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Rette mich, wer kann von Kruschel, Heinz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.10.2014
  • Verlag: EDITION digital
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Rette mich, wer kann

Sie steht mit beiden Beinen im Leben, die selbstbewusste blonde Ille, Buchhalterin in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Die Bauern kommen gern auf einen kurzen Schnack zu ihr, und die jungen Burschen aus dem Dorf wissen: Mit Ille kann man Pferde stehlen gehen. Eines Tages kommt Rolf Blume ins Dorf, der kluge, zurückhaltende Journalistik-Student, und Ille verliebt sich bis über beide Ohren in ihn. Aus dem anfänglichen Geplänkel, kleinen Eifersüchteleien und Missverständnissen erwächst eine tiefe Liebe, und Rolf wird für Ille zu einem echten Partner, mit dem sie alle Fragen des Lebens besprechen kann. LESEPROBE: Eines Tages lernte ich das Fuchsschwanzmädchen kennen. Ich saß mit Rolf in der neuen Kaffeebar, in der die Bedienung so träge ist, und sie kam herein in einem schneeweißen Segelanzug, angetan mit weißen Schuhen. Sie war braun gebrannt und kam direkt auf unseren Tisch zu. Mein Herz schlug bestimmt so laut, dass man es am Nachbartisch hören konnte. Ich ärgerte mich darüber. Sie begrüßte uns und begann zu schwatzen. Ich bin ja auch nicht auf den Mund gefallen, aber das hatte ich noch nicht erlebt; bevor der Ober kam, hatte sie unter Garantie sechstausend Wörter gesagt, fünf Themen behandelt, während Rolf und ich höchstens ein dutzendmal Ja oder Nein sprechen oder mit dem Kopf schütteln konnten, einen größeren Spielraum hatten wir nicht. Dann referierte sie über die Ausgestaltung der Bar, sie kenne den Maler gut, für die Wandgestaltung habe er eine völlig neue Technik verwendet. Sie redete mich an, sie übersah mich nicht, ich war nicht etwa Luft für sie. Aber es wäre mir wohler gewesen, sie hätte mich nicht beachtet. Sie hatte einen Eiskaffee bestellt, ließ das schöne kalte Eis schmelzen, redete und rührte nervös in der milchigen Brühe. War das nun meine Konkurrentin? Mir fiel ein dummer Vergleich ein: wie ein schönes Fischlein in Aspik. Ich muss zugeben, dass sie gut aussah. Sie trug die langen Haare hochgebunden. Goldene Clips steckten an den Ohrläppchen. Ihre Anwesenheit provozierte mich. Sie tat mir nichts. Sie benahm sich sehr loyal, sie kannte Rolf schon lange, und ich wusste nicht, was sie einander bedeuteten. Rolf hatte behauptet, sie sei nicht mehr als eine Freundin aus der Kindheit. Aber Eleonora? Legte sie nicht schon wieder ihre Netze aus? Ich dachte an die Kellnerin aus dem Intelligenzklub, die Angst kroch mich an und hypnotisierte mich. Heinz Kruschel, 1929-2011, Sohn eines Bergmanns und späteren kaufmännischen Angestellten der Staßfurter Salzbergwerke, entging nur knapp dem für seine Generation typischen Schicksal, im finalen Aufgebot der letzten Kriegstage - dem "Volkssturm" - verheizt zu werden. Noch ehe er seine Modelltischlerlehre beendet hatte, beschloss die Partei, in die er jung eingetreten war, dass er Neulehrer zu werden habe, und ließ ihn 1949/50 am Lehrerbildungsinstitut in Staßfurt studieren. Anschließend war er Lehrer in Sandersdorf - den Schülern jeweils ein Kapitel im Lehrbuch voraus -, danach in Magdeburg und Egeln sowie Direktor einer Erweiterten Oberschule in Havelberg. Nach einem berufsbgeleitenden Fernstudium der Germanistik war er Journalist und Kulturredakteur bei der "Volksstimme" in Magdeburg. Ab 1963 lebte er als freier Schriftsteller in Magdeburg, bereiste im Auftrag von Illustrierten wie der "Für dich" Ungarn, Bulgarien, Usbekistan und Kuba und schrieb zahlreiche Erzählungen und Romane für Jugendliche und Erwachsene. Sein Roman "Das Mädchen Ann und der Soldat" wurde 25 Jahre lang immer wieder neu aufgelegt, während Bücher wie "Der Mann mit den vielen Namen" oder "Leben. Nicht allein" erst nach erbitterten Auseinandersetzungen mit jenen Behörden, die Literatur zu genehmigen hatten, erscheinen durften. Sein Roman "Gesucht wird die freundliche Welt", der als erster in der DDR das Thema des Umgangs mit straffällig gewordenen Jugendlichen thematisierte, wurde 1978 von Erwin Stranka unter dem Titel "Sabine Wulff"

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 29.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956551413
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1279 kBytes
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Rette mich, wer kann

Eines Tages lernte ich das Fuchsschwanzmädchen kennen. Ich saß mit Rolf in der neuen Kaffeebar, in der die Bedienung so träge ist, und sie kam herein in einem schneeweißen Segelanzug, angetan mit weißen Schuhen. Sie war braun gebrannt und kam direkt auf unseren Tisch zu. Mein Herz schlug bestimmt so laut, dass man es am Nachbartisch hören konnte. Ich ärgerte mich darüber. Sie begrüßte uns und begann zu schwatzen. Ich bin ja auch nicht auf den Mund gefallen, aber das hatte ich noch nicht erlebt; bevor der Ober kam, hatte sie unter Garantie sechstausend Wörter gesagt, fünf Themen behandelt, während Rolf und ich höchstens ein dutzendmal Ja oder Nein sprechen oder mit dem Kopf schütteln konnten, einen größeren Spielraum hatten wir nicht. Dann referierte sie über die Ausgestaltung der Bar, sie kenne den Maler gut, für die Wandgestaltung habe er eine völlig neue Technik verwendet. Sie redete mich an, sie übersah mich nicht, ich war nicht etwa Luft für sie. Aber es wäre mir wohler gewesen, sie hätte mich nicht beachtet. Sie hatte einen Eiskaffee bestellt, ließ das schöne kalte Eis schmelzen, redete und rührte nervös in der milchigen Brühe. War das nun meine Konkurrentin? Mir fiel ein dummer Vergleich ein: wie ein schönes Fischlein in Aspik. Ich muss zugeben, dass sie gut aussah. Sie trug die langen Haare hochgebunden. Goldene Clips steckten an den Ohrläppchen. Ihre Anwesenheit provozierte mich. Sie tat mir nichts. Sie benahm sich sehr loyal, sie kannte Rolf schon lange, und ich wusste nicht, was sie einander bedeuteten. Rolf hatte behauptet, sie sei nicht mehr als eine Freundin aus der Kindheit. Aber Eleonora? Legte sie nicht schon wieder ihre Netze aus? Ich dachte an die Kellnerin aus dem Intelligenzklub, die Angst kroch mich an und hypnotisierte mich. Ich rief den Ober, bestellte mir einen doppelten Kognak, trank ihn sofort aus und bestellte noch einen. Am Tage trinke ich sonst nie Alkohol, erst recht nicht bei dieser Hitze, aber diesmal tat ich es aus Unsicherheit, und so zeigte sich auch bald die Wirkung. Ich fläzte die Ellbogen auf den Tisch und starrte das Mädchen an. Heute finde ich es dumm, wie ich mich damals benommen habe, aber damals gab es für mich nur einen einzigen Trost: Sie war älter als ich, viel älter, mindestens fünf Jahre. Ich schluckte. Die Blonde unterhielt sich mit Rolf über bildende Kunst. Sie hätte vieles anders gemacht in dem neuen Wohnviertel. Die Plastiken stünden falsch. Sie meckert. Die weiß alles besser, dachte ich. Ich sagte nichts, trank nur, und nach dem dritten Doppelten sagte ich: "Der Kognak ist patent, direkt Konfekt, da werden einem die unsympathischsten Menschen noch verständlich. Verstehen Sie das, Fräulein Fuchsschwanz?" "Ich habe dir doch von ihr erzählt, sie heißt Eleonora", sagte Rolf im Tone eines erfahrenen Krankenpflegers und schüttelte missbilligend den Kopf. "Ach, richtig, das ältere Fräulein ..." Rolf wurde unruhig. So kannte er mich noch nicht. "He, he", sagte er, "was ist mit dir los?" Eleonora zog pikiert die Brauen hoch. Jetzt sah sie richtig wie eine Eleonora aus. Die Menschen ähneln mit der Zeit ihren Namen, finde ich. Das ist komisch, weil sie sich die Namen ja nicht selber gegeben haben, aber sie gewöhnen sich so sehr an sie, dass sie schließlich so aussehen, wie ihre Namen klingen. Meine Tante Brunhilde aus Wuppertal zum Beispiel wiegt fast zwei Zentner, und ihre Haare sind chemieblond, und wenn sie in ein Café geht, bestellt sie Torte und Sahne und trinkt hinterher ein Bier, eine Brunhilde eben. Das ist mit den Hunden ganz ähnlich. Werden die Hunde mit den Menschen alt, so ähneln sie sich, wie ein altes Ehepaar sich ähnelt, das ein langes Leben miteinander gelebt hat. Also, sie saß wie eine Eleonora da, kühl, steif, glatt und geleckt, schön wie Konfekt in Luxuspackung, hygienisch wie Lavendelseife. Ach, hatte ich eine Wut. "Hast du zuviel getrunken?", fragte Rolf. Sah er das nicht? "Zu wenig, um alles ertragen zu kö

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