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Reis & Asche Roman von Kandasamy, Meena (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.04.2016
  • Verlag: Verlag Das Wunderhorn
eBook (ePUB)
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Reis & Asche

Meena Kandasamy erzählt von dem Massaker in Kilvenami (Süd-Indien), bei dem 1968 vierundvierzig Dorfbewohner - landlose Dalit (?Unberührbare?) - in einer Hütte verbrannt wurden. Sie hatten sich der Kommunistischen Partei angeschlossen und das Undenkbare gewagt: die Stimme zu erheben für eine halbe Portion Reis mehr am Tag. Der Roman bezeugt den Justizskandal, in dem Polize, Politiker und Richter zum Erhalt der Macht der Grundgesitzer beitrugen. Aber was heißt, Kandasamy erzählt? Kann sie das, die 16 Jahre nach dem Massaker Geborene, der die Geschichte nur durch mündliche Berichte, Zeitungsartikel und Gerichtsakten zugänglich ist? Kandasamy zerstört lustvoll alle Erwartungshaltungen an Form und Sprache, kokettiert nicht mit Exotismus oder geübtem Storytelling.

Meena Kandasamy, geboren 1984 in Indien, ist Lyrikerin, Übersetzerin, Aktivistin und Doktorin für Linguistik. Als Tabubrecherin bekannt, von den einen bejubelt, von den anderen gehasst, thematisiert sie in ihren Gedichten die Rechte der Frauen, das Kastensystem im heutigen Indien, Prostitution und Gewalt. Durch ihr mutiges und engagiertes Auftreten, nicht erst seit der Herausgabe ihrer Gedichtbände ist sie ständigen Diffamierungen und Bedrohungen ausgesetzt. Reis & Asche ( 2014 unter dem Titel The Gypsy Goddess erschienen) ist ihr erster Roman. Sie lebt in Chennai, Indien. Bei Wunderhorn erschien zuletzt ihr Gedichtband Fräulein Militanz (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 222
    Erscheinungsdatum: 25.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783884235218
    Verlag: Verlag Das Wunderhorn
    Originaltitel: The Gypsy Goddess
    Größe: 889 kBytes
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Reis & Asche

- Erster Teil -
HINTERGRUND

1.Über das Geschichtenerzählen

In einem Land, in dem despotische Barden über tausend Jahre dafür sorgten, dass nur die Dichtung als Literatur galt - Alliteration unter der Achselhöhle, Algebra um reimende Versfüße -, ist es schwierig, einen Roman zu schreiben. Das Versmaß war alles, worauf es ankam. Doch jede Sprache bringt ihre Luthers und Linden und so weiter hervor , die tamilische Prosa war geboren. Als Schauspielerin im Kindesalter trat sie zuweilen hier und da öffentlich auf, doch da es damals noch kein Reality-TV gab, wurde die kleine Rebellin zur Einsiedlerin, die bald jegliches Sprechen und Singen verweigerte und sich stattdessen für die Einzelhaft entschied. Ein paar Jahre später zeigten sich die ersten Barthaare und Brüste, und Haar kräuselte sich spiralig nach unten, ohne großes Tamtam kam die Prosa in die Pubertät. Von Teenagerängsten geplagt und mit einer androgynen Stimme belastet, merkte dieses Kid sehr bald, dass sich die Dichtung nie würde verdrängen lassen. Die Prosa, die sich selbst verurteilt hatte, tauchte aus einer von Fledermäusen heimgesuchten Bibliothek auf, und brach, Lob als Vorwand benutzend, auf krummen Wegen ins System ein. Ausführliche kritische Kommentare wurden zu den Werken der oben erwähnten tyrannischen Dichter geschrieben und, schlimmer noch, auch gelesen. Dichtung wurde zum multiversalen Megastar; die Prosa begann ihre bescheidene Laufbahn als dubiose philologische Kommentatorin. Hinterhältigkeit und Verrat gehörten in eine andere Zeit, griffbereit, aber verborgen. Jahrhunderte später würden Dedestruktivisten dieses Phänomen studieren und ihre Entdeckungen twittern - die Dichtung: versaut durch schmeichlerische Schönfärberei; die Prosa: bewies, den Wert ungebundener Rede, lief rot an und wurde den Hang zum Kommentar nie los.

Zurück zum Roman: tamilisch im Geschmack, englisch auf der Zunge, frei von Poesie und Prosodie, aufgetischt als prima Prosa. Vergeben Sie diesem Text den quälenden Hang zu Erklärungsversuchen und die Neigung, jeder Formulierung eine Meinung anzuhängen. Verstehen Sie bitte, dass Weitschweifigkeit zur Prosa gehört. Und verstehen Sie bitte auch, dass dieses Unterwertverkaufen klarer Beweis meiner Verpflichtung zu absoluter Selbstsabotage ist.

Und jetzt erlauben Sie mir einen verheißungsvollen Anfang. Amen und Bismillah ir-Rahman ir-Rahim . Und so weiter und so fort. Und sechsmal, aus Liebe zu meiner vom biologischen Geschlecht bestimmten Muttersprache Murugamurugamurugamurugamurugamuruga.

Es war einmal eine alte Frau, die lebte in einem winzigen Dorf.

Da ich im Sommer nach dem Arabischen Frühling schreibe, rechne ich damit, dass jeder erste Satz eine Enttäuschung sein muss, sofern er keine indirekte Anspielung auf eine Granate, einen Kreuzzug oder das Lieblings-Tabuthema 'Genozid' enthält. Hausgemacht wie der Sklavenhandel und betont klischeehaft, will dieser Anfang bewusst enttäuschen und den übertriebenen Wert in Frage stellen, der großen Eröffnungen beigemessen wird.

Über eine Romanschriftstellerin der ersten Generation aus einem Dritte-Welt-Land, die ganz offensichtlich nicht in ihrer Muttersprache schreibt, werden die Literaturkritiker vielleicht die Nase rümpfen und mich nach der Lektüre einer solch biederen Zeile mit dem Tort des Orange-Prize einsortieren und nichts weiter erwarten als eine dramatisch-traumatische Familiengeschichte. Sollen sie in Frieden buhen.

Es war einmal eine andere alte Frau, die lebte in einem anderen winzigen Dorf.

Diese Transplantation fällt flach aufs Gesicht, fatalerweise zuerst auf die Stirn. Solch eine strategische Ortsverschiebung und die Einführung neuer Personen haben keinerlei Auswirkung auf die Wahrnehmung einer Geschichte. Meine Facebook-Freunde, die sich um mich geschart und gespannt auf die entscheidende Anfangszeile gewartet haben, sind bereits g

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