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Rabenfrauen Roman von Jonuleit, Anja (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.05.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)

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Rabenfrauen

'Doch das Allerschlimmste war der Verrat.' Jahrhundertsommer 1959 in Grösitz: Die Freundinnen Ruth und Christa genießen die letzten Ferien vor dem Abitur. Eines Abends lernen sie beim Baden im nahe gelegenen Bach Erich kennen, der zu einer Gruppe freikirchlicher Christen gehört, die dort ihre Zelte aufgeschlagen hat. Eine willkommene Abwechslung für die Mädchen, die fortan viel Zeit im Zeltlager verbringen. Aber dann verlieben sich alle beide in Erich. Und das Schicksal der Freundinnen ändert sich für immer - auf dramatische Weise.

Anja Jonuleit wurde in Bonn geboren und studierte Italienisch und Englisch. Sie arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, bis sie anfing, Romane und Geschichten zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Friedrichshafen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 27.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423429641
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Serie: dtv Taschenbücher 21753
    Größe: 1096 kBytes
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Rabenfrauen

Der Tag, an dem Anne sie das erste Mal sah, war ein Sonnabend und sollte später als der heißeste Tag des Jahres 2010 in die Wetterchronik eingehen. Was insofern eine Rolle spielte, als sie sich durch die Hitze überhaupt erst kennenlernten. Durch die Hitze und ihre gerade überstandene Malaria Tertiana. Jedenfalls war Anne an diesem Nachmittag »auf Totengang« unterwegs. Um Abschied zu nehmen von Maximilian, der in diesem Rekordsommer im Teufelsmoor an Unterkühlung gestorben war.

Als die Hiobsbotschaft sie erreicht hatte, war Anne gerade auf einer Forschungsstation im Kongo gewesen, und ob es nun mit dieser Nachricht zusammenhing oder nicht: Am Nachmittag desselben Tages hatte sie Schüttelfrost bekommen, sich dann die Seele aus dem Leib gewürgt und am Ende dermaßen geschwitzt, dass sie in ihrem eigenen Schweiß hätte davontreiben können. Was folgte, waren Tage im Vakuum, die auch im Nachhinein nicht gefüllt werden konnten. Die Zeit war für immer verloren in einem Fiebertraum, in dem die Nachricht von Maximilians Tod umherwaberte und verschmolz mit den Lauten des Urwalds, den Rufen der Bonobos und den Erinnerungen an die Raben, die nun, im Lichte der Ereignisse, etwas Dunkles, Unheilvolles an sich hatten. Später dann dachte sie, dass - so seltsam es auch klingen mochte - die Malaria sie davor bewahrt hatte zu sterben, einfach so, nach dem Anruf ihrer Mutter.

»Maximilian ist tot«, hatte Ruth ohne viel Federlesens gesagt. Er sei im Moor umgekommen, beim Beobachten der Raben. Ruth war schon immer der Meinung gewesen, die Dinge verbesserten sich nicht, nur weil man drum herumredete. Anne jedoch hatte in dem Moment nur denken können, dass das alles gar nicht sein konnte. Sie hatte doch noch mit ihm telefoniert, während er auf dem Weg zu seinem Unterstand war. Dann fiel ihr etwas anderes ein: Sie musste die Letzte gewesen sein, mit der er gesprochen hatte. Unmittelbar danach war die Malaria gekommen und hatte einen Kokon des Vergessens um sie gesponnen, in dem nichts mehr zählte als der Körper, der gebeutelt wurde von immer neuen Schüttelfrostattacken und Fieberschüben.

 

Wie im Fieber fühlte sie sich auch heute, was aber an der Hitze lag, die sich schon jetzt, am Vormittag, zwischen den Heidesträuchern festgesetzt hatte. Auch war sie insgesamt noch recht klapprig auf den Beinen, und weil der Weg weit war und man nicht anders an das Moor herankam, war sie mit dem Rad unterwegs. Von der Striezelbrücke aus warf sie einen sehnsüchtigen Blick ins Wasser, das, wie sie wusste, auch im heißesten Sommer so kalt blieb, dass man nach einer Weile das Gefühl hatte, in einer Gefriertruhe zu stehen. Eine Vorstellung, die ihr im Moment durchaus reizvoll erschien.

Auf der anderen Seite bog sie links ab und folgte dem Weg am Fluss entlang. Zu Beginn hatte sie noch recht flott in die Pedale getreten, doch als nun das Alte Gut auftauchte, endete die Fahrbahnbefestigung und Anne blieb mit den Reifen im feinen weißen Sand stecken. Möllersand, so hatte Annes Oma Käthe den immer genannt. Sie stieg vom Rad und blickte die Allee entlang, die direkt auf das Backsteingebäude zuführte. Schön, dachte sie, und konzentrierte sich ganz auf das Grün der Linden vor der roten Ziegelfassade. Jeder Gedanke, der nichts mit Maximilian zu tun hatte, war ihr willkommen. Sie zwang sich, das Haus genau anzusehen: die weißen Sprossenfenster, die Freitreppe, die zu der schweren schwarzen Eingangstür führte, das Rosenspalier. Seit sie als Kind hier am Flussufer entlanggestrichen war, hatte das Haus so ausgesehen, hatte still und unberührt dort gestanden, wie immun gegen den Fortgang der Zeit. Einmal, vor Jahren, hatte Ruth etwas von Erbstreitigkeiten erzählt, ein Familienzwist, der den Verkauf des Anwesens unmöglich machte. Wie lange konnte sich so etwas hinziehen?

In dem Moment hörte Anne ein Kind rufen. Sie dreh

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