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Pilgerreise von Stauffer, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.11.2012
  • Verlag: Voland & Quist
eBook (ePUB)
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Pilgerreise

Bela Schmitz, von seiner Frau verlassen, schmeißt hin, beginnt zu wandern, und zwar so richtig, bis ihm die Füße schmerzen. Er spaziert durch neblige Landschaften, trinkt Schnaps und isst riesige Schinkenbrote, verteilt goldene Pilgervisitenkarten an die Menschen, die er unterwegs trifft, und hofft, sowohl zu vergessen als auch zu sich zu finden.

Michael Stauffer, geboren 1972 in Winterthur (CH), schreibt Prosa, Theaterstücke, Lyrik und macht Hörspiele fürs Radio und Spoken-Word-Performances. Er unterrichtet am Schweizerischen Literaturinstitut der Hochschule der Künste Bern. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Open-Mike-Preis der Literaturwerkstatt Berlin, dem Förderpreis Komische Literatur zum Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und dem Literaturpreis des Kanton Bern. Zuletzt erschienen die Romane 'Normal. Vereinigung für normales Glück' und 'Soforthilfe'. 'Dichterstauffer' lebt und arbeitet in der Schweiz und Europa.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 08.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863910235
    Verlag: Voland & Quist
    Größe: 1316 kBytes
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Pilgerreise

KAPITEL II

Ein Mann in Socken auf einer kalten Steintreppe,

das ist nicht schön.

Ich habe dich verletzt,

und dann habe ich versucht, mich, obwohl du verletzt warst,

sinnlos zu verteidigen.

Es gibt jetzt keine offene Türe mehr,

die Türe ist endgültig zugemauert.

Ich bewege mich kaum, und es ist klar,

das Arschloch unter der Glocke bin ich.
Ich komme in Bewegung

Ich steige aus dem Zug, gehe los und bin bald ganz verschwitzt. Ich habe mich lange nicht mehr richtig bewegt und muss ab und zu Pause machen.

Ich schreibe weiter alles auf.

An einer Kuhtränke erfrische ich mich . Ich schaue ein paar Kuhrücken genauer an und stelle fest, dass sie fast die Landschaft dahinter wiedergeben.

Später mache ich auf der Terrasse eines kleinen Bergrestaurants eine Pause und bestelle ein Bier, dazu esse ich Ringbrot und nehme aus dem Rucksack etwas Bienenhonig, den ich auf das Brot streiche.

Du wolltest auf Reisen nie etwas mit den anderen Touristen zu tun haben. Du hast immer so getan, als wärst du etwas Besonderes, kein richtiger Tourist.

Wenn dir ein Tourist entgegenkam und dich freundlich nach der Uhrzeit gefragt hat, hast du immer einen großen Schritt zur Seite gemacht, mürrisch irgendeine Uhrzeit gebrüllt und bist einfach weitergegangen. Oder du hast so getan, als seist du vollkommen in Gedanken versunken und als hätte dich der Tourist mit seiner Frage richtiggehend erschreckt.

Einmal sind wir in die Berge gefahren. Der Weg war steil, man konnte nur im ersten Gang fahren. Du wolltest unterwegs immer wieder aussteigen, hast getobt und geschrien. Ich wusste nicht mehr, was tun. Du hast nur noch die Abgründe gesehen.

Jetzt bin ich zum Glück allein mitten in dieser voralpinen Bergwelt und höre jedem zu, dem ich begegne. Ich glaube nämlich, dass ich eigentlich ein geselliger Mensch bin. Es ist mir nur eventuell etwas abhandengekommen in letzter Zeit.

Ich frage den Wirt, ob er Postkarten zu verkaufen habe, und kaufe dann gleich vier, damit ich nicht in Rückstand gerate mit schreiben.

Lieber Herr Lendel,

ich bin mit Ihnen eine kurze Strecke im selben Zug gefahren. Ich habe heute gesehen: rote Socken, Insekten, Kuhfladen. Gemäß Wanderwegweiser habe ich eine Stunde Vorsprung. Ich bin der beste Wanderer.

Herzliche Grüße

Ihr Bela Schmitz

Ich bleibe nicht lange allein am Tisch. Es kommt ein Mann mit zwei Gläsern zu mir.

"Roger Schaller, seit heute 49. Wollen Sie mit mir anstoßen? Ich bin allein unterwegs, und so wie es aussieht, Sie auch."

Ich stoße gerne mit ihm an und schenke ihm eine meiner goldenen Pilgervisitenkarten. Er schaut die Visitenkarte an, und wir schweigen ein wenig. Rundherum ist es sehr laut.

Der Wirt kommt an unseren Tisch, um sich für den Baulärm zu entschuldigen. Wir tragen den Tisch von der Terrasse hinter das Bergrestaurant, um dem Lärm zu entgehen.

Später gehen wir zu zweit weiter, und der Mann fragt, ob wir nicht gemeinsam ein Nachtlager suchen wollen.

Der Mann erzählt von seinen fünf wunderbaren Kindern, davon, dass er mit seiner Frau keine Paarbeziehung mehr führe, dass sie dennoch jedes Jahr zwei Wochen gemeinsam in die Ferien fahren. Ich höre nur halb zu.

Auf den Urlaubsfotos, die ich von dir gemacht habe, sah man in deinem Gesicht imm

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