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Sanssouci Roman von Maier, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2010
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Sanssouci

Regisseur Max Hornung beerdigt. Nach seinem Umzug aus Frankfurt am Main lebte er in Potsdam. Von dort sind als Trauergäste angereist: Merle Johansson, eine zwielichtige Schönheit, mit ihrem kleinen Sohn Jesus, die eigenwillig verwahrlosten Zwillinge Heike und Arnold und ein paar Fernsehleute. Der Rußlanddeutsche Alexej, Novize eines russisch-orthodoxen Klosters, ist aus München gekommen ... Was hatten sie alle mit Hornung zu schaffen? Potsdam verfügt, abgesehen von dem Weltkulturerbe Sanssouci, über viele Plätze und Kneipen und einen doppelten Boden, was im wörtlichen Sinn zu verstehen ist: Unter dem Park von Sanssouci verläuft ein Tunnelsystem mit zahlreichen Räumen. Einige davon wurden offenbar für unchristliche Andachten und SM-Sitzungen verwendet. Jugendliche, die sich dort herumtreiben, tricksen die Erwachsenen aus - mit bedrohlichen Folgen. Hat Hornung davon gewußt, der Westler, der die Potsdamer in seiner Fernsehserie "Oststadt" so porträtierte, daß ein erbitterter Streit in der Stadt entbrannte, der sich schon bald ins Possenhafte überschlug? Wohl nicht, höchstens durch Vermittlung der Herumlungerer vor den Trinkbuden der Stadt - Champions der Bedürfnislosigkeit, auf die ein Platz im Himmel der Bergpredigt wartet. Was für sie abfällt, schnappen sie auf, um den Kosmos des Geredes zu mästen. Wie in Wäldchestag seziert Andreas Maier komisch gewagt und ironisch verheerend die deutsche Gegenwartsgesellschaft, diesmal ein Zentrum ostdeutscher Provinz. Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier lebt in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 298
    Erscheinungsdatum: 16.11.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518738207
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1216 kBytes
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Sanssouci

II

Eine neue Bekanntschaft

Der Morgen war dunstig. Alexej saß im Zug und betrachtete die Landschaft. Das Zugfahren in Deutschland war anders als in Rußland. Man fuhr hierzulande immer nur wenige Stunden (spätestens nach sechs, sieben Stunden stieß man auf eine Grenze), und in dieser Zeit veränderte sich die Landschaft sehr viel schneller als in Rußland. In Rußland war er oft acht Tage lang gefahren, von Moskau bis Blagowestschensk.

Hinter Frankfurt kam ein landwirtschaftliches, hügeliges Stück, dann war man in Fulda. Fulda war bereits eine andere Welt. Dann kam Kassel, es wurde wieder flacher ...

Der Zug fuhr dahin. Göttingen, Hildesheim ... In Hildesheim stiegen eine junge Frau und ein Mann in Alexejs Abteil. Der Mann war vielleicht so alt wie er. Alexej sah die beiden freundlich an, dann schaute er zum Fenster hinaus. Der Tag war jetzt hell und klar, er wußte, daß er unter seiner Kutte und seiner Kopfbedeckung schwitzen würde, aber daran hatte er sich längst gewöhnt.

Am Bahnhof Zoo kam es zu einer eigenartigen Begebenheit. Alexej ging zum Bahnsteig fünf, um auf den Regionalzug nach Potsdam zu warten. Dort sah er den Mann aus seinem Abteil wieder. Der Mann rauchte und musterte ihn, ging dann an einen Kiosk und holte sich ein Fläschchen Kümmerling. Er trank nachdenklich, und Alexej hatte plötzlich das Gefühl, jemanden vor sich zu haben, für den es gerade Winter war. Das mit dem Winter war freilich ein komischer Einfall. Alexej setzte sich auf einen Steinvorsprung.

Bald fiel er in ein Gebet. Alexejs Gebete waren oft die Fortsetzung eines Gesprächs mit Gott, das er eben noch geführt hatte. Er redete oft mit Gott, manchmal ganz unbewußt, und immer wenn er sich darüber Rechenschaft ablegte, überfiel ihn eine tiefe Dankbarkeit. Seine Seele verwandelte sich dann aus einem Gesprächsteilnehmer in ein Gebet, das demütig dankte für das einfache Dasein in und mit Gott. Dieses einfache Dasein, das ganz einheitlich war und alles umfaßte, vergaß Alexej nach wie vor oft, auch in den Gesprächen mit Gott schied er ja in "sich" und "Gott", denn wo es ein Gespräch gab, mußten zwei sein. Erst wenn er sich ganz und gar erinnerte an diese Gewißheit der Einfachheit und der Einheit und des Guten von allem, was war, fiel seine Seele wie von selbst in ein Gebet. Dieser Zustand konnte Alexej seit einiger Zeit überall ereilen, wie zum Beispiel eben im Bahnhof Zoo auf Gleis fünf beim Warten auf den Regionalzug nach Potsdam. Daraus hatte sich ein gewisses Problem ergeben, weil Alexej in diesem Zustand, ohne es zu merken, eigenartig auf seine Umgebung wirkte. Er wirkte neuerdings sowieso eigenartig, allein schon wegen seiner Kutte. Wenn er wieder zu sich kam, dann schämte er sich immer ein wenig, und der Grund dafür war, daß er sich nach wie vor der Eitelkeit zieh. Immer wieder sah er in den Augen der anderen seine eigene Selbstüberhebung (er sah sie besonders dann, wenn die anderen ihn für einen "einfachen, andächtigen Mönch" hielten).

Während er betete, trat der Mann auf ihn zu und sprach ihn an. Entschuldigung, sagte der Mann, es ist ... vielleicht etwas seltsam, daß ich Sie jetzt anspreche, denn wir haben ja vorhin die ganze Zeit gemeinsam im Zug gesessen ... (Alexej begriff erst nach einem Moment, daß jemand mit ihm sprach, er war gerade von einem hellen Licht, einer Liebe zu allen Dingen und einer Dankbarkeit für die Richtigkeit dieser Dinge, auch der Steine, auch der herumliegenden Papierfetzen, durchströmt) ... aber dennoch möchte ich Sie fragen, heißen Sie zufällig Alexej Lipskij

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