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Petersburger Erzählungen Die Nase. Das Porträt. Der Mantel. Der Newskij-Prospekt von Gogol, Nikolai Wassiljewitsch (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2015
  • Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
eBook (ePUB)
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Petersburger Erzählungen

Es sind wunderliche Sachen, die vor der städtischen Kulisse St. Petersburgs geschehen: Hunde, die eine Briefkorrespondenz führen, eine Nase auf freiem Fuß, ein spukender Mantel Gogols literarische Welt ist grotesk, er verfremdet das, was uns eigentlich vertraut ist. Gegenstände werden personifiziert, Menschen verdinglicht. Das Dämonische ist allseits präsent, Schein und Sein nie klar getrennt; zu entblößen versuchen es der Humor und die Überspitzungen im Erzählton. Gogol leitet das Absurde in der russischen Literatur ein und ebnet den Weg zum Surrealismus. Die Petersburger Erzählungen versammeln: Der Mantel, Die Nase, Der Newskij-Prospekt, Das Porträt, Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen. Nikolai Gogol, geb. 1808 in der Ukraine, war von Kindheit auf ein eher kränklicher, unansehnlicher Zeitgenosse, der jeher dem Spott seiner Mitmenschen ausgesetzt war und als menschliches Rätsel galt. Die Versuche eine Schauspiellaufbahn einzuschlagen und mit einer Verserzählung erfolgreich zu werden schlugen fehl. Durch die Bekanntschaft mit dem bedeutenden russischen Dichter Aleksander Puschkin bekam er die Möglichkeit Gelegenheitsjobs als Privatlehrer auszuüben und begann durch dessen wertvolle Impulse und Ideen Prosatexte zu schreiben. Sein erster ukrainisch-volkstümlicher Erzählband Abende auf dem Weiler bei Dikanka machten ihn schnell bekannt; ebenso beliebt wurde die Komödie Der Revisor und sein Hauptwerk Die toten Seelen. Aus religiösem Wahn oder einer Psychose heraus begann er seine Werke anzuzweifeln, verbrannte das Manuskript des zweiten Teils der toten Seelen und verweigerte schließlich die Nahrungsaufnahme, die 1852 in Moskau schließlich zu seinem Tod führte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 20.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843804844
    Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
    Größe: 927 kBytes
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Petersburger Erzählungen

DIE NASE

I

Am 25. März geschah in Petersburg etwas ungewöhnlich Seltsames. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch, der auf dem Wosnessenskij-Prospekt wohnte (sein Familienname ist in Vergessenheit geraten und selbst auf seinem Ladenschilde, das einen Herrn mit einer eingeseiften Wange und der Inschrift: "Und wird auch zur Ader gelassen" darstellt, nicht erwähnt), der Barbier Iwan Jakowlewitsch erwachte ziemlich früh am Morgen und roch den Duft von warmem Brot. Er setzte sich im Bette auf und sah, wie seine Gattin, eine recht ehrenwerte Dame, die sehr gerne Kaffee trank, frischgebackene Brote aus dem Ofen nahm.

"Heute möchte ich keinen Kaffee, Praskowja Ossipowna," sagte Iwan Jakowlewitsch, "statt dessen möchte ich warmes Brot mit Zwiebeln." (Das heißt, Iwan Jakowlewitsch wollte wohl das eine und das andere, er wußte aber, daß es unmöglich war, beides auf einmal zu verlangen, denn Praskowja Ossipowna mochte solche Launen nicht.) - Soll nur der Dummkopf Brot essen, umso besser für mich, - sagte sich die Gattin: - so bleibt mehr Kaffee für mich übrig. - Und sie warf ein Brot auf den Tisch.

Iwan Jakowlewitsch zog des Anstandes halber einen Frack über sein Hemd, setzte sich an den Tisch, nahm etwas Salz, schnitt zwei Zwiebeln zurecht, ergriff das Messer, machte eine wichtige Miene und begann das Brot zu zerteilen. Als er es in zwei Hälften geschnitten hatte, blickte er hinein und sah darin zu seinem Erstaunen etwas Weibliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit dem Messer und tastete mit dem Finger. - Es ist etwas Festes, - sagte er sich, - was kann es sein?

Er bohrte mit den Fingern und zog - eine Nase heraus! ... Iwan Jakowlewitsch ließ die Hände sinken; er fing an, sich die Augen zu reiben und es zu betasten: eine Nase, tatsächlich eine Nase! Sie kam ihm sogar bekannt vor. Iwan Jakowlewitschs Gesicht zeigte Entsetzen. Dieses Entsetzen war aber nichts im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner Gattin bemächtigte.

"Wo hast du diese Nase abgeschnitten, du Unmensch?" schrie sie ihn wütend an. "Verbrecher! Trunkenbold! Ich selbst werde dich bei der Polizei anzeigen. Du Räuber! Drei Herren haben mir schon gesagt, daß du beim Rasieren so heftig an den Nasen ziehst, daß sie fast abreißen."

Iwan Jakowlewitsch war aber mehr tot als lebendig: er erkannte, daß die Nase dem Kollegien-Assessor Kowaljow gehörte, den er jeden Mittwoch und Sonntag zu rasieren pflegte.

"Halt, Praskowja Ossipowna! Ich will sie in einen Lappen einwickeln und in die Ecke legen: sie wird dort eine Zeitlang liegen, und dann trage ich sie weg."

"Ich will davon nichts wissen! Niemals werde ich dulden, daß in meiner Wohnung eine abgeschnittene Nase herumliegt! ... Du angebrannter Zwieback, du! Du kannst nur mit dem Messer auf dem Streichriemen herumfahren, wirst aber bald deine Pflichten nicht mehr erfüllen können, du Taugenichts, du Vagabund! Soll ich mich vielleicht deinetwegen vor der Polizei verantworten? ... Du Schmierfink, du Dummkopf! Hinaus mit ihr, hinaus! Trag sie, wohin du willst! Daß ich von ihr nicht mehr höre!"

Iwan Jakowlewitsch stand wie zerschmettert da. Er überlegte und überlegte und wußte nicht, was er sich denken sollte. "Weiß der Teufel, wie das nur möglich ist," sagte er endlich und kratzte sich hinter dem Ohre: "Ob ich gestern betrunken heimgekommen bin oder nicht, weiß ich nicht mehr. Es scheint doch eine außergewöhnliche Sache zu sein, denn das Brot ist etwas Gebackenes, die Nase aber etwas ganz anderes. Ich kann gar nichts verstehen!" Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, daß die Polizei bei ihm die Nase entdecken und ihn zur Verantwortung ziehen könnte, bedrückte ihn furchtbar. Ihm schwebte schon ein roter, schön mit Silber gestickter Kragen und ein Degen vor ... und er bebte am ganzen Leibe. Endlich griff er nac

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