll an.

"Ich weiß", sagte sie.

"Gehen Sie einfach nicht mehr an die Tür. So würde ich das machen."

Nora schloss das Gartentörchen.

"Sie meinen es gut. Die Leute meinen es gut", sagte sie.

"Abend für Abend", erwiderte er. "Ich weiß nicht, wie Sie das aushalten."

Sie fragte sich, ob sie wohl ins Haus zurückgehen konnte, ohne ihm noch einmal antworten zu müssen. Er sprach in einem neuen Ton zu ihr, einem Ton, den er sich vorher nie herausgenommen hätte. Er sprach so, als sei sie ihm irgendwie Rechenschaft schuldig.

"Die Leute meinen es gut", wiederholte sie, aber diesmal machte es sie traurig, das zu sagen, sie musste sich auf die Lippe beißen, um die Tränen zurückzuhalten. Als sie Tom O'Connors Blick sah, begriff sie, dass sie niedergeschlagen, ja besiegt gewirkt haben musste. Sie ging ins Haus.

Es war schon beinahe acht Uhr abends, als es klopfte. Im Hinterzimmer brannte der Ofen, und die zwei Jungs machten am Tisch ihre Hausaufgaben.

"Du gehst aufmachen", sagte Donal zu Conor.

"Nein, du."

"Einer von euch geht", sagte sie.

Conor, der Jüngere, trat in den Flur. Als er die Tür öffnete, konnte sie eine Stimme hören, eine Frauenstimme, aber keine, die ihr bekannt vorkam. Conor führte die Besucherin in das vordere Zimmer.

"Es ist die kleine Frau aus der Court Street", flüsterte er ihr zu, als er zurückkam.

"Was für eine kleine Frau?", fragte sie.

"Ich weiß nicht."

Als Nora ins Wohnzimmer kam, schüttelte May Lacey traurig den Kopf.

"Nora, ich habe bis jetzt gewartet. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut wegen Maurice."

Sie nahm Noras Hand und hielt sie fest.

"Und er war doch so jung. Ich kannte ihn schon als kleinen Jungen. Wir kannten sie alle in der Friary Street."

"Ziehen Sie doch den Mantel aus und kommen Sie mit nach hinten", sagte Nora. "Die Jungs machen gerade ihre Aufgaben, aber das können sie auch hier am Elektroofen tun. Sie gehen sowieso bald ins Bett."

May Lacey, unter deren Hut dünne graue Haarsträhnen hervorsahen, den Schal noch immer um den Hals, nahm im Hinterzimmer Nora gegenüber Platz und fing an zu reden. Nach einer Weile gingen die Jungs nach oben; als Nora ihn rief, war Conor zu schüchtern, um herunterzukommen und gute Nacht zu sagen, aber kurz darauf kam Donal ins Zimmer und setzte sich zu ihnen und beobachtete May Lacey aufmerksam, ohne etwas zu sagen.

Es war mittlerweile klar, dass sonst niemand mehr kommen würde. Nora war erleichtert darüber, dass es ihr erspart blieb, sich um Gäste kümmern zu müssen, die sich gegenseitig nicht kannten, oder die sich nicht mochten.

"Jedenfalls", fuhr May Lacey fort, "lag Tony also in Brooklyn im Krankenhaus, und da kommt doch dieser Mann in das Bett neben seinem, und sie geraten ins Plaudern, und Tony hörte ihm an, dass er Ire war, und erzählte ihm, dass seine Frau aus dem County Wexford stammt."

Sie hielt inne und schürzte die Lippen, als versuchte sie, sich an etwas zu erinnern. Plötzlich fing sie an, eine Männerstimme zu imitieren. "Ach, genau da komme auch ich her, sagte der Mann, und dann sagte Tony, dass seine Frau aus Enniscorthy wäre; ach, und genau da komme auch ich her, sagte der Mann. Und er fragte Tony, woher genau in Enniscorthy sie stamme, und Tony sagte, sie käme aus der Friary Street."

May Lacey ließ Noras Gesicht nicht aus den Augen, wodurch sie gezwungen wurde, Interesse und Überraschung zu heucheln.

"Und der Mann sagte, genau da bin ich auch her. Ist das nicht unglaublich!"

Sie verstummte und wartete auf eine Antwort.

"Und er erzählte Tony, bevor er aus der Stadt weggezogen sei, hätte er dieses Eisending gemacht - wie soll man das n

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen