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Restekuscheln von Ebeling, Micha (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.12.2013
  • Verlag: Voland & Quist
eBook (ePUB)
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Restekuscheln

Micha Ebeling ist ein Virtuose des Wortes, der Metaphern aufblühen und Alliterationen in Aktion treten lässt, der als abgebrühter ehemaliger Berliner taxi driver über scheiternde Figuren philosophiert, als Frauenversteher nicht nur Beamtinnen am Telefon die Beichte abnimmt und uns als grotesker Märchenerzähler mit poetischer Ironie verzaubert. Seine Texte können alles sein: zum Brüllen komisch oder voll Verzweiflung, provozierend zynisch oder hoffnungslos idealistisch - im besten Fall aber alles zugleich. Micha Ebelings rasante Geschichten begeistern das Publikum der Lesebühne Liebe Statt Drogen und der Multimedia-Show Lokalrunde nicht weniger als die Fangemeinde der Poetry Slams. Mit 'Restekuscheln' erscheint zum ersten Mal eine Sammlung seiner besten Texte.

Micha Ebeling erlebte seine Reinkarnation als Halbesoteriker Mitte der 60er Jahre in Ostfalen. Er arbeitete als Schmiedegehilfe, in der Diakonie, als Technischer Leiter einer Behindertenwerkstatt und an seinem Umzug nach Berlin. Micha Ebeling fand Zuflucht in einem Wohnheim für Studenten der Theologie, denen er nicht wenig für seine spätere Laufbahn als Geschichtenerzähler verdankt. Er war Kellner, Taxifahrer und Stammgast des 'Zosch', wo er 1996 die Lesebühne Liebe Statt Drogen kennenlernte, deren Mitglied er seitdem ist. An der Seite von Volker Strübing gewann Ebeling zweimal bei den deutschsprachigen Meisterschaften des Poetry Slams den Meistertitel im Teamwettbewerb.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 170
    Erscheinungsdatum: 12.12.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863910457
    Verlag: Voland & Quist
    Größe: 657kBytes
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Restekuscheln

BEI DEN ANONYMEN DICHTERN

Der erste Schritt ist immer schwer ...

... aber ich hatte mich ja nun mal dafür entschieden.

Der Mann, der mich empfing, kam mir irgendwie bekannt vor. Aber das konnte täuschen. Immerhin war ich in den letzten Monaten viel unterwegs gewesen. Da sieht man viele Gesichter.

Die Zahl der Gesichter heißt Legion. Aber sieht man sie wirklich, diese Gesichter? Oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Gesichter an einem vorbeifliegen wie ein Keil schnatternder Graugänse auf dem Weg nach Süden? Vorbeirauschen wie die nur für einen Sekundenbruchteil aufblitzenden Regentropfen an einem Sonntag im August auf dem Markusplatz von Venedig, während du in der Linken einen gerade eben erst gekauften Regenschirm hältst und in der Rechten das Tütchen mit dem Futter für die Tauben, die auseinanderzuhalten du ebenso wenig in der Lage bist wie die Regentropfen oder gar die Gesichter?

Oh Gott, durchzuckte es mich, da war es wieder. Schon wieder waren meine Gedanken nicht normal. Schon lange waren meine Gedanken nicht mehr normal. Aber deshalb war ich ja auf Anraten eines Kollegen auch hierher gekommen. Ich musste etwas tun.

So konnte es nicht weitergehen.
Schon bald würde ich mich scheitern sehen.
Die Welt würde sich ohne mich weiterdrehen ...

Aaaarg, aufhören.

Ich zwang mich, an etwas anderes zu denken. Ich sah festen Blickes auf den Mann, der mir freundlich die Wohnungstür geöffnet hatte. Schweigend bedeutete er mir, ihm ans andere Ende des Flures zu folgen. Vor einem Zimmer blieb er stehen. Über dessen Tür war ein Schild angebracht: "Reden ist Silber - Schweigen ist Gold - Lyrik treibt einen in den Wahnsinn und fördert den sozialen Abstieg" Ich nickte wissend. Der Mann öffnete die Tür und wir betraten einen angenehm beleuchteten Raum, dessen Stille etwa zehn, zwölf Personen beherbergte. Sie saßen auf Kissen und auf dem Boden. Der Mann und ich setzten uns dazu. Gütig blickte er in die Runde. Neugierig blickten alle auf mich. Dann sprach der Mann mit weicher Stimme:

"Wir haben einen Gast." Zu mir gewandt fuhr er fort, "Herzlich willkommen, mein Name ist Sebastian, ich bin Dichter." Er ließ eine Pause, in der die anderen beifällig nickten. "Ich leite diese Gruppe der ADs, der 'Anonymen Dichter'. Wir sind eine gemischte Gruppe aus trockenen Dichtern, die seit Jahren weg sind vom Gedicht und Schwerstabhängigen, die bei uns Hilfe suchen. Wer neu dazu kommt, sagt seinen Namen und seine Krankheit. Wir haben alle dasselbe hier. Keiner braucht sich zu schämen. Bitte stell dich den anderen vor!"

Ich schluckte schwer.

"Ich heiße Michael, ich bin Dichter." Ich ließ die offenbar obligatorische Pause. Dann wollte ich weitersprechen, doch eine Art Schwindel erfasste mich und ich hörte mich sagen:

"Ich bin schwer abhäng-gich,

ich glaube, ohne Hilfe schaff' ich es nicht

Mein Gehirn zerfrisst die Dichtergicht

Bald ereilt mich das Jüngste Gericht

Und ich glaube, es ist meine ..."

So weit, das Wort "Pflicht" zur Vervollständigung des Reims auszusprechen, kam ich nicht mehr. Vier oder fünf der Männer packten mich, warfen mich auf den Boden und Sebastian stopfte mir ein Kissen in den Mund. Mein Herz raste, ich zuckte und wehrte mich. Doch dann ließ der Anfall nach. Ich war völlig durchgeschwitzt. Jemand trocknete mir mit einem Handtuch die Stirn. Als wir wieder saßen, ertönte erneut Sebastians Stimme. "Es war gut, dass dir das passiert ist. So kann ich dir auch gleich eine unserer Grundregeln erklären. Niemand dichtet während unserer Sitzungen. Das ist viel zu gefährlich. Möchte jemand etwas zu dem Vorfall sagen?" Ein dünner, blasser Mann hob die Hand:

"Ich heiße Bert und ich bin Dichter" Wir anderen nickten das anteilnehmende, verstehende und Mut machende Nicken. "Ich weiß genau, wie Micha sich fühlt. Vermutlich ist

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