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Sankt Anne Historischer Roman von Lauff, Joseph von (eBook)

  • Verlag: e-artnow
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Sankt Anne

'Auf der blankgescheuerten Schwelle erschien eine Frauensperson, die ein wohlassortiertes Klöppelkissen im Arm hielt. Beim Anblick dieser Erscheinung wäre jeder Unkundige vor Schreck in die Knie gefallen, denn das leibhaftige Ich der Madam Bottertje war aus dem khakifarbigen Häuschen getreten und nickte über die Straße seinem eigenen Selbst zu.' Joseph von Lauff (1855-1933) war ein preußischer Oberstleutnant und Schriftsteller.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 280
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788026882152
    Verlag: e-artnow
    Größe: 1156 kBytes
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Sankt Anne

K APITEL 2

Inhaltsverzeichnis

Wilhelmintje Bottertje ...!

Gott, dieser Name ...! - aber sie hieß wirklich Wilhelmintje Bottertje, war eine geborene Oemmertje-Donselaer, hatte im benachbarten Sluis die vier Wände beschrien und saß jetzt vor ihrem khakifarbenen Haus in Sankt Anne, an dessen Längsseiten die Stockrosen so kräftig gediehen, daß sie mit ihren strotzigen Blütenschäften fast das Sims der oberen Fenster berührten. Und die Stockrosen waren von blauschwarzen und hellvioletten Kulören, andere wieder durchliefen die Farbenskala von Zinnoberrot bis zum gesättigten Purpur, während etliche so fromm und fleischfarbig aussahen wie das rundliche Gesicht von Madam Bottertje selber, die mit ihrer mechelschen Haube, den rotgoldenen Ohrgehängen und zusammengefalteten Händen so weltvergessen dasaß, als müsse sie über ein tiefes Geheimnis nachsimulieren.

Allein Wilhelmintje Bottertje dachte gar nicht an tiefgründige Sachen, hatte vielmehr Feierabend gemacht, saß in behaglicher Muße auf ihrem Binsenstuhl und ließ sich von dem aus dem Hausflur kommenden Duft nach Spezereiwaren umspielen, aus dem jeder Kundige das Vorhandensein von Zichorien, Käse, Süßholz, Kaffee und Genever herauswittern konnte. Und in der Tat - in dem niedrigen Auslagefenster standen alle diese Dinge in weitbauchigen Gläsern, überragt von einem mächtigen Zuckerhut in blauer Papierlivree, der ebenso insichgekehrt wie Madam Bottertje auf die menschenleere Straße hinaussah und sicher vor Langeweile gegähnt haben würde, wenn es für ihn in dem Bereich des Möglichen gelegen hätte. Was er jedoch nicht vermochte, das besorgte Wilhelmintje Bottertje - sie gähnte, und zwar so kräftig und nachhaltig, daß ihre Weisheitszähne sichtbar wurden, und die langen Ohrgehänge in eine klingende Bewegung gerieten. Dieses sanftmütige Goldgeklingel war das einzige Geräusch in Sankt Anne, wenn man von dem feinen Lispeln der Pappeln absah, die in der Dorfstraße standen und ihre silberigen Blätter kaum wahrnehmbar auf und nieder bewegten. Selige, einschläfernde Ruhe schien überhaupt das Attribut von Sankt Anne, und wäre nicht der Verkehr auf der schmalspurigen Vizinalbahn gewesen, die die Verbindung mit dem nahgelegenen Knocke sur mer, Brügge und dem linken Scheldeufer vermittelte, diese Ruhe hätte an die weiche, schaukelnde Ruhe einer Schleiereule erinnert, die in stillen Sommernächten auf linder Watte dahingleitet.

Überhaupt diese Ruhe ...! - Sie lag auf den Türschwellen der niedrigen Häuser, sie haftete an dem mächtigen Ziegelturm, der, stumpfabgeschnitten und mit dreiläppigen Rippen verziert, wie ein massiger holländischer Pastetenbäcker aus dem Boden herauswuchs; sie spazierte in die müden Wiesen hinein, über die benachbarten Dünen, hinter denen das Meer lag, still, groß, alles umfassend - aber wie mit Öl Übergossen. Das Meer träumte. Selbst in den Rispen des sonst so nervösen Strandhafers war nicht die geringste Bewegung. Sankt Anne glich einer schnurrenden Katze, die, halbeingeduselt, kaum noch zu blinzeln vermochte, und der von Zeit zu Zeit eine liebevolle Hand über das schiefersilbrige Fell strich - halb eingeduselt wie Wilhelmintje Bottertje selber, die noch immer dasaß, als hätte ihr eine innere Stimme geboten: "Estimiere die flandrische Stille." - Na, das besorgte Wilhelmintje denn auch. Ein toter Schellfisch hätte seine Sache nicht perfekter ausführen können. Wilhelmintje Bottertje war wirklich so still wie ein Schellfisch.

Ihrem schlichten Anwesen schräg gegenüber lag ein ähnliches Häuschen. Dieselbe Khakifarbe, dieselben blauangestrichenen Fensterläden, Stockrosen von denselben Kulören, die gleichen Klinkertreppen, der nämliche Türgriff, blank wie ein Dobbeltje, das eben aus der Präge hervorklingelt - nur das Auslagefenster enthielt andere Waren. Statt der breiten Geneverbouteillen, der Gläser mit Kristallzucker und Kaffee, präsentierte sich hier eine Serie Brabanter Spitzen, die ihr

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