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Sax Roman von Muschg, Adolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.11.2010
  • Verlag: Beck
eBook (ePUB)
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Sax

Es ist nicht die Heizung, wenn es im Haus "zum Eisernen Zeit" im schweizerischen Münsterburg in den Wänden klopft. Die drei jungen Rechtsanwälte, die als "Trockenwohner" in die nicht geheuere Dachwohnung ziehen, scheinen die Wiedergänger eher anzuziehen, als sie zu vertreiben. Das beginnt mit dem Freiherrn von Sax und seiner tödlichen Schädelwunde - sie ist bis heute an der erhaltenen Mumie zu besichtigen - , aber mit ihm endet es nicht, und nicht einmal mit dem "Gespenst des Kommunismus" und den bösen Geistern des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine Mitgift des Herrn von Sax spukt freilich durch alle Kapitel dieses Romans: die berühmteste Minnehandschrift des Mittelalters, die er als Kriegsbeute mitgehen ließ. Diese Handschrift lebt. Wer sie öffnet, wird mit Haut und Haar hineingezogen. Das gilt auch für dieses Buch.
Mit Figuren wie von Fellini und einer labyrinthischen Architektur bereitet uns der Roman ein aufregendes, mitunter abgründiges Leseerlebnis. Wer den Sehnsüchten, Liebesgeschichten, Plänen und Karrieren von Muschgs Figuren nachforscht und dabei die dünne Wand zwischen den Lebenden und Toten durchstößt, begegnet der Frage, die beide Seiten umtreibt: die nach dem gelebten und dem ungelebten Leben. Spannend, hoch erotisch und visionär: das Leseabenteuer einer Geisterbeschwörung.

Adolf Muschg, geboren 1934 in Zürich, war u.a. von 1970 - 1999 Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich und von 2003 - 2006 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Sein umfangreiches Werk, darunter die Romane "Im Sommer des Hasen" (1965), "Albissers Grund" (1974), "Das Licht und der Schlüssel" (1984), "Der Rote Ritter" (1993), "Sutters Glück" (2001), "Eikan, du bist spät" (2005) und "Kinderhochzeit" (2008), wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Georg-Büchner-Preis und dem Grimmelshausen-Preis. Unter dem Titel "Wenn es ein Glück ist" erschienen 2008 seine Liebesgeschichten aus vier Jahrzehnten. Seine essayistischen Werke beschäftigen sich u.a. mit "Literatur als Therapie?", Gottfried Keller, Goethe und Japan. 2005 erschienen im Verlag C.H.Beck Muschgs Reden "Was ist europäisch?".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 459
    Erscheinungsdatum: 22.11.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406615184
    Verlag: Beck
    Größe: 689kBytes
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Sax

1
April 1970. Dach
Thomas Schinz, Privatbankier, hatte von seinem Rotarier-Freund Peter Leu am 6. April 1970 gerade eine rote Mauritius erworben und sich zur Feier des Tages eine Zigarre angesteckt. Darauf wünschte er, auf die legendäre Aussichtsterrasse der Liegenschaft geführt zu werden. Der Briefmarkenhändler erbleichte.
Als sie nach einer halben Stunde wieder in die Beletage zurückgekehrt waren, legte Leu ein umfassendes Geständnis ab. Der Bankier war auf vieles gefaßt gewesen, auf eine endgültig zerstörte Ehe, eine Krankheit zum Tode, eine verheimlichte Straftat und natürlich auf einen Konkurs. Aber nicht auf eine Gespenstergeschichte.
Um vier Uhr nachmittags hatte ihn Leu vor dem Hauptportal des Hauses "zum Eisernen Zeit" in Empfang genommen. Schinz inspizierte die Sonnenuhr über dem Torbogen; ein Metallstab ragte schräg aus der Sandsteinfront und kam eigentlich nie in den Fall, seinen Schatten auf den Fächer mit der Stundenskala zu werfen, denn die Hausfront lag zur Nordseite hin. Ultima necat lautete die Devise im geknickten Spruchband, und Leu lieferte gleich die Übersetzung: "Die letzte tötet." Schinz bemerkte nur, daß eine Uhr, die gar keine Stunden anzeige, auch keine letzte zu melden habe. Aber auch er wußte einen Spruch, mit dem er sich als Bub im Album der Mädchen verewigt hatte: "Mach es wie die Sonnenuhr,/ Zähl die heitern Stunden nur."
Das Bronzeschild an der Tür zeigte Leus Geschäftsadresse an. Darunter ein doppelt gewinkelter Pfeil: "Hermann Frischknecht, Velos".
Der ist doch Kommunist? fragte Schinz. Leu erklärte, Hermann sei sonst ein ordentlicher Mann, ein guter Handwerker. Seine Werkstatt im Soussol, nur von der Hofseite zugänglich, störe sehr wenig, auch sei er ein pünktlicher Zahler.
Doch mal sehen, was der für eine Ordnung hat, entschied Schinz.
Leu ging voran, in die Kluft zwischen den Häusern, eine Sackgasse ohne Namen, in der sich ein Torbogen öffnete; sie gelangten in den Hof des "Eisernen Zeit". Er lag fast ganz im Laubschatten; die Linde mußte so alt sein wie die Häuser, von denen nur die Rückseite zu sehen war, mit Ausnahme der Biedermeierfront des Hauses "zum Schwarzen Garten". Der Stamm war von Fahrrädern umlagert. Eines stand aufgebockt unter dem offenen Vordach, wo Frischknecht im Blaumann zugange war, ein Riese mit rosiger Tonsur im schütter gewordenen Haar.
Schinz erkundigte sich nach den Parolen zum 1. Mai und wollte wissen, wie sich Frischknechts Partei die wild gewordenen Studenten vom Leib zu halten gedenke. Die Auskunft war unbestimmt, aber höflich.
Typen wie Frischknecht behielten was Solides, befand Schinz auf dem Rückweg. Ihre politischen Hörner seien zwar kurz, aber wirksam, während die linken Geweihe, die sich Sohn Jacques und Genossen aufgesetzt hätten, nur zum Abstoßen gut seien.
Sie traten in Leus"Schatzkammer", und Vera, die graublonde Sekretärin, erstarrte, als ihr Schinz mit der qualmenden Zigarre zuwinkte. Aber die Preziose lag hinter Glas wie ein medizinisches Präparat. Schinz beugte sich über das Miniaturprofil der jugendlichen Königin Victoria; er setzte die Musterung durch eine langstielige Lupe fort. Dann lehnte er sich in den Ledersessel zurück und hauchte Ringe gegen die Decke. Der Kopf des Fünfzigjährigen war rosig gepolstert und das graublonde Haar in der Mitte zu einer doppelten Mähne gescheitelt. Auch Peter Leu trug das Emblem der Rotarier am Revers, aber die großen Augen über der dünnen Nase blickten unstet, und sein schmaler Mund wurde von Hungerfalten abgeschnitten. Er legte die Hände zusammen; so ließ sic

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