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Oniritti Höhlenbilder von Strauß, Botho (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.10.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Oniritti Höhlenbilder

Oben die helle Welt, unten das Dunkel: Schon auf dem Weg durch die Stadt gibt es überall Höhleneingänge, auf dem Weg der Liebe, auf dem Weg der Gerechtigkeit, auf dem Weg des Spiels. Wer lebt, der lebt mit Bildern, mit Geschichten, die sich wieder aus Bildern zusammensetzen. Mann und Frau ein Leben lang auf der Suche nach sich selbst. Die Bilder, die Botho Strauß entwirft, die Szenen die er erzählt, sind Graffiti aus der Tiefe des Traums. Und wie im Traum erkennt der Leser in dem, was so rätselhaft erscheint, ganz plötzlich sein eigenes Gesicht. Botho Strauß erkundet unsere gegenwärtige und alte Bilderwelt, entziffert die Schrift auf den Höhlenwänden der Nacht. Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark. Bei Hanser erschienen neben einer vierbändigen Werkausgabe seiner Stücke zuletzt die Prosabände Mikado (2006), Die Unbeholfenen (Bewußtseinsnovelle, 2007), Vom Aufenthalt (2009), Sie/Er (Erzählungen, 2012), Der Aufstand gegen die sekundäre Welt (Aufsätze, 2012), Die Fabeln von der Begegnung (2013), Kongress (Die Kette der Demütigungen, 2013), Allein mit allen (Gedankenbuch, 2014), Herkunft (2014) und Oniritti Höhlenbilder (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 10.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446255395
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1694 kBytes
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Oniritti Höhlenbilder

Oniritti Ipse mihi theatrum

Bin mir selbst 'ne volle Bühne ...

Zum Abschiedsfest führte ein langer leerer Saal. Von Erinnerung gebeugt, von Neugier gerafft, von Schmerzen steif liefen vereinzelte Gäste immer in dieselbe Richtung. Selten waren sie zu zweit, und wenn, dann traute sie Abstand, vermählte sie Entfernung, war Zwischenraum ihr Band. Das Haar vom Kopftuch verhüllt, huschte eine Frau durch den Saal. Später, um Jahre schien's, schlenderte, vor Verlegenheit pfeifend, ein kleiner Mann hinter ihr her. Sie strebten gleichermaßen in den Hintergrund, angezogen vom Licht eines feierlichen Verschwindens. Dort hinten mußte es sein, wo Rauch und Lichter zitterten, wo das Fest schnell und schneller kreiste, wo das Wirbelauge abfließender Tage dem des Zyklopen glich und die vielen Gäste - einzeln, immer einzeln - den Fängen ihrer Zeit entriß. Doch fühlten die vom Wirbel Gezwängten und Gedrängten sich im letzten Augenblick begnadigt, von der Vision erfüllt, hinauszugehen, in die Höhe zu gelangen, um dort oben im hellen Tag zu verscheinen, sacht verschienen zu sein, in Luft gelöst, entrückt und aerifiziert auf dem Scheitel ihrer Stunden. In Wahrheit wurden sie im selben Augenblick abwärts gesaugt und in den Abyssos geschleudert.

Denn dies war ein Theater, auf dem es nur Abgänge gab, alle Wege zu Abgängen wurden und kein Auftritt mehr erfolgte. Die Bühne war ein Raum, den man betrat, um über kurz oder lang im Bühnenhintergrund für immer zu verschwinden. Die gewechselten Worte erfüllten nur den Zweck, darin versteckt einen bestimmten Ruf zu vernehmen. So kam es zu den stillen Figuren, den Personenbegleitern, die jemanden auf einem Lichterfest diskret beiseite nahmen, eine Nachricht flüsterten und nach hinten führten; die sich auch dem heftig Handelnden, dem inbrünstig bekennenden Menschen bescheiden zugesellten, ihn durch einfaches höfliches Beistehen zum Einhalt brachten, zum Schweigen, zur Besinnung, bis er ihnen ohne Widerstreben folgte in den Hintergrund, an den Ort höchster Verborgenheit. Fort von den Spielgefährten der Bühne, von der Bühne selbst, ins Verschwinden eskortiert. Wie ein erlahmter Stürmer, den sein Trainer vom Platz winkt und austauscht, so traten sie ab.

Langsame Überquerung eines alten Schauplatzes. Zwei Frauen im schwarzen Gewand und sehr weißhäutig. Fester Arm der einen umschlingt schlanke Taille der anderen. Vorsichtshalber. Um sie notfalls sofort zu packen, aufzuhalten, falls sie sich plötzlich wieder umdreht und, unterwühlt von Kindheit, Pferden, erster Liebe, heftig zurücklaufen will.

Deshalb war es Sorge der einen, die Freundin um die Hüfte zu fassen und vorbeugend zurückzuhalten. Lautlos auflachend gab sie ihr einen Hauchkuß auf die weiße Wange beim ersten Anzeichen von Kopfwenden. Doch einige Monate später machten ihr Schwangerschaft und Dehnung es beschwerlich, die immer noch zurückstrebende Freundin am Ausreißen zu hindern. Auf diesem Schauplatz so vieler Jahre! Inzwischen kindtragende Frau, gewölbter Leib unter dem schwarzen Gewand, sich voranschiebend schwerfällig. Ohne das lautlose Auflachen verloren zu haben. Die Schlankgebliebene aber, die schwächere Wache der Schwangeren nutzend, dreht sich plötzlich - ach, kein Halten mehr! -, entwindet sich dem gürtenden Arm der Begleiterin und will endlich zurück. Zurück! Nur endlich zurück! Sie öffnet ihre schwarze Bluse, sie legt ihre weißen Brüste aus und zeigt sie nach rückwärts unter diesiger Sonne.

"Wie schön du bist!" ruft es schwach aus altem Hintergrund. "Ach, welch ein Jammer für mich. Sieh nur, nichts bin ich mehr für dich. Nur das Ausschlittern einer Curling-Scheibe auf sonniger Eisbahn bin ich. Ausgeschlittert in meiner Ecke, bleib ich aus dem Spiel. Ach, welch ein Nimmermehr für dich und mich!"

Und die Brüstevortragende, Zurückstrebende schreit in den alten Hintergrund, wieder einmal, doch ihr Zorn ist nun ganz frisch: "Was? Er will mich nicht? i

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