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Ruth von Andreas-Salomé, Lou (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.08.2015
  • Verlag: OTB eBook publishing
eBook (ePUB)
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Ruth

Lou Andreas-Salomé ( 12. Februar 1861 in St. Petersburg, 5. Februar 1937 in Göttingen) war eine weit gereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens - in erster Linie zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud - war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen. (Auszug aus Wikipedia)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 182
    Erscheinungsdatum: 11.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956767999
    Verlag: OTB eBook publishing
    Größe: 517 kBytes
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Ruth

II.

Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und Handschuhe auf den Knien und blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Gespräch der beiden zuhörte.

"Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde," sagte der Onkel jetzt, "denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist Ruth grade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohne dies nicht, was die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehn."

Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde stark durch sie beeinflußt. Der Onkel mit seinem aschblonden, schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und den frauenhaft feinen Händen gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine ausgesprochene Antipathie.

"Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären auch jetzt durch aus keine geeignete Beschäftigung für Ruth," bemerkte er aufblickend; "sie muß zu tun haben, - wirkliche Arbeit und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige Überanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am meisten."

"Siehst du; was sage ich immer?" fiel die Tante ein, und nickte ihrem Mann bedeutsam zu; "ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren. Aber du hast das immer am bequemsten gefunden."

"Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen Frauenzimmer anfangen," versetzte der Onkel begütigend, "man konnte sie doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?"

"Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du nur wirklich nicht vorzuhalten, - es ist ja grade, als ob ich Ruth Dinge verrichten ließe, die sich nur für den niedrigsten Dienstboten schicken!" sagte seine Frau, die scherzende Übertreibung unerbittlich ernst nehmend, "aber sich ein wenig im Häuslichen umsehen, - das hätte Ruth ganz wohl können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der Beruf der Frau."

Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große, stattliche Erscheinung der Tante, für deren ganzes Wesen ihm charakteristisch erschien, daß die gewohnten guten Formen des äußern Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht zu verdecken vermochten.

"Was das anbetrifft," unterbrach er sie ungeduldig, "so brauchen Sie sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte 'häusliche Hilfe', bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall eine gleichgültige Spielerei, - im schlimmern Fall weckt sie die Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätt' ich gegen das Stubenscheuern nicht viel einzuwenden."

Der Onkel lachte erfreut auf. "Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau gründlich verdorben!" drohte er scherzend, "aber ich muß bekennen, daß ich gar nicht begreife, warum Sie alle beide so versessen drauf sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich hab' ich nicht das geringste gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen, - im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu sein."

"Ich glaube, Sie täuschen sich," entgegnete Erik in bestimmtem Ton. "Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung gesehen. Wenn sie nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läu

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