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Pink Hotel von Stothard, Anna (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Pink Hotel

Sommer, Sonne, Kalifornien - sie ist 17, als sie in London vom Tod ihrer Mutter erfährt, die sie nie gekannt hat. Mit einer Handvoll Briefe und Fotos macht sie sich in Los Angeles auf die Suche nach dem Menschen, der ihre Mutter gewesen ist - und findet Unglaubliches sowie ihre erste Liebe. Ein aufregendes Debüt.

Anna Stothard, geboren 1983 in London, wuchs in Washington, Peking und New York auf. Nach dem Abschluss in Englischer Literatur in Oxford bekam sie ein Stipendium des American Film Institute in Los Angeles, wo sie zwei Jahre Drehbuch studierte. Anna Stothard lebt zurzeit in London.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257601886
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: The Pink Hotel
    Größe: 1844 kBytes
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Pink Hotel

[5] 1

Die Luft in ihrem Schlafzimmer roch abgestanden nach Zigaretten und Parfüm. Zwei Aschenbecher quollen über mit Filtern voller Lippenstiftspuren, als wäre sie nur mal eben weggegangen, ein neues Päckchen holen. An einer Kommode hing ein Strapsgürtel, eine Nerzstola lag zusammengerollt wie ein überfahrenes Tier neben dem Bett auf dem Boden. Ein Spiegel an der Wand gegenüber warf mein Bild zurück, angezogen auf den zerknitterten Laken liegend, irgendwie fehl am Platz. Mein Haarschnitt und mein Körper hätten der eines Jungen sein können, doch mit meinen großen Augen glich ich eher einer mittelalterlichen Madonna auf einer Kunstpostkarte. Ich trug dunkelblaue Jogginghosen und ein verschwitztes T-Shirt. Meine Haut roch noch immer schwach nach Kaffee und dem Dunst der Fritteuse aus Dads Café in London, mittlerweile überlagert von verbrauchter Flugzeugluft und dem Smog von Los Angeles.

Lily blickte mich von überall her aus gerahmten Fotos an. Auf einem stand sie in Lederjacke neben einem Motorrad, auf einem anderen hockte sie in weißem T-Shirt und Bikini im Schneidersitz unter einem Baum in der Sonne und lachte in die Kamera. Auf einem [6] dritten war sie nackt bis auf den knallroten Lippenstift und einen breitkrempigen Sonnenhut; ihre Haut war albinoweiß, genau wie meine, mit vier runden dunklen Flecken: große Augen und dunkelbraune Brustwarzen. Allerdings hatte sie auf dem Foto schwarze Haare, während meine von Natur aus blond sind.

Ich stand von ihrem Bett auf und schnappte mir vom Schminktisch neben der Tür eine Whiskeyflasche. Gläser waren keine da, also nahm ich einen Schluck aus der Flasche und tappte barfuß am Bett entlang Richtung Bad. Neben der Toilette lag ein Spitzenhöschen, und ich achtete darauf, dass es meine bloßen Füße nicht streifte, als ich mich zum Pinkeln hinhockte. Ihr Schlafzimmer befand sich ganz oben in einem pinkfarbenen Hotel in Venice Beach, Los Angeles. Die Beerdigung war am Vormittag gewesen, aber ich hatte es nicht mehr rechtzeitig ins Krematorium geschafft. Zu der Zeit, als ich in Venice Beach eintraf, war Lilys Totenwache bereits in eine Art Orgie ausgeartet, mit über zweihundert Leuten, die im ganzen Hotel verteilt tanzten und redeten und koksten und tranken. Niemand wusste, wer ich war, also wanderte ich herum, mein abgegriffenes Basecap tief im Gesicht, wie ein Kind auf einer Cocktailparty. Ich sah lange Fingernägel und feuchtglänzende Lippen, geweitete Pupillen und knochige Schultern; ab und zu blitzten unwirklich weiße Zähne auf. Aus einer eisgefüllten Badewanne nahm ich mir ein Bier, lief damit ziellos durch alle fünf Etagen und beobachtete die Leute: Ein unrasierter Riese nahm gerade einen tiefen Schluck aus einer Wodkaflasche, während eine abgemagerte, nicht mehr ganz junge Frau [7] mit geschlossenen Augen mitten im Raum tanzte. Etwas abseits stand ein rothaariger Mann mit spitzen Schlangenlederschuhen, das weiße Hemd halb aufgeknöpft. Um ihn herum hatten sich ein paar Leute geschart, und seine sommersprossigen Hände ballten sich zu Fäusten, während er mit ihnen sprach.

"Ich glaub's einfach nicht", sagte eine Frau zu dem Rothaarigen.

"Und ich denke dauernd, sie ist einfach nur spät dran", antwortete er und presste die Finger erneut zu einer gesprenkelten Faust zusammen.

"Ach, Schätzchen." Wieder die Frau. "Sie war immer zu spät, stimmt's? Selbst ihre eigene Beerdigung hätte sie verpasst."

"Zu unserer Hochzeit kam sie jedenfalls zu spät", sagte der Mann. "Angeblich hatte sie keine passende Unterwäsche gefunden." Er rang sich ein gequältes Lächeln ab, und einige der Umstehenden schmunzelten traurig. Der Rothaarige näselte wie Bugs Bunny, wohl ein New Yorker Akzent.

"Ihr wart so'n tolles Team", sagte jemand zu ihm.

Ich blieb noch einen Moment stehen und sah zu dem verschwitzten Rothaarigen hinüber. Als er sich von mir abwandte, konnte ich dem Gespräch nic

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