text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Rentner günstig abzugeben Roman von Jacobi, Ellen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.08.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Rentner günstig abzugeben

Seit jeher ist Horst das schwarze Schaf der Familie. Lange hat ihn das wenig gestört. Jetzt aber, im Alter, ist er einsam - bis er in die weite Welt des Internets vordringt. Überraschend schnell knüpft Horst eine Mail-Freundschaft zu seiner alten Klassenkameradin Elisabeth und ergattert einen Nebenjob bei einer Tarot-Hotline. Sein Charme ist in der Community schnell legendär. Eine besondere Kundin jedoch versetzt ihn in Alarmzustand, ist sie doch davon überzeugt, dass ihr Mann sterben wird, 'so sicher wie das Amen in der Kirche' ...

Ellen Jacobi, 1960 am Niederrhein geboren, entdeckte als Tochter einer Bibliothekarin und Märchenbuchsammlerin früh ihre Liebe zu Büchern und zum Geschichtenerzählen. Nach einem Literatur- und Anglistikstudium arbeitete sie als Reiseleiterin und Lehrerin in England. In Deutschland war sie als Redakteurin für Tageszeitungen und Magazine tätig. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Köln.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 31.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732556489
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: Rentner günstig abzugeben
Weiterlesen weniger lesen

Rentner günstig abzugeben

1.

Helmut gießt die Brühe ab. Goldbraun strömt Flüssigkeit durchs Sieb in die Schüssel, die in einer alterskrummen Spüle steht. Immerhin ist es dank des runden Fensters über dem Wasserkran eine Spüle mit Ausblick. Es erinnert an ein Bullauge und erfreut Helmut als ehemaligen Kombüsenchef doppelt. Lang ist's her, aber unvergesslich. Zwar geht das Glasrund nicht aufs Meer, aber zumindest auf ein Kirchenschiff - das von St.Bruno in Köln-Klettenberg samt kupferspangrünem Glockenstuhl.

Der Herr ist sozusagen jetzt sein Lotse. Bislang haben sie einander höflich ignoriert. Na, es gibt miesere Aussichten als die auf eine Kirche und schlechtere Schlafplätze als seine Mansarde. Bis vor sechs Monaten war ein verbeulter Sprinter Helmuts Zuhause. Tagsüber klapperte er mit der Rostlaube als Entrümpler und Trödler Haushaltsauflösungen und Flohmärkte ab. Nächtens parkte er den Transporter unter Rheinbrücken und schlief zwischen Gerümpel, Gaskocher und Waschgelegenheit. Als Strandgut eines rastlosen Weltenbummlerlebens. Das ist dank Madame Lambert vorbei und gut so.

Mit bald 66 Jahren ist es an der Zeit, vor Anker zu gehen und sesshaft zu werden. Er hat genug Abenteuer für drei Leben gehabt. Ist endlos rumgestromert zu Wasser und zu Lande. Was er jetzt anstrebt ist Ruhe. Endlich Ruhe. Nicht die ewige, versteht sich, und - so Gott will - Nicoletta.

Helmut schüttet die abgeseihte Brühe zurück in den Topf, sein Blick streift die Turmuhr. Die Zeiger glänzen in vollkommenem Septemberlicht. Gleich elf. Jetzt aber fix, die Bügelwäsche für die Witwe Käsmacher von nebenan wartet, und zum Mittwochsmarkt will er auch noch. Für den Abend benötigt er noch eine Seezunge für seine Vermieterin Madame Lambert drei Stockwerke tiefer, und mit der reizenden Polin vom Reibekuchenstand lässt es sich nett schäkern. Er muss in dieser Hinsicht wieder in Übung kommen. Jahrelang war er als Charmeur und Gentleman völlig eingerostet.

Aus gutem Grund.

Ein Grund, an den er nicht mehr denken will. Nie mehr. Zwei Jahre Trauer und Erstarrung auf Kreta waren genug. Trostloser als Knast - und er weiß, was Knast ist - war diese Zeit. Helmuts Gesicht verschattet sich trotzdem, seine Seele flaggt reflexhaft Trauer. Das hat er nun davon, dass er sich wieder auf die Liebe einlassen will.

Der Geruch von Bleichmittel will ihm in die Nase steigen, in seinen Erinnerungen flackert Neonlicht, quietschen Gummisohlen auf Krankenhauslinoleum.

Nichts da , wehrt sich Helmut gegen die ohnmächtige Wut, anbrandende Schuldgefühle und alten Schmerz, die ihn anspringen wollen wie ein scharf gemachter Kettenhund. Er schüttelt energisch den Kopf. Das Ganze ist über zwanzig Jahre her. Er hat endlich eine Chance, wieder richtig Tritt zu fassen, und wird sie nutzen. Denn jetzt gibt es Nicoletta. Er wird das Ruder noch mal rumreißen, sein Leben endlich in ruhiges Fahrwasser lenken.

Hoppla, nautische Metaphern sind ihm gewöhnlich zuwider, und er klingt wie ein komplett vernarrter Trottel. Fehlt nur noch der Hafen der Ehe. Nun, warum nicht ?, denkt Helmut kampflustig. Diesmal wird er alles richtig machen, wird "auf jeden Regentropfen achten", der seine Liebste erschlagen könnte, wie es sehr frei nach Brecht heißt.

Sein Herz wagt einen zaghaften Freudenhüpfer. So was, dass es das noch kann! Helmut erlaubt sich ein krumm-seliges Griemeln. Wunder gibt es immer wieder , summt Katja Ebstein in ihm und nimmt vor seinem inneren Auge Gestalt an - in ultraknappem Minirock, wallendem Maximantel und silbernen Glamrockstiefeln. Ganz wie weiland 1970, als sie beim Grand Prix in Amsterdam zumindest optisch die höchste Punktzahl erreichte.

Nicht, dass er Katja Ebsteins Schlager sonderlich schätzt, aber ungefähr so wie die Ebstein hat Nicoletta früher ausgesehen. Ein Mädchen wie ein Blitzeinschlag. Sie schien nur aus Haaren und Beinen zu bestehen, ein Rotsch

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen