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Papanoia Roman von Martin, Ralph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.09.2014
  • Verlag: Fahrenheit
eBook (ePUB)
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Papanoia

... Vater sein dagegen sehr. Vor allem für einen Ex-New-Yorker Schriftsteller mitten in Prenzlauer Berg. Seine Freundin erklimmt gerade die nächste Stufe der Karriereleiter als TV-Journalistin, also muss er sich zu Hause um den Nachwuchs kümmern. Er taucht ein in einen völlig fremden Kosmos aus Yogamüttern und Fahrradfanatikern. Doch was tun, wenn das Töchterchen die Bio-Brause verweigert und auch in der pädagogisch wertvollen Kita nicht auf ihre Barbie verzichten will? Während Papa sich den Kopf zerbricht, muss er irgendwann verblüfft einsehen: die kleine Lulu geht weitaus gelassener mit den allzu feindlichen Bedingungen um als der paranoide Papa ...

Ralph Martin, geboren 1970 in den USA, zog der Liebe wegen 2003 nach Deutschland. Er schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die New York Times und Gentlemen's Quarterly. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 15.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492981538
    Verlag: Fahrenheit
    Größe: 2258 kBytes
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Papanoia

Kapitel 1

Der Bunker

Eines bewölkten Herbsttags fuhren wir nach dem Mittagessen mit dem Auto los und gingen eine Wohnung besichtigen. Was wir darüber gehört hatten, klang fast zu gut, um wahr zu sein: Freunde von Freunden hatten erst kürzlich renoviert, und jetzt mussten sie schnellstmöglich untervermieten, weil sie von Berlin nach München zogen. Sie waren nicht einmal da, um uns die Wohnung zu zeigen, sondern hatten uns die Schlüssel per Post geschickt. Die Miete war ein Relikt aus den mythischen Neunzigern, als man noch in ausgebombten Ostberliner Ruinen wohnte, mit Kohleöfen und Löchern im Boden.

Wir parkten vor dem Haus und ich ließ den Blick über die leicht abfallende Straße mit den jungen Bäumen schweifen, an denen noch die letzten Blätter hingen. Ein paar Frauen schoben luxuriöse Kinderwagen vorbei. Sie trugen teuer aussehende Jacken und betont entspannte Yogahosen und schienen nur so über den Bürgersteig zu schweben, von weltlichen Sorgen losgelöst. Dann betraten wir das Haus, und die Stille verdichtete sich: Die schwere Haustür fiel hinter uns zu wie die Luftschleuse in einem Science-Fiction-Film, die den unendlichen Weltraum ausschließt. Auf den Treppenabsätzen standen mehrere Kinderwagen – mindestens sechs oder sieben –, doch keine Spur, kein Laut von ihren Passagieren. Bis jetzt störte mich nichts: gespenstisch stille Mütter auf der Straße; gespenstisch stille Kinder in den Wohnungen. Damit konnte ich leben.

Die Wohnung wurde ihrer Beschreibung gerecht: Sie war groß und schön, und die Farbe auf den restaurierten Jugendstilelementen war kaum getrocknet. Es gab große tiefe Doppelfenster und einen Balkon auf der Höhe der Baumkronen. Wir fühlten uns wie Waisenkinder in einem Charles-Dickens-Roman, die sich in einer Villa verirrt hatten: Die Wohnung war groß genug für eine ganze Familie, und wir waren nur ein gieriges Paar. Ich fragte mich, wo der Haken war. Lag ein Fluch auf der Immobilie? Hatte es im Hof kürzlich einen Mord gegeben?

Noch im Treppenhaus einigten wir uns darauf, die Wohnung zu nehmen. Wir konnten gar nicht Nein sagen; bis auf die Möglichkeit, dass im Keller Leichen vergraben waren, war alles perfekt. Beseelt schwebten wir die Treppe hinunter. Am Eingang begegneten wir schließlich einem echten Hausbewohner aus Fleisch und Blut: einer hübschen Frau mit Vogelgesicht und braunem Pferdeschwanz. Sie trug Turnschuhe, Jogginghose und Kapuzenpulli, darüber einen Mantel, der aussah, als wäre er einmal sehr teuer gewesen. Offensichtlich die Uniform dieser Gegend. Die Frau parkte ihren Kinderwagen im Treppenhaus, nur von einem Baby war nichts zu sehen. Mich beachtete sie nicht, doch ich sah, wie sie F v D musterte. Es war ein merkwürdiger, animalischer Moment, ein beschnüffelndes Taxieren, und so schob ich F v D hastig auf die Straße.

"Warum hat sie mir so auf den Bauch gestarrt?", fragte F v D , als wir das Haus verließen.

"Weil sie ... verrückt ist?"

Wir kamen an zwei weiteren Frauen mit Kinderwagen vorbei, deren Passagiere aufeinander abgestimmte Wollmützen trugen. Fest entschlossen die Stille zu brechen, die über allem lag, fing ich zu schwärmen an, wie großartig unser Leben plötzlich werden würde. Die neue Wohnung war ein riesiger Fortschritt nach unseren viel kleineren, viel weniger schicken Bruchbuden, die wir bisher in Berlin-Mitte bewohnt hatten. Das war unsere Chance, mit einem Schritt aus unseren poststudentischen Provisorien heraus- und in den berühmten Prenzlauer-Berg-Lifestyle hineinzukommen. Außerdem wohnte unsere Freundin Chloe zwei Stockwerke über uns. Sie w

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