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Scham und Schande Roman von Rushdie, Salman (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.01.2019
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Scham und Schande

Eine fesselnde und erstaunliche Geschichte, die mit jedem Tag aktueller wird "Scham und Schande" ist ein vor Fantasie schäumendes Märchen über ein ungenanntes Land, das "nicht ganz Pakistan" ist, und der Roman, der für Salman Rushdies modernen Klassiker "Die satanischen Verse" den Weg bereitete. In dieser grandiosen Geschichte über ein fortwährendes Duell zwischen den Familien zweier Männer - der eine ein gefeierter Kriegsführer, der andere ein hemmungsloser Liebhaber des Vergnügens - schildert Rushdie brillant eine Welt, die zwischen Ehre und Demütigung gefangen ist. Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, studierte in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman "Mitternachtskinder" wurde er weltberühmt. Seine Bücher erhielten renommierte internationale Auszeichnungen, u.a. den Booker Prize, und sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2008 schlug ihn die Queen zum Ritter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 14.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641232719
    Verlag: Penguin Verlag
    Originaltitel: Shame
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Scham und Schande

Erstes Kapitel
Der Stumme Diener

In der entlegenen Grenzstadt Q., die aus der Vogelperspektive am ehesten einer missproportionierten Hantel gleicht, lebten einmal drei liebliche und liebende Schwestern. Ihre Namen ... doch ihre richtigen Namen wurden nie benutzt, wie das beste Geschirr im Haus, das nach der Nacht ihrer gemeinsamen Tragödie in einen Schrank gesperrt wurde, dessen Standort allmählich in Vergessenheit geriet, sodass das prunkvolle tausendteilige Service aus den Gardner-Manufakturen im zaristischen Russland zum Familienmythos wurde und sie nach einer Weile nicht mehr so recht wussten, ob es das Geschirr überhaupt je gegeben hatte ... die drei Schwestern, sollte ich ohne weitere Verzögerung bemerken, trugen den Familiennamen Shakil und waren (in absteigender Reihenfolge des Alters) allgemein als Chhunni, Munnee und Bunny bekannt. Und eines Tages starb ihr Vater.

Der alte Mr. Shakil, zum Zeitpunkt seines Todes seit achtzehn Jahren verwitwet, hatte die Eigenart entwickelt, die Stadt, in der er lebte, als Höllenloch zu bezeichnen. In seinem letzten Delirium holte er zu einem ununterbrochenen und weitgehend unverständlichen Monolog aus, dessen wirren Abschweifungen die Hausangestellten lange obszöne Passagen, Flüche und Verwünschungen entnehmen konnten, deren Blutrünstigkeit die Luft um sein Bett in Wallung brachte. In dieser Abrechnung verbreitete der verbitterte alte Einsiedler noch einmal seinen lebenslänglichen Hass auf seine Vaterstadt; im einen Augenblick rief er Dämonen herbei, die den Wirrwarr der niedrigen graubraunen Gebäude, die wie Kraut und Rüben um den Basar verstreut waren, zerstören sollten; im nächsten verdammte er mit vom Tode verkrusteten Worten die kühle weiß gekalkte Adrettheit des Kolonialviertels. Die zwei Kugeln der hantelförmigen Stadt: Altstadt und Kolonialviertel; Erstere war von der einheimischen kolonisierten Bevölkerung bewohnt und Letzteres von den ausländischen Kolonialisten, den Angrez, das heißt britischen Sahibs. Beide Welten waren dem alten Shakil verhasst, und er hatte sich seit vielen Jahren hinter den hohen Mauern seiner gigantischen festungsähnlichen Residenz verschanzt, deren Fenster größtenteils auf einen schachtartigen, lichtlosen Innenhof blickten. Das Haus lag neben einem offenen Markt und war von Basar und Kolonialviertel gleich weit entfernt. Durch eins der wenigen zur Straße gehenden Fenster konnte Mr. Shakil von seinem Totenbett aus auf die Kuppel eines großen, im Stil Palladios gebauten Hotels starren, das wie eine Luftspiegelung aus den Straßen des unerträglichen Kolonialviertels ragte und in dem es goldene Spucknäpfe und zahme Klammeraffen in Uniformen mit Messingknöpfen und Pagenkäppis gab und ein volles Orchester, das jeden Abend in einem stuckverzierten Ballsaal zwischen unbeirrt üppig wuchernden fantastischen Gewächsen, gelben Rosen und weißen Magnolien und haushohen smaragdgrünen Palmen spielte - kurzum, das Hotel Flashman, dessen große goldene Kuppel schon damals einen Riss hatte, aber desungeachtet mit dem schwerfälligen Stolz ihres kurzen, dem Untergang geweihten Glanzes schimmerte; jene Kuppel, unter der sich allabendlich die uniformierten und gestiefelten Angrez-Offiziere und die Zivilisten mit weißen Krawatten und die beringten und gelockten Damen mit hungrigen Augen versammelten, die aus ihren Bungalows hierherkamen, um zu tanzen und sich gemeinsam der Illusion hinzugeben, sie seien farbenprächtig - während sie doch in Wirklichkeit bloß weiß oder vielmehr grau waren, infolge der schädlichen Wirkung der lähmenden Hitze auf ihre zarte, unter Wolken gewachsene Haut und dank ihrer Gewohnheit, unter nobler Missachtung der Leber in der teuflischen mittäglichen Sonnenglut schwere Burgunder zu trinken. Aus dem goldenen Hotel hörte der alte Mann die Musik der Imperialisten schallen, aus der die Ausgelassenheit der Verzweiflung dröhnte, und er verwünschte das Hotel der Träume mit lauter, klarer Stimme.

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