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Orchidee & Wespe von Hughes, Caoilinn (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2019
  • Verlag: Steidl Verlag
eBook (ePUB)
14,99 €
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Orchidee & Wespe

Wer wie Gael Foess schon mit elf Jahren einen schwunghaften Handel mit Läuseeiern betreibt und seinen Freundinnen Jungfrauenkapseln aufschwatzt, ist mindestens so einfallsreich wie geschäftstüchtig. Gael ist ein Adrenalin-Junkie, ehrgeizig, hochintelligent, so groß- wie kaltschnäuzig - und wild entschlossen, ein Leben ganz zu ihren eigenen Bedingungen zu führen. Ihre Eltern hat sie früh schon als untauglich befunden, sie und ihren labilen, künstlerisch begabten Bruder Guthrie angemessen großzuziehen. Als Gaels Vater, ein Banker, Frau und Kinder während der Finanzkrise 2008 verlässt, droht die Familie unter die Räder zu kommen. Ihre Mutter, einst eine gefeierte Dirigentin, verliert ihren Lebensmut und ihre Position. Guthrie steht mit siebzehn plötzlich ohne Schulabschluss, aber mit Zwillingen da. Dass sie ein Opfer irgendwelcher Umstände werden sollen, damit will Gael sich nicht abfinden. Sie verlässt Dublin, lernt in der koksgeschwängerten Finanzwelt Londons ein paar wichtige Lektionen und landet schließlich in New York. Im Gepäck fünf Bilder ihres Bruders und eine bestechende, wenn auch nicht ganz legale Geschäftsidee ...

Caoilinn Hughes, geboren 1985 in Galway, Irland, siedelte nach ihrem Masterabschluss an der Queen's University of Belfast nach Neuseeland um, wo sie bei Google arbeitete, eine Firma gründete und an der Victoria University of Wellington in Englischer Literatur promovierte. Für ihr erstes Buch, den Gedichtband Gathering Evidence, wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt. Orchidee & Wespe ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 460
    Erscheinungsdatum: 02.10.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958296572
    Verlag: Steidl Verlag
    Größe: 625 kBytes
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Orchidee & Wespe

1
Das Mittelmäßigkeitsprinzip

April 2002

Es ist unser Recht, Jungfrauen zu sein, sooft wir wollen, sagte Gael zu den Mädchen, die sie umstanden wie Blütenblätter ein Pollenpaket.

»Stellt es euch einfach vor«, sagte sie. »Louise. Fatima. Deirdre Concannon.« Ihre Namen sprach sie wie Anschuldigungen aus. Sie steckte jeder von ihnen die Spitze ihres Zeigefingers in den Mund, und die Wangen der Mädchen machten plop plop plop. »Bei mir hab ich's schon mit genau diesem Finger gemacht«, sagte sie. Die Mädchen zuckten zusammen und wischten sich mit dem Saum ihrer Trägerkleider die Geschmacksknospen ab. »Auf die Fliesen im Bad ist Blut getropft, aber es war nicht viel, und es hat nicht so wehgetan, wie ... wie wenn ihr euch ohne Eis Löcher in die Ohrläppchen stechen würdet«, schloss sie unheilvoll. »Und jetzt muss ich mir keinen Kopf mehr darum machen, so wie all die anderen Idiotinnen. Ihr solltet es heute Abend alle tun. Wir reden morgen darüber, und ich werde wissen, ob ihr's getan habt oder nicht.«

Von ihrem Atem, unmerklich wie der von Shakespeares Julia, zitterten die feinen Härchen in ihren Ohren. Feierlich räumte sie ein: »Manche von euch werden die Kapseln ihr ganzes Leben lang brauchen. Bis hin zu eurer Hochzeitsnacht, weil ihr Muslimas oder so richtig echte Christinnen seid. Wisch dir den Rotz ab, Miriam. Das ist die harte Wirklichkeit. Und es hilft den Leuten. Die Jungs werden denken, dass sie euch etwas nehmen, wenn die Kapsel zerbricht. Ihr aber werdet es besser wissen«, sagte sie. »Ihr werdet wissen, dass es da nichts zu nehmen gab.«

Gael war elf. Es war ihr letztes Trimester in der Grundschule. Vielleicht war das der Grund, weshalb ihr Vorschlag nach hinten losging. Die Mädchen bereiteten sich darauf vor, zu einer anderen reichen, vernichtend schönen Anführerin überzulaufen. Doch Gael störte sich nicht daran. Sie brauchte keine Gefolgschaft mehr. Es wäre einfacher, wenn sie von alleine verschwänden, als wenn sie mit ihnen Schluss machen müsste.

»So richtig echte Christen wie dein Bruder?«, erwiderte Deirdre. »Ist der nicht Messdiener?«

Gael verdrehte so melodramatisch die Augen, dass sie hinter den Augenhöhlen Kopfschmerzen davon bekam. »Der hat kein Jungfernhäutchen, Deirdre, also ist er offensichtlich irrelevant.«

Deirdres und Louises Heiterkeit nahm noch zu, weil Miriams Tränen zusammen mit der Grundierung, die sie zuvor in der Apotheke an der Bushaltestelle ausprobiert hatte, eine terrakottafarbene Paste bildeten. Was die Jungfernkapseln denn kosten würden, wollte Becca wissen. Welchen Preis würde Gael dafür verlangen?

»Ist doch egal«, sagte Gael. »Was tut das schon zur Sache? Taschengeld halt. Alle werden sie haben wollen. Hunderte, wenn nicht Millionen von Leuten, Rebecca. Also entscheidet euch.« Sie forderte ihr unverbindliches Wesen heraus und schaute von einem vorgebeugt dastehenden Mädchen zum anderen. »Also, wie sieht's aus? Seid ihr dabei?« Sie sprach zu ihren schuppigen Scheiteln. Neuerdings lohnte es sich kaum noch, Zeit mit ihnen zu verbringen. Selbst beim Sport wollten sie nicht ins Schwitzen geraten. Ohne sie zu berühren, schnellte Gaels rußschwarzer Schopf nach vorne, und sie stieß sie von sich wie eine jähe Windbö, die Loses von Festem scheidet. Dumme Mädchen, dachte sie, als auch schon die Pausenglocke schrillte und sie zu ihren Klassenzimmern trotteten. Zurück zum Einmaleins: den üblichen langsamen, bescheuerten Rechenoperationen.

Sie drehte der Tafel den Rücken zu, entnahm ihrer Tasche ein Fläschchen Tipp-Ex und begann, sich die Nägel korrekturweiß zu lackieren. Es roch wie in Guthries Schlafzimmer. Beißend. Konzentriert. Mit Farbe besudelte Papiertaschentücher, wenn er seine Pinsel reinigte. Absolution. Ihr kleiner Bruder: der Ministrant. Beim neunten Fingernagel angekommen, hob sie der Dünste wegen den Kopf

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