text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Ozelot und Friesennerz Roman einer Sylter Kindheit von Matthiessen, Susanne (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.06.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Ozelot und Friesennerz

Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen von Deutschlands beliebtester Ferieninsel: Sylt - und die Suche nach einer Heimat, die es so nicht mehr gibt Sonne, Freiheit, Champagner: In den Siebzigerjahren lassen Stars, Politiker und Industriegrößen des Wirtschaftswunderlands, aber auch viele andere Inselurlauber, den Alltag am Strand hinter sich - und findige Sylter Unternehmer legen den Grundstein zu sagenhaftem Reichtum. Für Susanne Matthiessen ist das Sylt ihrer Kindheit ein faszinierender, aber auch gefährlicher Abenteuerspielplatz, bevölkert von außergewöhnlichen Menschen, in vielem typisch für diese Zeit. Von all diesen Begegnungen, aber auch dem schmerzhaften Verlust der Heimat erzählt die Autorin mit großer Leichtigkeit, scharfem Blick und Humor. Die Bundesrepublik gespiegelt auf einer kleinen Insel. Der Roman einer ganz normal verrückten Kindheit in den Siebzigern! Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, ist gebürtige Sylterin. Als Journalistin verarbeitet sie gesellschaftspolitische Entwicklungen zu Programmideen für Radio, Fernsehen und Internet. Sie hat unter anderem als Redaktionsleiterin der TV-Magazine 'Dunja Hayali' (ZDF), 'Gabi Bauer' (ARD) und - dort stellvertretend - 'Sabine Christiansen' (ARD) gearbeitet und hatte Programmverantwortung bei Inforadio Berlin, der Deutschen Presse-Agentur audio & video, Radio Schleswig-Holstein und BB Radio Brandenburg. Sie ist seit 25 Jahren Dozentin an der Akademie für Publizistik in Hamburg und war 15 Jahre lang Kolumnenschreiberin für die 'Sylter Rundschau'. Susanne Matthiessen lebt gern in Berlin, lebt aber nur am Meer richtig auf.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 15.06.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843722797
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2548 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Ozelot und Friesennerz

Kapitel 1
DIE SACHE MIT DEM SEELÖWENPELZ

Damals hat man ja noch wochenlang Urlaub gemacht im Sommer. Niemand kam nur für ein paar Tage nach Sylt. Vier Wochen Ferien am Stück waren normal. "Haus voll?", riefen sich die Sylter über die Straße hinweg zu. Bis unters Dach hatte man vermietet. In jedem Schlafzimmer gab's ein Waschbecken, und der ganze Strand war voll mit diesem seidenweichen weißen Muschelsand, der so fein durch die Finger rieselt und den man heute nur noch in den Dünen findet, weil er unten am Strand vom Meer weggeholt und nach Amrum getragen wurde, sodass man jetzt über die gesamte Fläche nur noch diesen grobkörnigen, eher braunen Sand hat, der vom Meeresgrund geholt und jedes Jahr vorgespült wird, damit Sylt nicht untergeht. Und dass damals die Polizei kommen musste, um mich zu meinen Eltern zurückzubringen, ist heute eher eine lustige Anekdote, die meine Mutter immer wieder gern erzählt. Sylt in den Sechzigern und Siebzigern, ja, das war eine wilde Zeit. Meine Güte. Ist das alles wirklich passiert? Ich war ein Baby. Und dass es damals so aus dem Ruder lief, wird auch damit zu tun gehabt haben, dass die Pellmanns wochenlang im Ehebett meiner Eltern schliefen.

Sie waren über Jahre unsere Sommergäste und wohnten oben im ersten Stock. Herr Pellmann war immer dunkelbraun gebrannt und hatte am ganzen Körper eine Menge schwarzer Haare und dazu schneeweiße Zähne. Er fühlte sich einfach toll an. Bei ihm schlief man auf beheiztem Fell. Seine Frau trug eine Brille, hatte eine ziemlich fest sitzende Frisur und war auch insgesamt wenig beweglich. Sie soll in einer Bibliothek gearbeitet haben. Sie war nett und hat immer viel gelacht. Im Gegensatz zu ihr ging aber von ihrem Mann, Herrn Pellmann, eine unglaubliche Hitze aus, die man schon spürte, wenn er nur die Arme ausgebreitet hatte und lachend auf mich zukam.

Ich fand es schön, zwischen den beiden zu schlafen. Jedenfalls schöner als bei meinen Eltern. Die übernachteten unten im Wohnzimmer auf der kleinen Couch mit dem grünen Cordbezug. Genauer gesagt, meine Mutter schlief da drauf. Mein Vater lag davor auf einer Matratze am Boden. Für mich gab's noch den Sessel. Aber da schlief ich eher selten, weil ich einfach zu unruhig war, wie meine Mutter immer sagte. Sie beschwerte sich, dass sie meinetwegen nicht ausreichend Schlaf bekam. Das tat sie allerdings niemals laut. Und nie mit Worten. Das tat sie telepathisch.

Man brauchte ein funktionierendes inneres Antennensystem, um meine Mutter zu verstehen. Es sind lautlose Klopfzeichen. Wer mit ihr zu tun hat, lernt über die Jahre, auf diese Zeichen zu achten. Als Kind hat man sich am besten still verhalten und aufmerksam registriert, in welchem Zustand sich meine Mutter befand. Sie war immer im Stress. Mal mehr. Mal weniger. Aber niemals entspannt. Das begann schon mit dem frühen Aufstehen, um für unsere Sommergäste rechtzeitig das Frühstück auf den Tisch zu bekommen, bevor sie dann ins Geschäft ging und mit ihrem Hauptjob weitermachte.

Wie alle Sylter damals vermieteten wir jedes Bett in unserem Dünenhaus, Dr.-Ross-Str. 34A.Es war ein sehr kleines Backsteinhaus, quadratisch, eine Querstraße vom Strand entfernt. Es gab dort sechs Betten in vier Zimmern und eine sehr fies knarrende Holztreppe vom Erdgeschoss in die obere Etage. Wir hatten ein Elternschlafzimmer mit dem Ehebett meiner Eltern, ein Dreibettzimmer und das Einzelzimmer. Im Wohnzimmer, das direkt in die kleine Küche überging, hausten in der Saison meine Eltern. Die Anziehsachen hingen auf einem rollbaren Ständer, den mein Vater aus der Firma mitgebracht hatte, und sonst gab's da eigentlich nichts. Ich kannte keine Familie in Westerland, in der es anders war. Wir lebten hautnah zusammen mit diesen vielen fremden Menschen, die die Insel im Sommer überfluteten. Es war eng. Es war laut. Wir teilten uns ein einziges Bad.

Im Dreibettzimmer logierte Herr Berg aus Berlin zusammen mit seiner Familie. H

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen