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Porno Moderne Nerven 3

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2012
  • Verlag: Czernin Verlag
eBook (ePUB)
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Porno

Postemanzipation, Konsumterror und immer neue Krisenbewältigungsstrategien - wie stehen Männer und Frauen in Zeiten wie diesen zu Liebe und Sex? Können sie sich leichter begegnen, ineinander verwickeln, erlösen und wieder lösen? Jetzt, da theoretisch alles möglich und alles erlaubt ist: Funktioniert es besser, befriedigt es mehr? In "Porno", dem dritten Band der Reihe "Moderne Nerven", geht es wenig überraschend und oft sehr unverblümt ums Vögeln. Um Lieben, Sehnen, Mögen und Nichtmehrmögen. Um kostenlose und käufliche Liebe. Um den eigenen sexuellen Marktwert, Kindheitsprägungen und die ständige Angst, zu viel von sich preiszugeben oder schlicht und einfach zu versagen. Der Risikobereitschaft so namhafter Autoren wie Robert Palfrader, Thomas Glavinic, Philipp Hochmair, Barbi Markovic, Joachim Lottmann, Julya Rabinowich, Christopher Just, Melanie Kretschmann, Thomas Draschan und Michael Leon sollte der Leser daher nicht mit Voyeurismus, sondern mit Respekt begegnen. "Porno" wurde vom Wiener Künstler Lukas Pusch illustriert. Ela Angerer, geboren 1964 in Wien, arbeitet als Journalistin bei der Tageszeitung "Kurier". Seit sechs Jahren leitet sie dort das wöchentlich erscheinende "Immo"-Magazin. Zuvor war sie für die Tageszeitung "Der Standard", das Monatsmagazin "Wiener", die Wochenmagazine "News" und "Format" sowie für das "Freizeit"-Magazin des "Kurier" tätig. Von 1995 bis 1999 trat sie als Backgroundsängerin und Akteurin der Techno-Gruppen Sons of Ilsa und Punk Anderson auf.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 01.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783707603842
    Verlag: Czernin Verlag
    Serie: Moderne Nerven Bd.3
    Größe: 2107 kBytes
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Porno

VON LICHT UND LIEBE

Porno ist schon wieder da. Früh aufgestanden ist er heute, obwohl er die halbe Nacht damit verbracht hat, den Versuch eines öffentlichen Ärgernisses in die Tat umzusetzen, aber ich habe die Vorhänge zugezogen, und er musste samt seiner Souffleuse unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das Fensterbrett ohne Zuschauer ist eben nur ein Fensterbrett und keine Arena.

Meine Pflanzen gehen langsam ein, weil ich dauernd diese dunklen Vorhänge aus schwerem Samtstoff zuziehe. Ich aber gönne Porno die Verwüstung meines Haushaltes nicht, ich will nicht von vertrockneten gelblich braunen Pflanzenleichen umgeben sein, nur weil er Zuschauer braucht, um seine Erektion hinzubekommen. In der Früh mache ich also doch auf, und er stellt sich anscheinend den Wecker, um rechtzeitig zur Stelle zu sein.

Gleich legen die los. Ich weiß es ganz genau. Ich spüre Porno hinter ihr in Startposition gehen. Sie hängt vorgelehnt und überdehnt am Holzbrett des Fenstersimses, um ihren Arsch hoch genug zu bekommen, sodass ihn auch der Nachbar links und die Nachbarin rechts von mir noch sehen können, beide kämpfen sie mit diesem gemeinsamen Hochbekommen, ein sehr verbindliches Thema ist das. Lange Haare auf dem hellen Rücken. Ein weißer Hintern wie ein Minivollmond am helllichten Tage. Ich stelle mir vor, wie das raue Holz unter dem aufgesprungenen weißen Lack kleine rote Flecken auf ihr Bäuchlein scheuert, hoffentlich zieht sie sich vorne noch einen dicken Schiefer ein, zusätzlich zum dünnen Schiefer hinten. Sie lacht.

Ich atme einmal tief ein und einmal tief aus, ich muss noch eine Stunde durchhalten, sonst ist der Philodendron ganz hin.

Porno winkt mir, er verfällt in eine langsame, mechanische Bewegung, einmal vor, einmal zurück. Wenn er mich so vögeln würde, ich würde ihn aus der Wohnung werfen, zur Tür hinaus oder gleich zum Fenster, egal.

Ich denke an die Pflanzen und beiße die Zähne zusammen, er stöhnt, laut, extra laut, genauso unecht wie sie, ich drehe das Radio noch lauter, das meine Tochter auf 88,6 eingestellt hat. Seinen Namen hat Porno meiner Tochter zu verdanken, seinen echten haben wir erfolgreich verdrängt. Wir haben uns mal richtig gekannt. Uns auf der Straße freundlich gegrüßt, bis er die alte Freundin gegen die aktuelle ersetzte. Mit dem neuen Körper kamen neue Notwendigkeiten.

Nun ist er Porno und kein Individuum mehr. Ich lasse die Gasse an "I Just Died in Your Arms Tonight" teilhaben, und gleich darauf an "Junge Römer". Spätestens nach den Römern reicht es, ich drehe ab und höre von der lauwarmen Sommerbrise herübergewehtes Gehechel, das an einen sehr großen schwitzenden Köter erinnert.

Ich gehe in die Küche, nehme den abgenagten Knochen aus dem Futternapf, fahre damit ordentlich im Hundefutter herum, bis der feuchte Film gut daran haftet, kehre zum Fenster zurück und werfe.

Das Hecheln verstummt.

Ich setze mich erneut hinter meinen Schreibtisch. Das nächste Theaterstück will geschrieben werden, der Regisseur hat schon dreimal angerufen, und natürlich war es noch nicht fertig, wie soll es denn, wenn ich nicht schlafen kann und nicht lüften. Ich hämmere lustlos mehrere allgemeine Phrasen in die Tasten, schließe das Dokument, darunter kommt der Link mit der letzten Kritik zum Vorschein, die ich eigentlich ignorieren wollte, aber diese Kritiken entfalten immer einen magnetischen Sog, der direkt zum Abgrund führt.

Über den halben Bildschirm steht immer noch mein eigenes Gesicht still. Zuerst der dickere Schriftzug des Artikels, dann die kleinere Schrift

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