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Rechnung offen Roman von Mahlke, Inger-Maria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.02.2013
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Rechnung offen

Berlin-Neukölln: Dass der kaufsüchtige Claas Jansen eine leerstehende Wohnung im eigenen Mietshaus beziehen muss, hat weit mehr Gründe als die Bankenkrise. Und nicht nur er sieht sein früheres Leben in einem rasanten Abwärtsstrudel verschwinden. Am Scheidepunkt zwischen Kiezwirklichkeit und hipper Großstadt geht es um nicht minder Existenzielles. Jeder hat hier eine Rechnung offen: die afrikanischen Dealer, die ihre Schlepperkosten abarbeiten, die alzheimerkranke Alte und der Hochstapler, die Kurzzeit-Domina, ihr achtjähriger Sohn und andere Gestalten - eine globalisierte Notgemeinschaft. Sensibel, radikal und mit ganz eigenem Ton entwirft Inger-Maria Mahlke weit mehr als ein diagnostisches Zeitbild - eine große Parabel über die Abgründe des Lebens am Rande unserer gentrifizierten Welt.

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977 in Hamburg, wuchs in Lübeck auf, studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie. Preisträgerin des 17. Open Mike 2009 sowie des ersten Debütpreises des HarbourFront-Literaturfestivals 2010 für ihren Roman "Silberfischchen". 2012 Ernst-Willner-Preis bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman "Rechnung offen", der im Frühjahr 2013 im Berlin Verlag erschien, von Kritik und Lesern gefeiert und 2014 mit dem Karl-Arnold-Preis der Akademie der Künste und Wissenschaften von NRW ausgezeichnet wurde. Ihr neuer Roman "Wie ihr wollt" wurde für die Shortlist des deutschen Buchpreises 2015 nominiert. Sie lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 12.02.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827076229
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 632kBytes
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Rechnung offen

Freitag, 29. August Der Radfahrer schlug mit der flachen Hand auf die Windschutzscheibe. Theresa hörte ihren Atem, saß noch immer vorgebeugt, ihr Brustkorb, wenige Zentimeter vom Lenkrad entfernt, hatte sich nicht gerührt, seit sie das Bremspedal durchgetreten hatte. Einen Moment lang sah sie seine Handfläche, weiß gegen das Glas gepresst, die Linien und Falten rötlich. Sie startete den Motor erneut, drehte sich nicht um, wollte nicht wissen, ob Claas noch auf dem Bürgersteig vor der Praxis stand, ob er überhaupt so weit gucken konnte, bis zur Querstraße. Der Radfahrer hatte Vorfahrt gehabt. Sie war gegangen, wortlos. Hatte den beiden Sideboards, die die lange Seite des Behandlungszimmers einnahmen, hatte Claas und dem Polizeibeamten den Rücken zugedreht. Sich nicht umgewandt, als Claas ihr "du musst mich fahren" hinterherrief. War weitergegangen, die Sohlen ihrer Ballerinas quietschten auf dem Laminat, sie hatte die Füße hörbar aufgesetzt, zufrieden dem dumpfen Stampfen zugehört, das die Korridorwände zurückwarfen. Die Glastür am Eingang war gegen die Wand geschlagen, sie hatte sie mit dem Fuß aufgestoßen, den Autoschlüssel in ihrer Handtasche fest umklammert. Sie fuhr auf die Kreuzung, bog ab in Richtung Stadtautobahn. Sie war sicher gewesen, er hatte aufgehört. Hatte nach der Arbeit keine Paketmitteilungen mehr im Briefkasten gefunden. Keine weißen Styroporfasern vom Wohnzimmerteppich gesaugt, wenn Claas vor ihr nach Hause gekommen war. "Was war drin?" Keine zusammengeknüllten und wieder glattgestrichenen Tageszeitungen aus Reutlingen oder Dresden im Altpapier liegen sehen. "Wo drin?" Keine Noppenfolie mehr im Grüner-Punkt-Müllbehälter. "In dem Paket." Keine silberne Teekanne mehr im Schrank, in dem sie alte Übertöpfe aufbewahrte. Füller zwischen schwarzen Socken. "War unfassbar günstig." Die Einbrecher hatten die Sideboards geöffnet, mit einem Kuhfuß, der Beamte deutete auf die parallelen Schrammen im Holz. Die oberen Scharniere waren abgerissen, die Türen hingen schief, ließen Dreiecke frei, durch die sie in das Innere der Schränke sehen konnte, Akten, hatte sie gedacht, Patientenakten würde Claas dort aufbewahren. Eine Weile hatte sie sich bemüht, vor ihm zu Hause zu sein, hatte die Pakete bei den Nachbarn abgeholt, hinter den Abendkleidern in ihrem Schrank versteckt. Er brauchte zwei Wochen, um zu fragen. "Hör auf", hatte sie gesagt. Eine Reihe identischer, weißer Hände, ausgestreckt und anmutig gespreizt im ersten Dreieck, fein gearbeitet aus Porzellan, die Fingerspitzen berührten gerade noch einen goldenen Ball. Die Figuren standen exakt hintereinander, so, als balancierten sie nicht im Holzfach einer psychotherapeutischen Praxis, sondern 1936 im Olympiastadion. Sie hatte die Pakete aus dem Versteck geholt, sie auf dem Esszimmertisch aufgereiht. "Versprochen", Claas hatte eine Hand auf die Brusttasche seines Hemdes gelegt, zwei Finger erhoben. "Sei nicht kindisch", hatte sie geantwortet, "kauf einfach nichts mehr." Mit gummibehandschuhten Fingern hatte der Beamte die Tür weiter zur Seite geschoben, die Kante hatte einen dunklen Strich in den Teppich gezeichnet. Elefanten waren sichtbar geworden, graue, weiße, braune, Stoßzähne und Rüssel in eine Richtung ausgerichtet, als warteten sie auf die Handbewegung eines Zirkusdompteurs, die ihnen befahl, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Sieben identische Kakadus zählte Theresa, alle mit einem Zweig im Schnabel. In einem anderen Dreieck standen nur Pferde. Claas deutete auf einen kleinen Hund, der mit einem Frosch spielte, "ein Einzelstück", er blickte sie an, als erwarte er, dass sie lachen würde, lächeln zumindest. "Was ist das?", der Polizist hatte sich an beide gewandt. "Keine Ahnung", hatte Theresa geantwortet und sich umgedreht. "Porzellan", hörte sie Claas sagen. Sie hatte in den Rückspiegel gesehen, ehe sie losfuhr, Claas hielt die Glastür am Empfang auf, hatte sie auf Schäden überprüft, die Wa

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