text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Paul, mein großer Bruder Ein schwuler Roman einer Bruderliebe von Lindquist, Håkan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2012
  • Verlag: Bruno Gmünder Verlag
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Paul, mein großer Bruder

Jonas hatte einen Bruder. Paul starb allerdings, bevor Jonas geboren wurde. Als Jonas mit 16 Jahren von seinem Bruder erfährt, macht er sich auf die Suche nach Anhaltspunkten aus dessen Leben. Jonas hat viele Frage zu seinem Bruder und kommt Schritt für Schritt einem Geheimnis auf die Spur: Jonas begreift, dass Paul kurz vor seinem Tod eine intensive Liebesbeziehung zu einem anderen Jungen unterhielt. Eine Liebesbeziehung, die fortlebt. Hakan Lindquist was born in Sweden. He lives in Stockholm and in Berlin. He has written five novels, many short stories, one opera libretto and several articles mainly on literature and art. He is currently working on a new novel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 01.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783867872898
    Verlag: Bruno Gmünder Verlag
    Größe: 1358 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Paul, mein großer Bruder

EINS

502 Tage liegen zwischen deinem letzten und meinem ersten Tag. Trotzdem, irgendwie bist du mir immer nahe gewesen.

Mein erstes eigentliches Bild von dir ist das Schulfoto, das immer auf dem Fernseher im Wohnzimmer stand. Du bist ein dreizehnjähriger Junge, der meiner Mama ähnlich sieht. Dein Haar ist ziemlich lang, schön gekämmt und dunkel. Genau wie das von Mama. Du lachst nicht auf dem Bild. Du siehst mich nicht an, sondern blickst starr auf irgendetwas weit hinter der Kamera und den Klassenkameraden. Ich bin ein fast dreijähriger Junge, der vor dem Fernseher steht und zu deinem Foto hinaufschaut. Die Balkontür neben mir steht offen, einige Schneeflocken suchen ihren Weg in die Wärme und fliegen wirbelnd um dein Bild, bevor sie zu Boden sinken und schmelzen.

"Wer ist das?", frage ich meine Eltern.

"Das ist dein Bruder", antwortet Mama und schließt die Balkontür. "Das ist dein Bruder Paul."

"Er ist gestorben, bevor du geboren wurdest", erklärt Papa.

Ich friere nur und bin viel zu klein, um das zu verstehen.

Ich schaue das Foto von dir an. Manchmal - wenn ich traurig bin - finde ich, wirkst du auch traurig. Wenn ich fröhlich bin, bilde ich mir ein, ein geheimnisvolles Lächeln um deine Lippen zu sehen.

Ich betrachtete das Foto; ich konnte nicht verstehen, dass du mein Bruder warst und tot bist. Der Gedanke war viel zu abstrakt für mich. Meine Familie bestand aus Mama, Papa und mir. Du warst damals nur ein Gedanke. Oder - vielleicht - eine Sehnsucht.

Als ich etwas älter war - ich muss gerade mit der Schule angefangen haben -, begann ich, meine Eltern über dich auszufragen. Ich wollte wissen, wer du warst, was du getan hast, mit wem du gespielt hast. Du musstest doch gespielt haben, Paul; du bist doch noch ein Kind gewesen, als du starbst.

"Paul war so ein guter Junge", erzählte Mama, und ihre Stimme klang genauso, wie wenn sie mir Märchen vorlas. "Er war so fleißig. Er malte und zeichnete gern. Alle mochten ihn. Die Lehrer in der Schule. Seine Klassenkameraden. Und die Kinder hier in der Straße. Alle mochten ihn. Und alle waren traurig, als er starb."

"Waren alle Klassenkameraden auf der Beerdigung?", fragte ich.

"Nein. Nicht alle. Nur einige seiner besten Freunde. In der Schule hatten sie schon eine Gedenkstunde abgehalten. Die fand einen Tag vor der Beerdigung statt. Trotzdem war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt."

"Woran ist er gestorben?"

"Das weißt du doch", sagte sie langsam. "Das habe ich dir schon hundertmal erzählt."

"Bitte", bettelte ich. "Ich will, dass du es noch einmal erzählst. Ich will es hören."

"Er wurde von einem Zug überfahren und war sofort tot", sagte sie kurz. "Es ging alles sehr schnell."

"Nein", sagte ich. "Nicht so. Erzähl wie immer."

"Paul ging gern im Wald spazieren", fing sie an. "Ihm machte es großen Spaß, die Tiere und Pflanzen zu beobachten, und er hoffte immer, irgendeinem wilden Tier zu begegnen ..."

"Hat er irgendwann mal junge Füchse gesehen?", unterbrach ich sie.

Mama lächelte.

"Ja, eines Morgens, als er richtig früh unterwegs war. Ich und Stefan wachten gerade auf, als Paul zurückkam. Er lachte und rief nach uns, sobald er durch die Tür war. 'Wacht auf! Wacht auf!', rief er. Dann kam er in unser Schlafzimmer. Er setzte sich auf die Bettkante und erzählte von den jungen Füchsen."

"Wie alt war er da?"

"Elf oder zwölf, schätze ich mal. Und er erzählte von seinem Waldspaziergang. Er hatte sich auf einen alten, umgestürzten, völlig morschen Baumstamm gesetzt, als er plötzlich ein jaulendes Ger

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen